Das Gebet des Herrn
Das Gebet des Herrn

08.12.2017

Papst-Interview zum Vaterunser Versuchung und Gottes Wille

Will der Papst eine Zeile im bekanntesten Gebet der Christenheit ändern? Die Aufregung ist groß - aber zunächst wenig gerechtfertigt, wie der Zusammenhang zeigt: Zwei Seelsorger tauschen sich über Erfahrungen aus.

Mit einer Äußerung zum Vaterunser-Gebet hat Papst Franziskus in Europa für teils erhebliche Diskussionen gesorgt. Die letzte Bitte - "führe uns nicht in Versuchung" - sei "keine gute Übersetzung", sagte Franziskus in einem Interview des italienischen Senders TV2000, das am Mittwochabend ausgestrahlt wurde. Nicht Gott, sondern der Satan führe in Versuchung. Der Papst verwies auch auf einen Beschluss der französischen Bischöfe, die offizielle Übersetzung zu ändern: "Lass uns nicht in Versuchung geraten".

Eine andere Bitte im Vaterunser, die mitunter ebenfalls für Diskussionen sorgt, lautet: "dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden". Manche missverstehen dies als ein passives Hinnehmen auch allen Leids auf der Welt. In dem entsprechenden Beitrag von Mitte November fragt ihn der Interviewer, der Gefängnisseelsorger Marco Pozza aus Padua, wie man Gottes Willen und den eigenen unterscheiden könne.

Wer Gott sucht, der findet ihn

Der Papst antwortet zunächst mit Verweis auf die Zehn Gebote als einer "Synthese von Gottes Willen", wie er ihn seinem Volk geoffenbart habe. "Wenn wir ernsthaft und offen für Gott sind, schaffen wir es, Gottes Willen zu tun", so Franziskus. Denn Gott verberge seinen Willen nicht. Wer Gott wirklich suche, dem helfe er auch, ihn zu verstehen.

Wem Gott egal ist, wer ihn nicht sucht, "den lässt Gott - und wartet auf ihn. Er wartet immer", so Franziskus. Gottes Wille laute schlicht: nicht stehlen, nicht töten, kein Böses tun, die Wahrheit sagen, so der Papst. Und je mehr man sich dafür öffne, desto sensibler werde das Gespür für die feinen Gesten, in denen sich Gottes Wille zeige.

TV-Serie als Gespräche eines Seelsorgers 

Die Serie "Padre nostro" (Vaterunser) des katholischen Senders TV2000 geht in jeweils 50-minütigen Folgen den einzelnen Bitten des Gebets nach. Die ersten drei bis fünf Minuten zeigen Ausschnitte aus dem Gespräch Pozzas mit dem Papst, das nach Angaben des Senders bereits im August aufgezeichnet wurde. Darin schildert der Gefängnisseelsorger oft eigene Sorgen oder gibt Fragen weiter, die an ihn herangetragen wurden. Die Interviews werden so fast zum Erfahrungsaustausch zweier Seelsorger.

Im weiteren Verlauf der Folgen geht Pozza dem Thema an verschiedenen anderen Orten nach. In der Folge zu Gottes Willen etwa besucht er diverse Sozialeinrichtungen. Und über die Versuchung spricht Pozza ausführlich mit dem italienischen Philosophen und Psychologen Umberto Galimberti.

Evangelische Kirche sieht keinen Änderungsbedarf

In die Debatte um die Formulierung des Vaterunser haben sich jetzt auch evangelische Stimmen eingeschaltet. Sie sprechen sich für eine Beibehaltung des strittigen Wortlauts "führe uns nicht in Versuchung" aus. So erklärte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auf Facebook: "In der neuen Luther-Bibel 2017 heißt es übrigens (und dabei bleiben wir auch): 'Und führe uns nicht in Versuchung'."

Reformator Martin Luther (1438-1546) habe diese Bitte so erklärt, schreibt die EKD weiter: "Gott versucht zwar niemand; aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Missglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster; und wenn wir damit angefochten würden, daß wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten."

Gebet geändert in Frankreich

Die Debatte entzündet sich an einer Neuübersetzung aus Frankreich. Seit dem ersten Advent beten die französischen Katholiken: "Lass uns nicht in die Versuchung eintreten."

Die in Deutschland gebräuchliche Fassung von 1971 wurde von Katholiken und Protestanten gemeinsam erarbeitet.

Zwang zur Moderne?

Gegen eine Änderung wandte sich auch der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Volker Jung. Die deutsche Übersetzung gebe den griechischen Text angemessen wieder, erklärte er auf der Homepage seiner Landeskirche. Eine Änderung halte er nicht für erforderlich, er freue sich aber, "wenn der Vorschlag des Papstes dazu führt, dass über das Vaterunser neu nachgedacht wird".

Die Münchner Regionalbischöfin der bayerischen Landeskirche, Susanne Breit-Keßler, zeigte sich in einem Interview des "Münchner Merkurs" (Freitag) "nicht begeistert" von dem Änderungsvorschlag. Falls die Katholiken eine Änderung beschlössen, heiße das nicht, "dass wir als evangelische Kirche sie übernehmen", betonte Breit-Keßler. Sie habe die Erfahrung gemacht: "Man muss die Bibel oder Gebete nicht zwanghaft moderner machen."

Roland Juchem
(KNA)

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