Ein Stolperstein des Künstlers Gunter Demnig
Ein Stolperstein des Künstlers Gunter Demnig
Aktionskünstler Gunter Demnig mit einem Stolperstein
Aktionskünstler Gunter Demnig mit einem Stolperstein

27.10.2017

Erfinder des NS-Gedenkprojekts "Stolpersteine" wird 70 Mahnmale für Kopf und Herz

Jeder kennt sie: Die kleinen "Stolpersteine" im Gehweg, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Der Erfinder des "Kunstprojekts für Europa", Gunter Demnig, wird an diesem Freitag 70. Und denkt noch lange nicht ans Aufhören.

"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", heißt es im Talmud. Gegen dieses Vergessen kämpft der Künstler Gunter Demnig mit Kelle und Mörtel - und mit dem Verlegen von "Stolpersteinen" für Opfer der Nationalsozialisten. Die zehn Quadratzentimeter kleinen Messingplatten im Gehweg erinnern an Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte, politisch und religiös Verfolgte. Über 63.000 "Stolpersteine" von Demnig pflastern die Straßen in 21 Ländern. An diesem Freitag wird der Unermüdliche 70 Jahre alt.

"Spur der Erinnerungen in Köln

Begonnen hatte für den gebürtigen Berliner alles in Köln. 1990 gestaltete er dort die "Spur der Erinnerungen" zum Gedenken an die Deportation von 1.000 Roma und Sinti 1940 durch die Nazis. Da habe eine Frau behauptet, hier hätten niemals "Zigeuner" gelebt. "Mir ist das Kinn runtergefallen, als sie das gesagt hat", erinnert sich der Mann mit dem Schlapphut. "Da war mir klar: Ich muss weitermachen."

So verlegt Demnig seit 25 Jahren vor den letzten freigewählten Wohnungen von Naziopfern kleine Messingquader mit den Lebensdaten der Betroffenen. Seine inoffizielle Premiere erlebte das Projekt im Dezember 1992 vor dem Kölner Rathaus.

Über die Jahre haben sich die Stolpersteine zur weltweit größten dezentralen Gedenkstätte entwickelt. Ein Team um den Bildhauer, der Kunst und Kunstpädagogik in Berlin und Kassel studiert hat, unterstützt ihn bei Recherche und Herstellung der Stolpersteine. Das Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden recherchiert zu jedem Opfer und veröffentlicht die Zeugnisse in mehreren Sprachen. Apps und ganze Bücher dokumentieren das Projekt.

Anfragen aus der Bevölkerung

Eine von Demnig gegründete Stiftung soll die Fortführung seiner Mission sicherstellen. Wichtig ist ihm, dass die Initiative zu den Verlegungen nicht von ihm, sondern von den Bürgern ausgeht. Meist fragten Geschichtsvereine an, inzwischen kämen aber auch die Urenkel von Naziopfern auf ihn zu, die in den USA, Südamerika oder Israel leben. 120 Euro kostet ein Stein. Termine für Verlegungen sind über Monate ausgebucht.

Drei Viertel des Jahres reist der Idealist in Sachen "Stolpersteine" durch die Lande, übernachtet in Naturfreundehäusern, hält Vorträge und schafft neue Gedenkorte - "niederschwellig" im Wortsinn. Die Verlegungen sind meist kleine Feierstunden, bei denen Demnig die Steine in den Boden einlässt und vielleicht ein Initiator das Wort ergreift. Trotz seiner langjährigen Routine ist der Künstler immer wieder bewegt von dem Geschehen.

"Sie lassen die Deutschen ein ums andere Mal über die nationalsozialistischen Verbrechen stolpern und halten so die Erinnerung an die Opfer wach", hieß es in der Jury-Begründung zum Marion Dönhoff Preis für internationale Verständigung und Versöhnung - eine der vielen Auszeichnungen für Demnig.

Die größte Genugtuung bereite ihm aber das Interesse der jungen Generation an seinem Projekt, bekräftigt er. Die Jugendlichen fragten sich, "wie so etwas im Land der Dichter und Denker passieren konnte". Demnig: "Da merke ich, es kommt was zurück, das ist eine wirklich tolle Erfahrung."

Projekt erntet auch Widerstand

Dass das Projekt auch handfesten Widerstand provoziert, damit kann sein Erfinder leben. Hundertfach wurden Stolpersteine beschmiert, verklebt oder herausgerissen. So etwa am Jahrestag der Novemberpogrome 2012 in Greifswald. Darauf startete die Evangelische Studentengemeinde eine Spendenaktion für die Erneuerung der elf Steine, die inzwischen umgesetzt ist.

Der Kritik, Neonazis könnten mit ihren Springerstiefeln auf dem Andenken der Opfer herumtrampeln, hält Demnig entgegen, dadurch würden die Steine umso blanker. Und: "Wer eine Inschrift auf einem Stolperstein lesen will, muss sich automatisch vor den Opfern verbeugen."

Jetzt hat Demnig sein Atelier von Frechen bei Köln ins hessische Alsfeld verlegt. Dort sei er praktisch mitten in Deutschland, was günstig für seine vielen Reisen ist. Denn auch mit 70 Jahren hat der Künstler noch viel vor - trotz mancher Unbill. So muss er sich am überstrapazierten rechten Handgelenk operieren lassen. Gunter Demnig: "Dann mache ich eben mit Links weiter."

Sabine Kleyboldt
(KNA)

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