Publikum bei einem Rockkonzert
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Renardo Schlegelmilch
Renardo Schlegelmilch

27.09.2017

Neues Buch über Religion in der Popmusik "Ein kleiner Anstoß im Alltag"

"God is a DJ" von Faithless oder "Personal Jesus" von Depeche Mode: Für den Publizisten und domradio.de-Redakteur Renardo Schlegelmilch zeigen diese Lieder, wie eng Musik und Religion zusammenhängen. Das beschreibt er in seinem neuen Buch.

KNA: "If you believe", heißt ihr Buch. Wie sind Sie zu Ihrem Thema gekommen?

Renardo Schlegelmilch (Publizist und domradio.de-Redakteur): Im Radioalltag setze ich mich einerseits täglich mit Popmusik auseinander, andererseits mit Religion. Da sammeln sich über die Jahre verschiedene Geschichten. Anfang des Jahres habe ich für die Würzburger Zeitung "Die Tagespost" einen Beitrag über Bruce Springsteen geschrieben - innerhalb einer Serie über Rockstars und Glaube. Springsteen wurde katholisch erzogen und hadert in seiner Musik mit der Kirche. Zugleich geht es in vielen seiner Lieder um die Suche nach Halt im Leben. Diesen Artikel hat der Chef vom Echter Verlag gesehen - und mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, dieses Buch zu schreiben.

KNA: Die Bandbreite der Lieder, die Sie vorstellen, ist groß.

Schlegelmilch: Spiritualität spielt für mehr Künstler eine Rolle, als man meint. Ein Musiker wie Sting, der auf den ersten Blick nichts mit Religion am Hut hat, sagt beispielsweise, Musik sei seine Religion. Manche Künstler nutzen religiöse Texte als Inspiration, zum Beispiel Tom Jones in "Delilah". Das Lied erzählt die Geschichte von Samson und Delila: Frau betrügt Mann, Mann bringt Frau um. Zugleich gibt es Künstler, für die der Glaube ein Lebensthema ist. Manche sind tiefgläubig, etwa Leonard Cohen oder Yusuf Islam alias Cat Stevens.

KNA: Andere Künstler behandeln das Thema eher indirekt ...

Schlegelmilch: Genau, sie befassen sich mit ihrem Inneren und streifen dabei eine religiöse Ebene, auch wenn sie sie nicht direkt benennen. Das beste Beispiel ist das Lied, das meinem Buch den Titel gibt: "If you believe" von Sasha. Ich habe mich dagegen gewehrt, dieses Lied aufzunehmen, weil ich kein Sasha-Fan bin. Aber im Text geht es um Liebe und Treue; man kann sagen: um Liebe vor Gott und um Entweltlichung. In dem Lied heißt es: "We leave the world behind us" - wenn wir unsere Liebe gefunden haben, dann erreichen wir eine andere Ebene der Beziehung und stehen in gewisser Weise außerhalb der Welt. Das ähnelt dem, was das Evangelium sagt.

KNA: Welche weiteren Gemeinsamkeiten haben Musik und Religion?

Schlegelmilch: Beides sind archaische Erfahrungen, die man nicht hundertprozentig mit Worten beschreiben kann. Martin Luther hat Musik als zweitwichtigsten Punkt des Glaubens nach der Theologie genannt, weil man bei ihr nichts erklären muss und sie direkt ans Herz geht. Ohne Musik würde ein Gottesdienst nicht funktionieren.

KNA: Stichwort Gottesdienst: Bistümer wie Essen gehen mit Popkantoren moderne Wege. Was halten Sie davon?

Schlegelmilch: Ich würde sagen, jedem das Seine. Wenn ich zum Pontifikalamt in den Kölner Dom gehe, möchte ich nicht unbedingt Musik von Leonard Cohen oder Johnny Cash hören. Aber in der richtigen Situation: warum nicht? Es gibt Popsongs, in denen religiöse Erfahrungen und Ansichten stecken - die kann man auch in einen Gottesdienst einbringen.

KNA: Ihr Buch beleuchtet verschiedene Jahrzehnte. Lässt sich eine Entwicklung beobachten, was die Beschäftigung mit Religion angeht?

Schlegelmilch: Es gibt Unterschiede. In den 50er und 60er Jahren war das ein ernstes Thema, das mit viel Schwere behandelt wurde. Das hat nichts damit zu tun, ob die Künstler der Religion positiv oder negativ gegenüber standen - man findet beides. In den 70er und 80er Jahren wollten die Künstler oft provozieren. "Like a Prayer" von Madonna existiert eigentlich nur, um die Elterngeneration und das Establishment zu schockieren.

KNA: Und heute?

Schlegelmilch: Heutzutage ist die Auseinandersetzung individueller. Ein Künstler wie Hozier singt in "Take Me to Church" darüber, wie furchtbar die Kirche als Einrichtung sei - er bezieht sich auf die extremen Religionskonflikte in Irland. Andererseits arbeitet Marteria in dem Hiphop-Song "OMG!" lustige Wortspiele heraus. Vielleicht kann man Menschen auf so eine humorvolle Art sogar an Religion heranführen.

KNA: An "Like a Prayer" und anderen Liedern hat die Kirche durchaus Kritik geübt. War das - im Nachhinein gesehen - etwas kleinlich?

Schlegelmilch: Das hätte ich spontan auch gesagt, aber angesichts der Hintergründe kann ich die Kritik durchaus verstehen. Nicht so sehr an dem Lied "Like a Prayer", aber daran, wie Madonna als Künstlerin mit dem katholischen Glauben umgeht. Auf einer Tour vor 10, 15 Jahren hat sie sich an einer Stripperstange in Form eines Kreuzes abgeseilt und darum herum das letzte Abendmahl inszeniert. Kritik ist nicht kleinlich, wenn eine Show religiöse Gefühle verletzt - das haben in diesem Fall auch jüdische und muslimische Verbände in Italien so gesehen.

KNA: Insgesamt steckt also doch viel Ernsthaftes in der unterhaltsamen Popmusik - oder darf man das Ganze nicht zu ernst nehmen?

Schlegelmilch: Es ist und bleibt Popmusik, und man sollte nicht zu viel hineindeuten. Es ist eine Unterhaltungsform, die aber insofern eine ernste Dimension hat, als Künstler ihre Gedanken und Lebenserfahrungen einbringen. Wenn Leonard Cohen mit 82 Jahren, kurz vor seinem Tod, über den Übergang am Lebensende singt, ist das durchaus ein ernstes Thema. Das heißt nicht, dass Menschen sich das Lied anhören und in Trauer verfallen sollen. Aber es kann im Alltag einen kleinen Anstoß geben.

Das Interview führten Sabine Just und Paula Konersmann.

(KNA)

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