Wallfahrtsort Medjugorje
Wallfahrtsort Medjugorje
Vatikanexperte Ulrich Nersinger
Vatikanexperte Ulrich Nersinger

20.07.2017

Theologe zu den Erfolgsaussichten von Medjugorje "Zahl macht misstrauisch"

Unglaubliche 47.000 Mal soll die Gottesmutter Maria in den vergangenen 36 Jahren in Medjugorje erschienen sein. Ob der Vatikan den Wallfahrtsort nun tatsächlich anerkennt, ist jedoch zweifelhaft, sagt Theologe Nersinger bei domradio.de.

domradio.de: Um was für Marienerscheinungen handelt es sich?

Ulrich Nersinger (Theologe und Vatikanexperte): Das ist natürlich eine Zahl, die misstrauisch macht. Erscheinungen machen den Vatikan aber immer misstrauisch. Man geht also sehr vorsichtig damit um, aber in Medjugorje haben wir eine so große Zahl, dass viele Experten in Zweifel geraten und sich die Sachen genau anschauen möchten.

domradio.de: Wem ist denn die Gottesmutter erschienen?

Nersinger: Ursprünglich waren es junge Leute. Die erste Erscheinung war im Juni 1981, sie ist bestimmten Kindern erschienen. Dann ist der Kreis der Seherinnen und Seher gewachsen. Die Botschaften an sich sind nicht sehr schwerwiegend. Sie haben nicht die Dramatik, wie wir sie von Fatima kennen. Aber das, was am meisten beindruckt - aber auf der anderen Seite auch misstrauisch macht - ist eben diese enorm hohe Zahl.

domradio.de: 47.000 Marienerscheinungen - das ist kaum zu glauben. Und doch kommen jährlich 2,5 Millionen Pilger nach Medjugorje. Wie erklären Sie sich das?

Nersinger: Das ist ein Phänomen, was man sich ganz genau anschauen muss. Es ist unbestritten, dass wir in Medjugorje eine Belebung des geistlichen Lebens haben. Wir haben sehr viele Beichten, viele Bekehrungen. Aber das muss nicht unbedingt damit zusammen hängen. Es gibt immer Orte, wo Leute hinkommen und dann in einer gemeinsamen Gebetsatmosphäre handeln. Das ist natürlich etwas Positives.

domradio.de: Kommen die Leute aus der Region oder ist das international?

Nersinger: Das ist wirklich international. Es kommen auch Leute aus Übersee oder aus Deutschland. Die Anhänger und Begeisterten, die immer wieder nach Medjugorje kommen, stammen auch aus ganz unterschiedlichen ideologischen Kreisen.

domradio.de: Jetzt richten sich viele Augen auf Papst Franziskus. Sie erwarten eine Entscheidung und wünschen sich, dass der Papst Medjugorje offiziell anerkennt. Warum ist es so schwer für den Vatikan, diese Entscheidung zu treffen?

Nersinger: Das ist immer schwierig. Wenn man sich die Geschichte der Marienoffenbarungen in den einzelnen Wallfahrtsorten anschaut, auch bei anerkannten Wallfahrtsorten wie Fatima oder Lourdes, werden Sie immer sehen, dass der Vatikan sich immer sehr schwer getan hat - und sehr genau, hart und scharf auf diese Phänomene geschaut hat.

Das ist immer die Linie der Kirche gewesen, dass man sich nicht einfach beindrucken lässt von Erzählungen. Ich kann mich entsinnen, dass einer meiner Professoren in Rom zu mir sagte: Schauen Sie bei solchen Phänomen ganz genau hin. Glauben Sie nicht alles, seien Sie misstrauisch. Und vertrauen Sie noch nicht einmal dem frommen Augenaufschlag einer Ordensschwester.

domradio.de: Wie könnte denn jetzt eine Lösung aussehen?

Nersinger: Es gab vor einigen Jahren, als ein römischer Kardinal damit beschäftigt war, einen Vorschlag. Der lautete: Vermutlich sind die ersten Marienerscheinungen echte Erscheinungen gewesen. Bei den Nachfolgenden müssen wir wirklich Fragen stellen. Das könnte eine salomonische Lösung des Problems sein. Dass man sagt: Die ursprünglichen Erscheinungen haben vermutlich einen Echtheitswert. Und bei den anderen müssen wir im Zweifel bleiben.

Aber die Kirche ist natürlich gegenüber ihren Gläubigen verpflichtet, eine Entscheidung zu fällen. Wobei man aber auch nicht vergessen darf, dass die Kirche niemanden verpflichtet - auch nicht bei den anerkannten Wallfahrtsorten und Visionen - daran zu glauben. Denn für die Kirche ist die Offenbarung Gottes mit dem Neuen Testament abgeschlossen. Insofern ist das nicht heilsnotwendig. Aber es kann natürlich zu einer Belebung der Spiritualität und des geistlichen Empfindens führen.

Das Gespräch führte Hilde Regeniter.

(DR)

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