Blechbläser
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24.05.2017

Die Bundesrepublik und ihre Nationalhymne Paukenschlag und schräge Töne

Mit Inkrafttreten des Grundgesetzes am 24. Mai 1949 beginnt die Geschichte der Bundesrepublik. Eine Hymne kam erst vor 65 Jahren, im Mai 1952, hinzu. Das "Dramolett" dazwischen hat Historiker Clemens Escher untersucht.

Filmreif muss er gewesen sein, der Auftritt von Konrad Adenauer am 18. April 1950 im Berliner Titania-Palast. Das Kino im Bezirk Steglitz-Zehlendorf war nur eine Station beim ersten Berlinbesuch des Bundeskanzlers. Aber sein Solo sollte mit einem Paukenschlag enden. "Auf Einigkeit, auf Recht und Freiheit wollen wir das neue Deutschland bauen", rief der Regierungschef in rheinischem Singsang seinen Zuhörern entgegen und fügte hinzu: "Wenn ich Sie nunmehr, meine Damen und Herren, bitte, die dritte Strophe des Deutschlandliedes zu singen, dann sei uns das ein heiliges Gelöbnis, daß wir ein einiges Volk, ein freies Volk und ein friedliches Volk sein wollen."

Damit hatte der CDU-Politiker ein Thema auf die große Bühne gehoben, das schon länger vor sich hin köchelte - und geeignet war, die Bürger der noch jungen Bundesrepublik in Wallung zu versetzen. Denn tatsächlich war die Hymnenfrage bis dahin ungelöst, mehr noch: Der Parlamentarische Rat hatte sie im Grundgesetz nicht einmal anklingen lassen. "Man sah sich als Provisorium, wollte keine Fakten schaffen", sagt Clemens Escher. Der 36 Jahre alte Historiker und wissenschaftliche Mitarbeiter im Bundestag ist für seine Dissertation dem "Hymnenstreit" auf den Grund gegangen, sein Buch "Deutschland, Deutschland, Du mein Alles!" erschien soeben im Paderborner Ferdinand Schöningh Verlag.

Vorschlagsrecht bei Bundespräsident Heuss

Auf Adenauers Vorstoß folgte Bundespräsident Theodor Heuss. Bei dem lag nämlich, so zumindest hatte es ein Rechtsgutachten ergeben, das Vorschlagsrecht - der Bundeskanzler sollte lediglich gegenzeichnen. In seiner Neujahrsansprache stellte Heuss am 31. Dezember 1950 den Radiohörern eine von ihm in Auftrag gegebene Komposition vor. Der Text sprach von Deutschland als "Land des Glaubens", "Land der Hoffnung" und "Land der Liebe" - eine Anspielung auf den vom Apostel Paulus im Brief an die Korinther formulierten Dreiklang aus Glaube, Hoffnung und Liebe.

Das Echo fiel freilich wenig harmonisch aus. Eine "unerträgliche Säkularisierung christlicher Wirklichkeiten" befand etwa Rolf Fechter im "Rheinischen Merkur". Der Poet Gottfried Benn ätzte: "Der Text ganz ansprechend, vielleicht etwas marklos, der nächste Schritt wäre dann ein Kaninchenfell als Reichsflagge." Auch Umfragen ließen "Theos Nachtlied" schnell alt aussehen - das von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben verfasste "Lied der Deutschen", dessen dritte Strophe Adenauer hatte anstimmen lassen, landete dagegen in der Gunst des Publikums immer wieder weit vorn.

Kann ein Songcontest helfen?

Der "Sängerwettstreit" an der Spitze der Regierung brachte aber offenbar die deutsche Seele zum Schwingen. Bereits zuvor kursierten Ideen für eine Hymne; nun aber machte sich das Volk der Dichter und Denker, wenige Jahre zuvor eher eines der Schlächter und Henker, mit der ihm eigenen Gründlichkeit ans Werk. Insgesamt gingen rund 2.000 Vorschläge im Bundespräsidialamt aber auch in anderen Regierungsstellen ein. Knapp die Hälfte der Absender war älter als 60, die deutliche Mehrheit männlich.

Gut möglich, dass deswegen in der jungen Demokratie die Anreden noch nicht so recht saßen. Manch einem Briefeschreiber floss der Herr Reichspräsident oder der Herr Reichskanzler allzu leicht aus der Feder. Auch der Geist der Nazizeit wehte hier und da durch die Reime: "Dann erhebst du deine rechten Arme, zum Himmel ach, empor." Oft aber, sagt Escher, schimmerte "etwas Träumerisches, etwas stark in der deutschen Romantik Verhaftetes" durch. "Die Deutschen waren durch den Krieg erschöpft, verunsichert, zugleich aber auch aufgeputscht. Deswegen suchten sie in den Sehnsuchtslandschaften des 19. Jahrhunderts ihre Ruhe."

Aufschlussreicher Briefwechsel

Das klang dann beispielsweise so: "Stürme brausen an die Küsten, deutsche Deiche halten stand." Auch Gott kam vor, mal als strafender Richter, mal als vergebender Erlöser. Die höchst irdische Frage nach der Hymne lösten Adenauer und Heuss im Mai 1952 im Rahmen eines Briefwechsels. Warum es schließlich doch Hoffmann von Fallersleben wurde, hatte laut Escher neben der Popularität des Liedes vor allem einen Grund: "Die dritte Strophe mit ihrem Ruf nach Einigkeit und Recht und Freiheit war damals brandaktuell."

Joachim Heinz
(KNA)

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