Zukunftforscher Matthias Horx: Immer mehr Menschen gehen "OMline"
Zukunftforscher Matthias Horx: Immer mehr Menschen gehen "OMline"
Zukunftforscher Matthias Horx
Zukunftforscher Matthias Horx

11.05.2017

Zukunftsforscher Matthias Horx sieht eine "neue Achtsamkeit" "Der Versuch einer Selbstkorrektur"

Immer mehr Menschen haben keine Lust auf digitale und mediale Überfrachtung. Das sagt der Zukunftsforscher Matthias Horx. Er macht als Gegenbewegung einen Trend zur neuen Achtsamkeit in der Gesellschaft aus. Ein domradio-de Interview. 

domradio.de: Unter dem Begriff "Achtsamkeit" kann man ja eigentlich alles und jedes verstehen. Was verstehen Sie als Zukunftsforscher darunter?

Matthias Horx (Zukunftsforscher und Gründer des Zukunftsinstituts): Man darf bei der Verwendung dieses Begriffs unsere mediale Überfütterung, unser "Zappeln" an den elektronischen Kanälen, nicht unerwähnt lassen. Und da ist Achtsamkeit schlichtweg nichts anderes als die Fähigkeit, auch mal abzustellen, abzuschalten, zu dosieren.

Jeder, der mit einem Smartphone umgeht, weiß, wie man süchtig werden kann nach diesen Dingern und dann die Illusion hat, dass man mit tausenden Freunden über Facebook in Beziehung ist. Das ist in Wirklichkeit aber nichts anderes als eine frustrierende Illusion. Irgendwann wird einen das einholen. Dann merkt man nämlich, dass man dabei vereinsamt. Und Achtsamkeit wäre die innere Erkenntnis, die psychologischen Kanäle, die man zu anderen Menschen hat, zu steuern. Aber das ist eben nur ein Teil der Achtsamkeit.

domradio.de: Aber würde das auch bedeuten, die Smartphones wegzulegen?

Horx: Wir haben da mal einen witzigen Begriff geprägt für diese Abteilung der Achtsamkeit. Wir haben das Ganze "OMline sein" genannt. Es geht also nicht darum, offline zu sein - das können wir gar nicht mehr und wollen wir auch gar nicht mehr. Sondern das "OM" ist eben diese seelische Ausgeglichenheitssilbe und das ist eigentlich das Ziel.

In Amerika sieht man das ja immer in extremen Formen, etwa dass die Leute wochenlang in die Wüste gehen und es genießen, dass sie quasi offline sind. Das wäre eine primitive Gegenform. Statt dessen geht es darum, wirklich die Medien, die wir haben, für das zu nutzen, was sinnvoll ist. Es geht ja darum, zu verstehen, wo menschliche Bindungen entstehen und wie wir wirklich kommunizieren.

In der Erweiterung ist Achtsamkeit aber noch etwas anderes: Da geht es nämlich um die Frage von Hysterisierung, Panik und Angst in der Gesellschaft. Da ist die Achtsamkeit gewissermaßen ein Versprechen, das wir unsere eigenen psychologischen Kompetenzen stärken können - Stichwort emotionale Intelligenz. 

domradio.de: Was hat die Achtsamkeit mit der Panik zu tun?

Horx: Wir sind ja alle unachtsam in Bezug auf das, was gefühlsmäßig mit uns gemacht wird. Wir leben in einem Zeitalter von Übererregung. Der Populismus ist ja nichts anderes als eine Art Hysterie in der Gesellschaft. Ganz viele Menschen glauben, die Welt steht kurz vor dem Untergang. Und diese Übererregung ist letztenendes nicht gut fürs Nervenkostüm einer Gesellschaft und eines Individuums. Achtsamkeit heißt eben, dass wir das nicht alles glauben. Es geht auch um den Umgang mit klassischen Medien und es geht um die innere Kompetenz - oder wenn man so will den inneren Frieden.

domradio.de: Sie teilen diesen neuen Achtsamkeitstrend, den Sie festgestellt haben, in zwölf Kategorien ein. In welchen Bereichen haben Sie konkret festgemacht, dass der Trend woanders hingeht? Wenn ich mich zum Beispiel in der Straßenbahn umgucke, sehe ich niemanden ohne Handy. 

Horx: Ja, Ihre Achtsamkeit wäre jetzt eben, dass Sie mal woanders hingucken. Das Sie nicht immer nur dahin gucken, wo Sie das erfahren, was Sie schon wissen. Und dann sehen Sie eben, dass ganz viele Menschen sich auch wirklich bemühen, mit diesem Problem neu umzugehen. Dann werden Sie zum Beispiel sehen, dass große Unternehmen - wir kennen da einige in unserem Kundenumkreis - jetzt Achtsamkeitsbeauftragte einsetzen. Die machen dann Angebote an die Mitarbeiter, dass sie in Stresssituationen gar nicht erst anfangen, ins Burnout zu gehen, sondern, dass sie tatsächlich anfangen, sich zu überprüfen: Wo stehe ich, was ist eigentlich mit meiner Seele, meiner Psyche? 

Das, was vielleicht früher die Kirchen als Funktion hatten, kommt heute in der aufgeklärten Gesellschaft wieder in verschiedenen Kulturformen. Oder denken Sie an andere Phänomene, wie den unglaublichen Siegeszug von Yoga, von Meditation. Das hat natürlich auch etwas damit zu tun. Obwohl die Achtsamkeit selbst als Trend nicht unbedingt nur spirituell ist und nicht nur als fernöstliches Phänomen zu sehen. Statt dessen geht es da um eine neue - wenn man so will - psychische Kompetenz der Menschen. 

domradio.de: Welche Altersgruppen und welche Bevölkerungsgruppen sind denn da besonders einfallsreich?

Horx: Alle. Ich würde sagen, dass es auch bei den Jüngeren inzwischen eine nicht mehr kleine Gruppe von Menschen gibt, die sagt: Ich habe sehr viele Computerspiele gespielt. Jetzt fange ich an, wieder Bücher zu lesen. Und wir sehen natürlich auch sehr viele Menschen im Alter zwischen 50 und 65, die verstehen, dass unsere Abhängigkeit von diesen überreizten Emotionen, die durch die Medien auf uns einprasseln, die Gesellschaft kaputtmacht - Stichwort: Fake News. 

domradio.de: Und wir wirkt sich dieser Trend der neuen Achtsamkeit auf die Gesellschaft aus? 

Horx: Auf jeden Fall gut! Das ist der Versuch eines Selbstkorrektur. Man hat ja oft das Gefühl, die Gesellschaft wird verrückt. Die Menschen werden hysterisch, sie können nicht mehr richtig miteinander kommunizieren, sie sähen nur noch Hass im Internet. Und wir wissen eben aus vielen Erfahrungen, dass es gegen jeden negativen Trend auch einen positiven Gegentrend gibt - eine Resilienz, eine Gesundheitskraft. Und das ist das, was wir momentan sehen, dass sich die Gesellschaft auch wieder berappeln kann, indem sie neue psychogische und Kulturtechniken entwickelt.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(dr)

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