Pastoralreferent Benjamin Floer
Pastoralreferent Benjamin Floer

24.08.2016

Pastoralreferent über christliches Zeitmanagment Weg vom "8-bis-17-Uhr-Denken"

Häufig ist der Alltag durchgetaktet wie ein Uhrwerk. Der Pastoralreferent Benjamin Floer kann die Uhr zwar nicht anhalten, aber er hilft dabei, sich von diesem Uhrwerk nicht hetzen zu lassen und es für sich zu nutzen.

domradio.de:  Was ist christliches Zeitmanagement?

Benjamin Floer (Pastoralreferent und Experte für Zeitmanagement): Zeitmanagement ist  schon seit Jahren in aller Munde. Damit ist also eine möglichst sinnvolle Strukturierung des Alltags gemeint. Mir fehlte dabei aber meist der geistige Aspekt, das heißt, dass es uns dabei also nicht immer nur um die Steigerung unserer Produktivität gehen soll, wir also nicht nur das "Immer mehr, immer mehr" im Sinn haben. Wir sollten uns stattdessen vielmehr fragen: "Wie finde ich Zeit für mich selber?" oder "Wie finde ich Zeit für Spiritualität?"  Dabei dürfen wir durchaus Dinge in den Mittelpunkt stellen, die uns selbst gut tun. Als ich anfing, mich mit christlichem Zeitmanagement zu befassen, habe ich zunächst bewusst die Kollegen in der Pastoral in den Blick genommen. Aber christliches Zeitmanagement richtet sich auch an alle anderen Menschen, denen im Alltag noch die Dimension für sich selbst fehlt.

domradio.de:  Wofür sollten wir uns denn Zeit nehmen?

Floer: Zum einen sollten wir uns Zeit für die Dinge nehmen, die uns wirklich wichtig sind; Zeit für die Familie zum Beispiel oder Zeit für Freunde. Dabei sollten wir nicht das vergessen, was bei vielen an letzter Stelle steht, nämlich die Zeit für uns selbst.  Denn was streichen wir normalerweise als erstes, wenn wir in den Kalender gucken und kürzer treten müssen? Die privaten Termine!  Ein weiterer Punkt ist die Spiritualität. Die fällt selbst bei vielen Kollegen aus der Pastoral hinten über. Die sagen dann: "Selber beten? Ich habe doch schon die Gottesdienste!" Ich antworte dann immer, dass es nicht um Zeit für den Dienst am Nächsten geht, sondern um Zeit für seinen persönlichen Glauben und die Lektüre der Bibel. Das finde ich ganz wichtig. Ich persönlich schaffe das nur, weil ich mir das morgens in meine Routine als festen Bestandteil integriert habe – ein bisschen lesen, ein bisschen beten und erst danach kommt alles andere.

domradio.de: Bleiben wir beim Beispiel der Familien, die jetzt wieder in die Schule starten. Wie sollen die das machen? Wenn Sie denen raten, morgens noch einmal fünf Minuten früher aufzustehen, hält sich die Begeisterung sicher in Grenzen…  

Floer: Dabei sind fünf Minuten fast zu knapp. Ich persönlich fange morgens um fünf an. Das liegt aber daran, dass ich mir gut überlegt habe, wofür ich dadurch freie Zeit gewinnen möchte. Ich mache morgens von fünf bis halb acht meine Büroarbeiten und dann holen mich meine Kinder zum Frühstück. Allein dieser Moment ist mir das frühe Aufstehen wert. Dann sage ich: "Ok, damit ich es mir leisten kann, zwei Nachmittage in der Woche für meine Familie frei zu machen, stehe ich gerne früher auf!" Wenn wir ehrlich sind, haben wir zwar viele Abendtermine, aber die letzte Stunde nutzen wir meist doch nur fürs Fernsehen oder anderen Blödsinn. Diese eine Stunde könnten wir auch früher ins Bett gehen.

domradio.de: Sie stehen also  wirklich morgens um fünf Uhr auf, damit Sie mehr Zeit haben?

Floer: Ja.

domradio.de: Gibt es denn Alternativen für alle, die das nicht schaffen?

Floer: Natürlich! Die Frage ist: Bin ich eine Eule oder eine Lerche? Kann ich also gut morgens früh aufstehen oder kann ich besser abends arbeiten? Jeder sollte sich persönlich klar machen, wo seine produktivsten Zeiten liegen und dort seinen Fokus für die Arbeit legen. Es bringt mir persönlich zum Beispiel überhaupt nichts, nachmittags zu arbeiten. Da bin ich dermaßen langsam, dass ich eine Stunde Zeit verliere, nur deshalb, weil ich die falsche Uhrzeit gewählt habe. Also wenn Sie nachmittags am produktivsten sind,  dann legen Sie die Termine entsprechend auf den Nachmittag! Wir sollten versuchen, wenn das beruflich klappt, ein bisschen vom klassischen "8-bis-17-Uhr-Denken" wegzukommen. Das ist nämlich gar nicht nötig.

domradio.de: Sie selbst sind hauptberuflich Pastoralreferent. Nebenbei haben Sie mehrere Bücher zum Thema Zeitmanagement geschrieben, geben in einem Blog regelmäßig Tipps und betreiben einen Podcast. Das klingt nicht gerade nach wenig Arbeit…

Floer: Tatsächlich ist mein Alltag ziemlich vollgepackt. Ich frage mich aber immer:  Was kann ich automatisieren oder  abgeben? Wie organisiere ich Gruppen in der Gemeinde, dass sie alleine klarkommen und ich erst in dem Moment eingreifen oder Leitung wahrnehmen muss, wenn etwas gar nicht läuft. Und was meine Blogartikel und den Podcast angeht: Die Beiträge sind bis zum März 2017 fertig; damit habe ich also keinen Stress mehr. Weil ich weiß, dass die Beiträge alle zwei Wochen automatisch online gehen. Dafür habe ich mir gezielt, wie jetzt in den Sommerferien, wo es ruhiger war, zwei bis drei Tage Zeit genommen und dementsprechend vorproduziert.

domradio.de: Haben Sie ein oder zwei Tipps, die Sie sofort mitgeben könnten?

Floer: Ja, ganz konkret würde ich gerne etwas zum Thema „E-Mails in der Urlaubszeit“ sagen. Für viele ist die Begegnung mit einem riesigen E-Mail-Berg das erste, was sie nach dem Urlaub auf der Arbeit erleben. Mein Tipp: Nehmt den nicht so wichtig! Ich habe das persönlich in der letzten Elternzeit ausprobiert. Ich hatte vier Wochen Elternzeit und davor und danach eine Woche Fortbildung. Mein Mail-Programm hatte ich so eingestellt, dass derjenige, der mir schreibt, automatisch folgenden Satz erhält: "Diese Mail wird ungelesen gelöscht". In den sechs Wochen haben sich 800 E-Mails in meinem Postfach angesammelt – jede einzelne wurde gelöscht.  Leider geht das nicht automatisch, sondern muss per Hand gemacht werden. Gemeldet haben sich hinterher nur drei Leute. Für drei relevante Nachrichten habe ich mir das Lesen, Wegklicken oder Archivieren von 800 E-Mails gespart. Mit Beispielen wie diesen können wir uns einfach selbst den Druck nehmen. Der Autohersteller Daimler macht das inzwischen übrigens auch automatisch für alle Mitarbeiter.

domradio.de: Das Löschen von E-Mails ist ein sicher ein Tipp, für den sich viele überwinden müssen...

Floer: Mit Sicherheit! Vielleicht gibt es aber auch noch Zwischenlösungen. Ich zum Beispiel habe für den Übergang ausprobiert, mir eine "Dringend-Adresse" einzurichten. Wer mir geschrieben hat, dem hat mein E-Mail-Programm dann automatisch geantwortet, dass ich die Mails einmal pro Tag abrufe. Auch da kam nichts. Wenn die Leute selbst entscheiden müssen, ob ihr Anliegen dringend ist oder nicht, entscheiden sie sich meist für letzteres und warten lieber, bis die Urlaubszeit vorbei ist.

domradio.de: Können auch Nicht-Christen von ihren Tipps profitieren oder sind die doch sehr spirituell geprägt?

Floer: Nein, die können auf jeden Fall davon profitieren. Sie müssen halt gucken, welche Artikel sie vielleicht überspringen wollen. Themen wie "Zeitmanagement aus der Bibel" oder "Wie finde ich Zeit für das tägliche Gebet?" sind dann sicher nicht so interessant für sie. Aber ganz viele Artikel beschäftigen sich mit den klassischen Zeitmanagement-Methoden, vor allem mit aktuellen Apps und Online-Diensten, die das Leben sofort einfacher machen.

domradio.de: Und wie finde ich Zeit für das tägliche Gebet, wenn ich morgens nicht eigens um fünf Uhr aufgestanden bin?

Floer: Ich vergleiche das immer mit der Aufgabe, Sport in den Alltag zu integrieren. Es muss einen festen Auslöser geben. Ein klassischer Punkt liegt zum Beispiel vor der Tagesschau. Da haben viele Leute sowieso schon ein Ritual und hängen einfach nur eins dran. Es könnte auch das tägliche Zähneputzen sein. Wenn ich mir vornehme, dabei ein bisschen zur Stille zu kommen und ins Gebet zu gehen, dann habe ich ohne Zeitverlust schon wieder ein paar Minuten fürs Gebet gefunden.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(dr)

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