IS zerstört einzigartige Kulturgüter aus assyrischer Zeit
IS zerstört einzigartige Kulturgüter aus assyrischer Zeit
Terror gegen Kultur: Zerstörung in Mossul
Terror gegen Kultur: Zerstörung in Mossul

01.03.2015

Kulturschätze im Nahen Osten in Gefahr Terror, Krieg und illegaler Handel

Das assyrische Ninive war vor rund 2.600 Jahren ein Zentrum der antiken Welt. Statuen aus der Metropole hatten die Jahrtausende überlebt. Nun fallen sie der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zum Opfer.

Per Internetvideo haben die Extremisten Bilder verbreitet, auf denen antike Werke mit dem Presslufthammer zertrümmert werden. Darunter war eine assyrische Türhüterfigur, laut Experten eine "Ikone der altorientalischen Bildkunst". Die Assyrer verehrten das Mischwesen mit menschlichem Gesicht als Schutzgottheit.

Auch im Museum von Mossul im Nordirak zertrümmerten die Terroristen mit Hämmern bedeutende Bildwerke. Der IS beruft sich auf eine Islam-Interpretation, die eine bildliche Darstellung von Menschen und Gott verbietet. Im Irak und in Syrien herrscht nicht nur eine humanitäre Katastrophe, auch das Kulturerbe ist in Gefahr: Zahlreiche Stätten sind schwer beschädigt. Angesichts der Zerstörungen hat die UN-Kulturorganisation Unesco nun sogar eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates verlangt.

Aleppo und Homs stark betroffen

In Syrien hinterließen in 6.500 Jahren 33 Zivilisationen ihre Spuren, darunter Sumerer, Babylonier, Ägypter, Griechen, Römer, Kreuzritter, Osmanen. Der Basar von Aleppo, die Altstadt von Damaskus oder die Oasenstadt Palmyra sind unter den sechs UN-Welterbestätten des Landes. Früher lockten sie Touristen an, heute sind sie zerstört oder beschädigt. In Aleppo sind Basar, Moschee und Minarette zerstört. Auch Homs ist sehr stark betroffen, in Bosra und Palmyra sind Schäden festzustellen.

In mindestens sechs bedeutenden Museen Syriens wurde auch geplündert. Denkmalschützer und Museumsdirektoren haben umfangreiche Kataloge, in denen alle gestohlenen Teile registriert sind. Nicht erfasst werden kann hingegen, was bei illegalen Ausgrabungen mitgenommen wird: eine typische Folge von Krieg und Bürgerkrieg. Im Irak wurde schon nach dem Sturz von Sadam Hussein zerstört und gestohlen. In Afghanistan fielen die 28 und 55 Meter hohen Buddha-Statuen von Bamian aus dem 6. Jahrhundert den Taliban zum Opfer. Die Unesco erklärte deren Überreste 2003 zum Weltkulturerbe.

Auch in Mali gibt es zahlreiche Welterbestätten. In Timbuktu, Gao, Djenné, Askia zerstörten Islamisten Teile dieser Stätten. Timbuktu mit seinen historischen Moscheen und heiligen Gräbern war im 13. Jahrhundert ein blühendes Handelszentrum, in dem Berber, Mauren, Tuareg, Mandinka und Bambara lebten. Die Stadt war auch Mittelpunkt eines reichen intellektuellen Lebens, wie 45.000 handgeschriebene arabische Manuskripte belegen: Alle Manuskripte wurden nach Bamako in Sicherheit gebracht. Die wertvollen Schriften aus neun Jahrhunderten erzählen die Geschichte der Region, enthalten Notizen aus Mathematik, Astronomie, Musik und Poesie.

Die geretteten Manuskripte dokumentieren einen bedeutenden Teil der Menschheitsgeschichte, sind aber auch ein wichtiger Faktor für die Wiederversöhnung nach dem Krieg. "In Mali geht es darum, eine Kultur der Toleranz und des Respekts der kulturellen Vielfalt zu schaffen", meint der Direktor der Museen in Mali, Samuel Sidibe.

Ein Teil der Manuskripte verbrannte, als die Islamisten während des französischen Militäreinsatzes Feuer legten. Aber sie könnten auch Manuskripte mitgenommen haben. Der illegale Handel mit den wertvollen Kulturgütern kann die Kassen der Terrorkrieger füllen. Daher sei er leider sehr schwer zu stoppen, bedauert der ehemalige Unesco-Kulturdirektor Francesco Bandarin: "Dieses organisierte Verbrechen wird von mächtigen internationalen kriminellen Vereinigungen begangen." Seit dem französischen Eingreifen besteht immerhin die Hoffnung, dass gerettet werden kann, was zu retten ist.

Aktionsplan der Unesco

In Syrien sind die Schäden auf Karten genau festzustellen. Die Unesco arbeitet mit örtlichen Kulturverwaltern zusammen, mit Zollbehörden und Nichtregierungsorganisationen in den Nachbarländern. Interpol gestohlene Objekte ausfindig gemacht, die in Libanon aufgetaucht sind. Aber auf die Frage, wer für die Zerstörung verantwortlich sei, gibt es keine Antwort - die syrische Armee, Dschihadisten, Revolutionäre?

Laut Generaldirektorin Irina Bokova bereitet sich die Unesco auf einen Aktionsplan vor. Sobald die Sicherheit gewährleistet sei, seien die Experten der Organisation bereit zu Bestandsaufnahme und Wiederaufbau. Bokova verlangt angesichts der jüngsten Schreckensmeldungen aus dem Nordirak eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates. Das Gremium verurteilte vor kurzem die Zerstörung von Kulturerbe und leitete rechtliche Schritte zum Kampf gegen den illegalen Handel in Irak und Syrien ein. "Die systematische Zerstörung seit mehreren Monaten ist unerträglich und muss sofort aufhören", sagt Bokova.

Zeichen der Hoffnung

Es gibt auch Zeichen der Hoffnung: Zwölf Jahre nach seiner Plünderung ist das Irakische Nationalmuseum in Bagdad mit einzigartigen Schätzen aus altorientalischer und islamischer Zeit offiziell wiedereröffnet worden. Damit wolle man auf die Zerstörung von wertvollen assyrischen Kulturgütern durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reagieren, teilte das irakische Antikenministerium am Samstag mit.

us dem Irakischen Nationalmuseum im Herzen Bagdads waren während der US-Invasion im Frühjahr 2003 rund 15 000 wertvolle archäologische Fundstücke gestohlen worden. Rund ein Drittel davon ist nach Angaben von irakischen Experten bis heute wieder aufgetaucht. Das einst von der britischen Orientalistin Gertrude Bell gegründete Museum dokumentiert die wechselvolle Geschichte des Zweistromlandes, in dem einst die Kulturen der Sumerer und Babylonier ihre Blüte erlebten. Das Haus zeigt Stücke von der prähistorischen Zeit bis zum islamischen Mittelalter.

Ab Sonntag soll das Museum wieder dauerhaft für Besucher zugänglich sein. Bereits 2009 war es auf Druck des damaligen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki wieder eröffnet worden. Allerdings konnte es nur zu gelegentlichen Anlässen besucht werden. Experten bemängelten damals unzureichende Sicherheitsmaßnahmen. Das Museum zeige nicht nur die Erzeugnisse der irakischen Kultur, sondern das Erbe der gesamten Menschheit, sagte Iraks Regierungschef Haidar al-Abadi bei der Eröffnungszeremonie. Die IS-Extremisten wollten dieses zerstören. Er schwor zugleich, die Dschihadisten würden "bis zum letzten Tropfen Blut" verfolgt und bestraft.

(epd, dpa)

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