Stand der AfD in Dortmund
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Gut 25.000 Menschen waren zum Eröffnungsgottesdienst gekommen
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Teilnehmerin beim Evangelischen Kirchentag
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Nach der Lichter
Deutscher Evangelischer Kirchentag - Segen zur Nacht

21.06.2019

Beim Kirchentags-Barcamp prallen Meinungen aufeinander Anfang und Ende der Toleranz

Die Entscheidung, die AfD nicht zu den Podien des evangelischen Kirchentags einzuladen, sorgt für Debatten. Bei einem Barcamp sollen die Sorgen von Bürgern trotzdem diskutiert werden.

Das Mädchen mit dem Nasenpiercing, der grauhaarige Herr mit Brille, die Frau mit dem Kopftuch, die Dame im Rollstuhl, der Sozialhilfeempfänger und das Akademiker-Ehepaar: Sie alle sitzen am Donnerstag im Dortmunder Reinoldinum beieinander. Etwa 150 Menschen sind an diesem Nachmittag zusammengekommen, um zu diskutieren. Alles soll zur Sprache kommen dürfen: "Ohne Tabus - aber es bleibt fair", die Losung ist die oberste Regel des Barcamps "Das soll doch noch gesagt werden dürfen" beim evangelischen Kirchentag.

Einige rote Linien dürfen für die Moderatoren Annika Schreiter, Studienleiterin für politische Jugendarbeit an der Evangelischen Akademie Thüringen, und Jan Witza, Referent für gesellschaftspolitische Jugendbildung beim Landesjugendpfarramt Sachsen, aber nicht überschritten werden: wo Menschen persönlich angegriffen werden, das Strafrecht verletzt, wo offen menschenverachtende und diffamierende Positionen geäußert oder dauerhaft gehetzt wird. "Da würden wir die Leute bitten, sich zu setzen oder notfalls zu gehen", sagt Witza.

Veranstaltung wegen der Entscheidung die AfD nicht einzuladen

Die Veranstaltung steht im Zeichen der Entscheidung des Kirchentagspräsidiums, keine AfD-Politiker zu den Podien einzuladen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, verteidigte die Entscheidung zu Beginn des Kirchentags erneut. Ihm fehle eine Abgrenzung der Partei zu diffamierenden, antisemitistischen und rassistischen Einstellungen, sagte er. Dennoch sei es ihm wichtig, mit AfD-Wählern und -Sympathisanten im Gespräch zu sein.

Das Barcamp soll nun also ein Versuch dazu sein. Es soll über alle Themen gesprochen werden "bei denen Sie das Gefühl haben, dass sie sich nicht offen ansprechen können, sei es in der Politik, zu Hause, im Sportverein oder in der Gemeinde", wie Schreiter zu Beginn erklärt.

Das Barcamp illustriert eindrücklich: Dialog und Demokratie brauchen viel Zeit und Geduld. Allein die Vorstellung der Themenwünsche und die Gruppenbildung dauern mehr als eine Stunde. Vereinzelt verlassen Menschen den Saal. Letztlich wird unter anderem über Asyl diskutiert, über Abtreibung, Medien, Klima, das Gesundheitssystem, Sterbehilfe und den Umgang mit Besorgnissen von Bürgern.

AfD hatte am Rande der Innenstadt einen Pavillon aufgestellt

Die AfD hatte als Protest dagegen, dass kein Vertreter von Ihnen auf ein Podium des Kirchentags eingeladen wurde, einen Pavillon am Rande der Dortmunder Innenstadt aufgebaut. Zu Gesprächen stehen geblieben sind aber offenbar nur wenige. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Volker Münz, der die Aktion mitinitiierte, sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd), er habe am Donnerstag mit rund zehn Menschen gesprochen.

AfD-Mitglied Axel Schultze-Rhonhof sprach von rund 20 Gesprächen bis zum Nachmittag. Erneut betonte er, er sei enttäuscht von dem gegen seine Partei gerichteten Beschluss des Kirchentags. Nach Angaben der Dortmunder Polizei versammelten sich an dem AfD-Pavillon kurzzeitig 15 bis 20 Gegendemonstranten, die Lage blieb jedoch ruhig.

Auch die Diakonie, Kooperationspartner des Barcamps im Reinoldinum, verfolgt nach Angaben von Kommunikationsleiter Thomas Schiller in Sachen AfD eine etwas andere Linie als der Kirchentag. "Dort wo etwa AfD-Politiker in Verantwortung kommen für Sozialpolitik müssen wir auch mit ihnen reden", sagte Schiller dem epd. Dabei müsse immer klar sein, dass alle Menschen einen Anspruch auf Hilfe hätten und nicht nur Deutsche. Der Grundsatz der evangelischen Wohlfahrtsorganisation sei dabei: "Diakonisches Handeln muss mit Zuhören anfangen."

Diskussionen sind friedlich verlaufen

Die Diskussion im Reinoldinum verläuft schließlich sehr ruhig und besonnen ab. Die Meinungen der Gruppe, die über Asyl und Flucht diskutiert, liegen zwischen den Positionen: "Es gibt eine Wertigkeit der Kulturen und die deutsche Kultur ist höherwertiger als andere." Und: "Ich würde an jeden Christen und jeden Nichtchristen appellieren oder einfach an den gesunden Menschenverstand: Das sind Menschen, die Schutz suchen. Wir dürfen sie doch nicht ertrinken lassen!"

Trotz den dazwischenliegenden Welten warten alle Teilnehmer ruhig ab, bis ihnen von Moderator Witza das Wort erteilt wird. Bei der Aussage zu den Kulturen verlässt allerdings ein Ehepaar den Saal: "Das Ende der Toleranz ist bei mir erreicht", sagt die ehemalige Englischlehrerin.

Letztlich lässt sich das Barcamp wohl am besten mit den Worten einer dort diskutierenden Jobcentermitarbeiterin zusammenfassen: "Die meisten Themen sind sehr breit, da müssen wir alle genauer hinschauen." Und viele Diskutanten sind am Ende erstaunt, dass sie in so kurzer Zeit mit völlig fremden Menschen so intensiv diskutieren konnten.

Nora Frerichmann
(epd)

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