Die gelbe Muschel: Erkennungsmerkmal des Jakobsweges
Die gelbe Muschel: Erkennungsmerkmal des Jakobsweges
Heiliger Apostel Jakobus der Ältere
Heiliger Apostel Jakobus der Ältere

25.07.2021

Der 25. Juli ist Gedenktag des Heiligen Jakob Donnersohn und Pilgerkult

Wenn der Gedenktag des Heiligen Jakobs auf einen Sonntag fällt, ruft die Kirche in Santiago de Compostela das Heilige Jahr aus. Das lockt normalerweise zehntausende Gläubige nach Spanien – in der Pandemie sieht es aber anders aus.

"Donnersohn" soll Jesus seinen Jünger Jakobus genannt haben, weil er so laut und temperamentvoll die Frohe Botschaft verkündete und für die Nachfolge Christi warb. Seit über tausend Jahren ist das Grab des Apostels in der Kathedrale von Santiago de Compostela für Christen eines der wichtigsten Pilgerziele neben Rom und Jerusalem. Bis heute tragen sie die Jakobsmuschel als Erkennungszeichen um den Hals oder am Rucksack.

Wie sein Grab nach Spanien kam, darüber gibt es zahlreiche Legenden: Bereits zu Lebzeiten soll Jakob auf der iberischen Halbinsel das Evangelium verkündet haben, das ist allerdings historisch nicht belegt. Bezeugt ist nur, dass er im Jahr 43 n. Chr. in Jerusalem als erster den Märtyrertod starb. "Es heißt, dass Anhänger seinen Leichnam in einem Boot auf dem Mittelmeer aussetzten", erzählt die Vizepräsidentin der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft, Annette Heusch-Altenstein. Wind und Wellen sollen es dann bis an die nordspanische Küste getragen haben, wo die Menschen damals das Ende der Welt – "Finisterre" - vermuteten.

Legende zur Stärkung des Christentums

Das dortige Grab des Apostels geriet in Vergessenheit, bis es im 9. Jahrhundert ein Eremit, geleitet von hell strahlenden Sternen, wiederentdeckte. Der Namenszusatz, "de Compostela", wird noch heute als "Sternenfeld" gedeutet. Am 25. Juli 816 wurden die Gebeine in einer Kapelle beigesetzt. Darauf geht der Gedenktag des Heiligen Jakobus zurück. Im 11. Jahrhundert ließen die spanischen Könige über seinem Grab eine Basilika errichten.

"Die Legende diente vermutlich vor allem dazu, das Christentum auf der iberischen Halbinsel zu stärken", sagt Heusch-Altenstein. Seit dem 8. Jahrhundert rückten dort von Süden her die Mauren vor. "Der Camino Francés, der von den Pyrenäen nach Santiago verläuft, war so etwas wie eine Grenzlinie, es hat also offenbar funktioniert: Weiter kamen die muslimischen Eroberer nicht, sie wurden wieder zurückgeschlagen."

Santiago wird Nationalheiliger

"San Tiago" – der "Heilige Jakob" - wurde zum Nationalheiligen, auch weil die spanische Krone die Erfolge bei Rückeroberung der iberischen Halbinsel seiner himmlischen Fürsprache zuschrieb. Schnell entwickelte sich sein Grab zu einem der größten Wallfahrtszentren des Abendlandes.

Besonders viele Pilger kommen, wenn der Gedenktag des Heiligen Jakobs am 25. Juli auf einen Sonntag fällt, denn dann ruft die katholische Kirche das Heilige Jahr für Santiago de Compostela aus: Wer dann nach Santiago pilgert, durch die Heilige Pforte schreitet, an der Heiligen Messe teilnimmt, die Kommunion empfängt und die Beichte ablegt, dem gewährt die Kirche vollkommenen Ablass.

Das sei eine Tradition aus der Zeit der Kreuzzüge, erzählt Christoph Kühn, Kunsthistoriker und ebenfalls im Präsidium der Jakobus-Gesellschaft: Nach deren Ende habe Papst Bonifaz VIII. im Jahr 1300 ein Heiliges Jahr eingeführt, quasi als Ersatz-Möglichkeit, um einen Ablass zu erwerben. Andere Pilgerorte wie Rom und Assisi zogen nach. Und auch in Santiago de Compostela führte man das im 15. Jahrhundert ein. Allerdings habe man die päpstliche Genehmigung dafür zunächst nicht bekommen, so Kühn, und daher kurzerhand eine gefälscht. "Erst im späteren 16. Jahrhundert hat Papst Sixtus V. dann diese Erlaubnis gegeben."

Santiago verzeichnet Pilgerrekorde

Heute ist der Camino aber nicht mehr nur ein Weg, auf dem Menschen zu sich und zu Gott finden. Pilgern ist ein Trend geworden: Besucher suchen Entschleunigung, die sportliche Herausforderung oder die Einfachheit beim Reisen. Im Jahr 2019 verzeichnete der Camino mit über 350.000 Pilgern einen Rekord. Anfang der 1970er Jahre waren es noch nicht einmal 100, nach den Hochzeiten im Mittelalter war der Jakobsweg in Vergessenheit geraten.

Papst Johannes Paul II. gab mit seiner Spanien-Reise 1982 den Impuls für die Wiederbelebung: Als erster Papst überhaupt besuchte er Santiago de Compostela. Dabei erinnerte er an die christlichen Wurzeln Europas und die europäische Dimension des Jakobspilgerns. Der Europarat griff die Idee auf, erklärte 1987 den Jakobsweg zum ersten europäischen Kulturweg und rief zur Wiederentdeckung dieser "europäischen Kulturbewegung" auf. Seitdem sind immer mehr Menschen auf dem Camino unterwegs. In den vergangenen Heiligen Jahren 2004 und 2010 wurden ständig neue Besucherrekorde verzeichnet. Auch gezielte Marketingkampagnen der galizischen Regierung und der Ausbau von Herbergen und Infrastruktur trugen dazu bei. 

Heiliges Jahr wegen Corona verlängert

Doch Corona hat alles verändert. Spanien wurde schwer von der Pandemie getroffen. Im Jahr 2020 kamen nur knapp 53.000 Pilger nach Santiago de Compostela. Für die vielen Herbergsbesitzer, Restaurants und Dörfer am Rande des Camino eine wirtschaftliche Katastrophe. Zusammen haben die Gemeinden Sicherheits- und Hygienekonzepte entwickelt, um das Pilgern wieder zu ermöglichen. Aber so wie vorher ist es nach wie vor nicht, sagt Christoph Kühn von der Jakobus-Gesellschaft: Nicht alle Pilgerherbergen hätten wieder geöffnet, berichtet er, Übernachtungen müssten im Vorhinein gebucht werden und in Mehrbettschlafräumen würden nur Personen untergebracht, die auch zusammen unterwegs sind. "Das schränkt natürlich die Bettenkapazität enorm ein", so Kühn "und gerade jetzt im Juli und August sind auch viele Spanier unterwegs."

Die deutsche Jakobusgesellschaft verzeichnet daher ein zunehmendes Interesse an den deutschen Pilgerwegen, die zum Beispiel von Fulda nach Trier oder von Nürnberg zum Bodensee führen. Der Verein mit Sitz in Aachen fördert vor allem den Ausbau der deutschen Strecken, macht sie bekannt und gibt Tipps für die Reise. Wer aber bis zum Grab des Heiligen Jakob laufen, dem rät Kühn angesichts der unklaren Pandemielage, bis zum kommenden Jahr zu warten.

Den Segen von höchster Stelle gibt es dafür: Der Papst höchstpersönlich hat erlaubt, dass das Heilige Jahr bis 2022 verlängert wird. Das gab es erst drei Mal in der spanischen Geschichte. Kühn begrüßt das: "Niemand, der nach Santiago kommt und Ablass erbittet, soll sich einem Gesundheitsrisiko aussetzen. Das ist wirklich eine Chance!"

Ina Rottscheidt

(DR)

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