Ein Mann dreht einen Joint
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14.10.2021

Suchtberater für kontrollierte Abgabe von Cannabis "Keine harmlose Substanz"

Durch die Ampel-Sondierungen nimmt eine alte Diskussion wieder Fahrt auf: Soll Cannabis legalisiert werden? Christian Ott sieht große Gefahren im Cannabiskonsum, plädiert aber für eine Entkriminalisierung durch eine kontrollierte Abgabe.

DOMRADIO.DE: Warum kocht diese Diskussion jetzt gerade wieder hoch?

Pfarrer Christian Ott (Suchtberater im Erzbistum Köln): Man muss ja immer überlegen: Zum einen gibt es ja Sachgründe, die wirklich auch diese ganze Diskussion bereits befeuert haben, auch schon vor dem Koalitionswechsel. Zum anderen gibt es natürlich auch oft den Wunsch von Politikern, sich an einer Stelle besonders schnell zu profilieren und das nehme ich an.

Das hat an der Stelle auch eine gewisse modernisierende Wirkung.

DOMRADIO.DE: Aus Ihrer Erfahrung aus der Suchthilfe heraus: Was kann Cannabis mit Menschen machen? Sie arbeiten ja mit den Menschen, die auch abhängig danach sind.

Ott: Ja, das ist richtig. Ich muss sagen, Cannabis ist keine harmlose Substanz. Es wird ja oft argumentiert: Na ja, Alkohol ist auch nicht harmlos oder Rauchen. Aber Cannabis hat schon auch noch andere Wirkungen, die es hervorruft. Man kann sagen, dass gerade bei Jugendlichen zum Beispiel ziemlich schnell erhebliche soziale Konflikte auftauchen und vor allen Dingen auch Gesundheitsprobleme.

Das hat damit zu tun, dass das THC, was der Hauptwirkstoff beim Cannabis ist, auf die Psyche des Menschen einwirkt. Zunächst mal als Stimmungsverbesserung. Das heißt also, man fühlt sich ausgeglichener, ist innerlich viel ruhiger, hat vielleicht auch keine Schmerzen, wenn man vorher welche haben sollte.

Aber es hat eben auch Neben- und Begleitwirkungen in Form von Denkstörungen und Konzentrationsschwäche. Das Kurzzeitgedächtnis leidet und man muss hirnorganisch sagen, dass Cannabiskonsumenten eben eine Verkleinerung des Hippocampus (Teil des Gehirns, Anm. d. Red.) aufweisen, wenn man die untersucht. Und das ist nicht harmlos.

Der Hippocampus ist so eine Region im Gehirn, die für Gedächtnis und Neurogenese, also Neuentstehung von Nervenzellen, das ganze Leben über und für die Verarbeitung von Emotionen mit zuständig ist. Sie können sich vorstellen, das ist nicht harmlos.

DOMRADIO.DE: Und das ist beim Alkohol im Bezug auf Langzeitfolgen, oder wenn man es auch regelmäßig zu viel konsumiert, nicht so?

Ott: Beim Alkohol tut sich natürlich auch einiges. Da sterben vor allen Dingen Nervenzellen ab, aber das ist in der Wirkung insofern nicht vergleichbar, als man so viel Alkohol in der Jugendzeit gar nicht trinken kann, dass derartig schwerwiegende Entwicklungsschäden auftreten.

Man muss einfach sagen, beim Alkohol gibt es ja eine natürliche Konsumschranke. Irgendwann ist man so benebelt, dass die Wirkungen – sagen wir mal – etwas langsamer eintreten.

Aber bei den Cannabiskonsumenten kann das relativ schnell gehen. Und was ich noch nicht gesagt habe, ist, dass auch bei Menschen, die dafür disponiert sind – das ist ein bestimmter Anteil der Bevölkerung – Psychosen ausgelöst werden können durch Cannabiskonsum.

Das habe ich leider oft in der Klinik erleben müssen, dass junge Menschen dann eben jetzt in eine Psychose hineingerutscht sind. Jetzt kann man nicht sagen, die hätten sie sonst nie bekommen, aber möglicherweise hätten sie die später oder weniger stark bekommen.

DOMRADIO.DE: Karl Lauterbach argumentiert ja jetzt so, dass auf der Straße auch Cannabis mit Heroin versetzt verkauft wird und dass Menschen mit dem illegal erworbenen Cannabis zusätzlich auch in die Heroinsucht getrieben werden könnten. Wäre das für Sie ein Argument für eine Legalisierung?

Ott: Wenn dem so wäre, wäre das ein sehr bedenkenswertes Argument. Jetzt muss man natürlich sagen, dass Cannabis im Verkauf gestreckt wird, das kenne ich. Aber ob es jetzt nun ausgerechnet mit Heroin gestreckt wird, das weiß ich nicht. Das ist mir so noch nicht begegnet.

Und ich habe gehört, dass im Gesundheitsamt in Köln auch die Meinung vertreten wird, dass das bislang nicht aufgetreten sei. Woher der Herr Lauterbach diese Erkenntnis hat, weiß ich nicht. Wenn das aber so ist, wäre das ein gewichtiges Argument, das muss man schon sagen.

DOMRADIO.DE: Der Geschäftsführer der Caritas Suchthilfe, Stefan Bürkle, hat sich jetzt zumindest für eine Entkriminalisierung von Cannabis ausgesprochen. Das ist ja noch mal etwas anderes als die Legalisierung, aber auch eine Meinung, die von vielen vertreten wird. Es geht da eher um die kontrollierte Abgabe von Cannabis. Wie stehen Sie dazu?

Ott: Das ist, finde ich, eigentlich ein guter Weg. Die Strafverfolgung wird ja übrigens in den deutschen Bundesländern sehr unterschiedlich gehandhabt. Da gibt es eine sehr uneinheitliche Menge, bis zu denen die Strafverfolgung in der Regel eingestellt wird. In einigen Ländern beträgt die sechs Gramm, in Berlin könnte man mit 15 Gramm noch durchkommen. In Nordrhein-Westfalen sind es – glaube ich – zehn Gramm.

Da muss man sagen, das ist ja erst einmal stigmatisierend: Wenn ein Mensch quasi verurteilt wird für den Konsum von etwas, dann ist es eigentlich ja keine Straftat, die er begeht, sondern es ist eher der Versuch, sich einen Rausch anzueignen und sich der Realität zu entziehen.

Das kann man natürlich auch nicht gut finden, aber ob man das immer gleich strafrechtlich verfolgen muss, ist ja die Frage. Da wäre ich schon der Ansicht, dass man das nicht legalisiert, sondern eben kontrolliert abgibt. Das ist eine gute Zwischenlösung.

Das Interview führte Michelle Olion.

(DR)

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