Gerettete Flüchtlinge vor Lampedusa
Rettung von Flüchtlingen vor Lampedusa (Archiv)

11.05.2021

Immer mehr Bootsmigranten auf Lampedusa "Niemand rührt einen Finger"

Nach Ankunft Hunderter Bootsmigranten binnen kürzester Zeit spitzt sich die Lage auf der süditalienischen Insel Lampedusa wieder zu. Der Präsident der Region Sizilien, zu der Lampedusa gehört, schlug Alarm.

Es handele sich um eine "unendliche Tragödie", schrieb Nello Musumeci auf Facebook. Zahllose Menschen kämen auf ihrer verzweifelten Reise zur Küste Italiens ums Leben. "Aber niemand rührt einen Finger - weder in Rom noch in Brüssel", kritisierte der Politiker.

Aufnahmezentren sind überfüllt

Zuvor waren binnen 24 Stunden mehr als 2.000 Migranten auf Lampedusa angekommen. Das dortige Aufnahmezentrum ist heillos überfüllt. Nach Angaben des Innenministeriums sind seit Jahresbeginn 12.894 Migranten über das Mittelmeer nach Italien gelangt. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 4.184, im Jahr 2019 gerade einmal 1.009.

Die meisten Ankömmlinge in diesem Jahr sind den Angaben zufolge tunesische Staatsbürger (13 Prozent). Relativ hoch ist auch der Anteil der Personen aus der Elfenbeinküste (10 Prozent) und aus Bangladesch (9 Prozent).

Appell zur Aufnahme

EU-Innenkommissarin Johansson rief die anderen EU-Staaten am Montag in Brüssel dazu auf, Migranten aus Italien umzusiedeln. Sie wisse, dass dies während der Pandemie schwierig sei. Doch es sei möglich. "Nun ist Zeit, Solidarität mit Italien zu zeigen und zu helfen." Sie habe am Montag bereits mit Lamorgese telefoniert. Zudem nehme ihr Team Kontakt mit anderen EU-Staaten auf und bitte sie um Solidarität.

Eine langfristige Lösung sei eine Einigung der EU-Staaten und des Europaparlaments auf die Asylreform, die sie im September vorgeschlagen habe, sagte Johansson. Parallel dazu müsse jedoch eine Übergangslösung gefunden werden. Da es keine rechtliche Grundlage dafür gebe, sei man jedoch komplett von der Solidarität der EU-Staaten abhängig.

"Handhabbare Zahlen"

Der Chef des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR), Filippo Grandi, wies bei seinem Besuch in Brüssel darauf hin, dass es sich bei den Ankünften noch immer um handhabbare Zahlen handele. Es brauche nur einen vorhersehbaren Mechanismus der EU-Staaten zur Rettung und Verteilung der Menschen.

Am Montag teilten die privaten Seenotretter von Sea-Watch mit, dass sie fürchten, ihr Schiff «Sea-Watch 4» könnte wegen einer Behörden-Anordnung länger im Hafen der sizilianischen Stadt Trapani festgehalten werden. Dort waren die Retter in der vergangenen Woche mit mehr als 450 Bootsmigranten angekommen.

Politischer Streit um Migranten

Bereits im vergangenen Jahr war es über die Verteilung der Bootsmigranten zu einem wochenlangen Streit zwischen der Regierung in Rom und mehreren Regionalpolitikern gekommen. Lampedusas Bürgermeister Salvatore Martello drohte mit einem Generalstreik.

Regionalpräsident Musumeci sorgte obendrein mit einem drastischen Dekret für Aufsehen. Es sah die Räumung aller Migrantenzentren seines Verwaltungsgebiets vor. Die Verordnung wurde schließlich gerichtlich außer Kraft gesetzt.

Papst Franziskus war auf seiner ersten Reise als Papst 2013 nach Lampedusa gereist. Zum Gedenken an alle während der Überfahrt nach Europa Verstorbenen warf er dort einen Kranz ins Mittelmeer. Seitdem hat er immer wieder auf das Leid der Bootsflüchtlinge hingwiesen und europäische Hilfe gefordert.

(KNA, dpa)

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