Aktivist zeigt den Dreifingergruß in Solidarität mit den Protesten gegen den Militärputsch in Myanmar
Aktivist zeigt den Dreifingergruß in Solidarität mit den Protesten gegen den Militärputsch in Myanmar

13.04.2021

Zum buddhistischen Neujahr wächst in Myanmar Bürgerkriegsgefahr Revolution statt Feiern

Zum buddhistischen Neujahrsfest Thingyan von diesem Dienstag bis Freitag steht Myanmar am Rande eines Bürgerkriegs. Yangons Kardinal Charles Bo warnt angesichts der Militärgewalt und 700 erschossenen Demonstranten vor Vergeltung.

Zum ersten Tag des viertägigen buddhistischen Neujahrsfestes in Myanmar ist der Hashtag #RevolutionaryThingyan der große Trend in den Sozialen Medien. Ei Thinzar Maung vom Generalstreikkomittee betont auf Facebook: "Der Thingyan gehört nicht dem Militärrat." Die Aktivistin ruft stattdessen zu einem "Volksthingyan" mit Gebeten und Protesten gegen den Militärputsch vom 1. Februar auf.

Thingyan steht traditionell ganz im Zeichen von Wasser, mit dem sich die Menschen gegenseitig bespritzen - als Geste des "Reinwaschens" von den Sünden des Vorjahres. "Seit dem 1. Februar wurden so viele Sünden begangen", sagt die UN-Sonderbotschafterin für Myanmar, Christine Schraner Burger, in einem Tweet zu Thingyan. "Ich hoffe, es stimmt, dass die Benetzung mit Wasser die Sünden wegwäscht."

Am ersten Thingyan-Tag werden traditionell Töpfe mit Blumen zur Begrüßung von Thagyamin, dem hochrangigsten "Nat", aufgestellt. "Nats" sind übernatürliche Wesen, die in Myanmar parallel zum Theravada-Buddhismus tief verehrt werden.

In diesem Jahr allerdings wurde mit den Blumentöpfen die Hilfe der Nats bei der Vertreibung der Militärdiktatur erfleht, wie die vielen Zettel mit Anti-Junta-Parolen in den Töpfen bei Protestaktionen in Yangon oder auch in Bago - wo die Armee am Wochenende ein Massaker an mehr als 80 friedlich Demonstrierenden verübte - unmissverständlich klarmachten.

Zunehmende Gewaltaktionen gegen Sicherheitskräfte

Die Protestdynamik ändert sich gerade. Die Massendemonstrationen der ersten Wochen sind aus Furcht vor der Gewalt von Polizei und Militär, die selbst vor dem Einsatz von Kriegswaffen wie Artillerie und Panzerfäusten nicht zurückschrecken, verschwunden. "Wenn sie Maschinengewehre einsetzen, werden Massenproteste in den Straßen schwierig", sagt Moe Thway von der Aktivistengruppierung Generation Wave, die seit dem Mönchsaufstand von 2007 für Demokratie in Myanmar streitet.

An Stelle der Großdemos seien im ganzen Land neue Protestformen entstanden, wie etwa der "stille Streik", durch den der Verwaltungsapparat lahmgelegt werde. "Durch den 'silent strike' wird vermieden, dass die Massen auf die Straße gehen, aber es wird die Stärke des Volkswiderstandes gegen die Militärdiktatur demonstriert."

Zur neuen Protestdynamik gehören aber auch zunehmend Gewaltaktionen gegen Sicherheitskräfte, gegen Firmen der Armee, gegen Polizeiposten, gegen Stellungen der Armee in den Gebieten der ethnischen Minderheiten. "Wenn wir nicht zurückschießen, werden Demonstranten einfach erschossen und die Proteste verschwinden", so ein Anführer der Protestbewegung in Tamu. In der Stadt nahe der Grenze zu Indien kamen bei Straßenkämpfen zwischen Protestierenden und Sicherheitskräften am Wochenende zwölf Soldaten ums Leben.

Hoffnung auf internationale Hilfe für eine politische Lösung

Die bewaffneten Milizen der ethnischen Minderheiten mit zehntausenden Kämpfern sind noch eine unbekannte Größe im Machtkampf. Einige der Milizen unterstützen die Demonstranten und bieten in den von ihnen kontrollierten Gebieten geflüchteten Dissidenten Zuflucht. Andere verhalten sich abwartend. Es soll aber bereits Treffen zwischen Abgesandten der Untergrundregierung und ethnischen Milizen gegeben haben.

"Wenn die zu einer Einigung kämen, würde das alles ändern", sagt Moe Thway mit Verweis auf die Geographie von Myanmar: "Zentralbirma ist eingekreist von den Gebieten der ethnischen Minderheiten mit ihren Milizen." Zentralbirma ist Heimat der die Politik, Armee und Wirtschaft dominierenden Mehrheitsethnie der Birmanen.

Eindringlich warnte Kardinal Charles Bo wenige Tage vor Thingyan seine Landsleute vor der Gefahr eines Bürgerkriegs: "Lasst uns nicht diesen Weg der Selbstzerstörung gehen", so der Erzbischof von Yangon am Barmherzigkeitssonntag. Moe Thway hofft auf internationale Hilfe für eine politische Lösung des Konflikts. "Sonst wird Myanmar zu einem Nordkorea am Indischen Ozean. Das kann niemand wirklich wollen."

David Mathieson, unabhängiger Analyst der Politik in Myanmar, bezweifelt jedoch, dass sich die Junta auf Verhandlungen einlässt. "Die Generäle sind es gewohnt, jeden Widerstand plattzuwalzen."

Michael Lenz
(KNA)

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