Der frühere sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow 2014 am Pariser Platz
Der frühere sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow 2014 am Pariser Platz

02.03.2021

Michail Gorbatschow zum 90. Geburtstag Getriebener der Geschichte

Zweimal hatte Michail Sergejewitsch Gorbatschow ein Rendezvous mit der Weltgeschichte. Als Junge war er ihr hilflos ausgeliefert. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere gestaltete er sie mit - bevor er seine Macht verlor.

Noch heute hat das, was Mitte Juni 1989 auf dem Bonner Marktplatz geschah, einen festen Platz im Gedächtnis der früheren westdeutschen Hauptstadt. "Gorbi, Gorbi" riefen Tausende jenem Mann entgegen, der ihnen von der Freitreppe des Alten Rathauses zuwinkte.

Die Visite von Michail Gorbatschow gilt aus heutiger Perspektive als Meilenstein auf dem Weg zum Ende der Teilung Europas. Vielen Zeitzeugen blieb die Tragweite der Ereignisse allerdings zunächst verborgen, wie sich der Journalist Hartmut Palmer in einem Beitrag für den "Spiegel" erinnerte: "Ich war dabei, aber ich habe nichts gemerkt."

"Eine wahre Gorbimanie brach da los"

Stattdessen beobachteten die Medienvertreter staunend, welche Begeisterungsstürme der sowjetische KP-Generalsekretär und seine Frau Raissa bei den Menschen in Bonn und andernorts auslösten. "Eine wahre Gorbimanie brach da los." Kalt und abweisend hatte man im kapitalistischen Westen bis dahin die führenden Vertreter der kommunistischen Supermacht erlebt.

Das Ehepaar Gorbatschow schien nun aus ganz anderem Holz geschnitzt - in jeder Hinsicht. Schon 1984 urteilte die britische Presse halb ironisch, halb bewundernd über die stets elegant und weltgewandt auftretende Raissa: "Die erste Kreml-Frau, die weniger wiegt als ihr Mann."

Bewunderung Gorbatschows Ehe

Michail Gorbatschow wurde vor 90 Jahren, am 2. März 1931, in einfachen Verhältnissen im südrussischen Priwolnoje geboren. In der Provinz erlebte er zunächst den stalinistischen Terror. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen 1941 waren er und seine Familie hilflos den Unwägbarkeiten und Schrecken des Zweiten Weltkriegs ausgeliefert. An der Moskauer Lomonossow-Universität absolvierte Gorbatschow ab 1950 ein Jura-Studium - und lernte Raissa Titarenko kennen. Für Michail war es Liebe auf den ersten Blick, wie er in seinen Memoiren andeutet. Raissa dagegen ließ ihn zunächst zappeln. 1952 heirateten die beiden und blieben unzertrennlich bis zum Tod Raissas, die 1999 an Leukämie starb.

Auf die Frage eines US-Reporters, ob er sämtliche gesellschaftlichen Fragen mit seiner Frau erörtere, antwortete Gorbatschow: "Wir sprechen über alles." Das nötigte auch Kritikern Respekt ab. "Selbst russische Bürger, die Gorbatschows Politik völlig ablehnen, ihn teilweise sogar schmähen, bewundern die gegenseitige Hingabe der Eheleute", hält Ignaz Lozo in seiner soeben erschienenen Gorbatschow-Biografie fest.

"Beschleunigung", "Umgestaltung" und "Transparenz"

Die Grundlagen für seinen Aufstieg in der sowjetischen Nomenklatura legte Gorbatschow durch seine politische Tätigkeit in Stawropol. Die nordkaukasische Region mit ihren Mineralquellen war eine beliebter Erholungsort der Moskauer Elite. So kam der aufstrebende Funktionär 1969 in Kontakt mit dem damaligen KGB-Chef Juri Andropow - der später, von 1983 bis 1984, Staats- und Parteichef war. 1985 wurde Gorbatschow schließlich selbst der starke Mann der Sowjetunion. Von Beginn an hatte er mit enormen Problemen eines wirtschaftlich morschen und politisch instabilen Staates zu kämpfen.

Den Willen zu größerer Durchschlagskraft in Produktion und Verwaltung markierte Gorbatschow zunächst durch das Schlagwort "Beschleunigung" ("uskorenje"). Erst danach folgten "Umgestaltung" ("perestroika") und "Transparenz" ("glasnost"). Revolutionäre Veränderungen waren allerdings nicht sein Ziel - Gorbatschow blieb ein Mann der Partei, wie Historikerin Kristina Spohr betont. "Sein Motto war: 'Zurück zu Lenin'." Doch seine Landsleute spürten keine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Ungeduld machte sich breit, und mit Boris Jelzin betrat bald schon Gorbatschows erbittertster Widersacher die Bühne.

Erster Sowjetchef, der in den Vatikan reiste

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, Unabhängigkeitsbestrebungen im Baltikum und im Kaukasus, Massenstreiks von Bergarbeitern, dazu die Dauerkonflikte zwischen kommunistischen Betonköpfen und Reformern im Kreml: Im Inneren sank Gorbatschows Stern - während er im Ausland stetig an Ansehen gewann; nicht zuletzt, weil er die Zügel lockerte, mit denen Moskau die "sozialistischen Bruderländer" des Ostblocks im Zaum hielt. Mit US-Präsident Ronald Reagan, der die Sowjetunion lange Jahre als "Reich des Bösen" verteufelte, war er seit 1988 per Du. Großbritanniens Eiserne Lady Margaret Thatcher urteilte beinahe herzlich: "Ich mag Herrn Gorbatschow."

Als erster Sowjetchef reiste er Ende 1989 in den Vatikan. Das als historisch eingestufte Treffen dauerte eineinhalb Stunden, für vatikanische Verhältnisse außergewöhnlich lang. "Es wäre wirklich schade, wenn seine Reform versanden sollte", hatte Papst Johannes Paul II, schon im Oktober 1988 dem polnischstämmigen italienischen Journalisten Jas Gawronski anvertraut. Der Papst und Gorbatschow trugen auf je eigene Weise zum Fall des Eisernen Vorhangs bei, der Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs teilte.

Nichts zu bereuen

Bei seinem umjubelten Besuch in Bonn bekannte sich der sowjetische Präsident zu dem Prinzip, dass jeder Staat das Recht habe, das eigene politische und soziale System zu wählen. Die DDR schwankte da schon bedrohlich. Bei einem Spaziergang vor dem Abendessen im Bonner Kanzlerbungalow gab Bundeskanzler Helmut Kohl seinem Gast angeblich mit auf den Weg: "So sicher, wie der Rhein zum Meer fließt, so sicher wird die deutsche Einheit kommen." Knapp eineinhalb Jahre später war es soweit.

Gorbatschows eigener Staat, die Sowjetunion, hörte Ende 1991 auf zu existieren. Am Abend des 25. Dezember trat er als Präsident zurück. Die Flagge mit Hammer und Sichel wurde über dem Kreml eingeholt; an ihre Stelle trat die russische Fahne. Zu bereuen habe er nichts, bekannte Gorbatschow noch 2019 in einem "Spiegel"-Interview. "Es war unmöglich, so weiterzuleben wie zuvor."

Joachim Heinz
(KNA)

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