Proteste im Libanon
Proteste im Libanon
Erzbischof Joseph Spiteri
Erzbischof Joseph Spiteri

04.11.2019

Papstbotschafter Spiteri zur aktuellen Lage im Libanon "Die Zeichen der Zeit lesen"

Seit Wochen gibt es Proteste im Libanon. Der dortige Botschafter des Papstes, Erzbischof Joseph Spiteri, sieht in den Anliegen der Demonstranten viel Positives. Doch dürfe es im Streit um eine Systemreform nicht um "alles oder nichts" gehen.

KNA: Worin sehen Sie das Hauptthema der anhaltenden Proteste?

Erzbischof Joseph Spiteri (Papstbotschafter im Libanon): Es begann mit Kritik an Steuern und sozialer Ungerechtigkeit und hat sich rasch zu einer Kritik am gesamten System ausgeweitet. Gegenwärtig ist es eine 360-Grad-Debatte über alles. Das ist positiv, hat aber auch viele Probleme im Visier, die sich nicht über Nacht lösen lassen. Die Proteste werden in besonderer Weise getragen von den Jungen, die positive Ideale haben, aber eine düstere Zukunft sehen. Sie wollen nicht auswandern, wie es viele ihrer älteren Freunde mussten. Zweifellos gibt es auch jene, die versuchen, die Proteste zu manipulieren. Es ist eine heterogene Menge, die an der Revolte teilnimmt. Das macht es komplexer zu verstehen.

KNA: Können Sie die Manipulationsversuche beschreiben?

Spiteri: Es ist schwierig, jemanden konkret auszumachen. Aber neben den Idealen braucht es gewiss eine Menge Geld, um den Protest am Laufen zu halten. Das schmälert die positiven Aspekte nicht. Das Wichtigste ist, dass die Proteste bisher weitestgehend friedlich verlaufen. Zu Beginn gab es ein paar Unruhen, aber am ersten Protestwochenende haben viele Gruppen eine Aufräumaktion in Beirut organisiert - das hat den Protesten die richtige Richtung gegeben.

KNA: Sie sagen, die aktuelle Debatte sei "sehr komplex". Beunruhigt Sie das?

Spiteri: Nein. Ich denke, wir müssen die positive Seite sehen. Und wir müssen realistisch sein. Man kann nicht fordern, dass alle Autoritäten gehen. Was will man stattdessen? Anarchie? Zivilgesellschaften brauchen Rechtsstaatlichkeit und eine Regierung. Die Losung darf nicht lauten "Alles oder nichts", sonst riskiert man die Essenz der Revolution.

KNA: Sondern?

Spiteri: Ich hoffe auf positive Schritte, die Wandel signalisieren - konkrete Schritte und echten Wandel. Viele Entscheidungen können nicht warten. Leben ist allerdings auch eine Frage schrittweisen Wandels. Nehmen wir das Beispiel der Korruption: Deren Strafverfolgung braucht Zeit. Es braucht Richter, es braucht Prozesse und nicht etwa Lynchmorde oder eine Mobjustiz. Wer Reformen will, muss die nötige Zeit zugestehen und wachsam und fordernd bleiben.

Andernfalls würde das ganze System blockiert, und das wäre selbstmörderisch. Das ist das Dilemma, das die Demonstranten lösen müssen.

KNA: Welchen Platz nimmt die Kirche in all dem ein?

Spiteri: Erstaunlich ist, dass Menschen von überall sich erhoben haben, ohne auch nur die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gruppe oder Partei zu erwähnen. Alle standen Hand in Hand unter der libanesischen Flagge. Das ist neu und sehr positiv. Es stimmt, dass die verschiedenen Gruppen schon seit Jahrhunderten zusammenleben, aber bewaffnete Konflikte stellten die verschiedenen Gemeinschaften gegeneinander, und nach dem Bürgerkrieg waren politische Parteien sehr präsent. Jetzt gibt es eine neue Basisbewegung, und die Christen sind ein fundamentaler Teil davon. Niemand kann verbergen, dass Menschen von überall protestieren, von Nord bis Süd.

KNA: Was bedeutet das konkret?

Spiteri: Kirchenführer haben die Stimme des Protestes anerkannt und alle Autoritäten aufgerufen, das Volk zu hören. Auch Papst Franziskus hat zu Dialog aufgerufen. Es ist jetzt sehr wichtig für alle christlichen Kirchen, ernsthaft darüber zu reflektieren, was die Protest- oder Reformbewegung fordert. Natürlich respektieren wir alle, die nicht an den Protesten teilgenommen haben. Aber wir müssen in der Lage sein, die Zeichen der Zeit zu lesen und was sie uns als Kirchen sagen.

KNA: Und sich entsprechend verändern?

Spiteri: Die Kirchen brauchen auch eine Reform. Es ist nicht so, dass wir nicht nah an den Menschen wären. Wir dürfen all die sozialen Dienste nicht vergessen, die kirchliche Institutionen leisten. Aber wir müssen noch näher an den Menschen sein. Wir müssen offen sein, allen zuzuhören: jenen, die für die Demonstrationen sind, jenen die dagegen sind und jenen unentschlossenen in der Mitte.

KNA: Gelten die Forderungen der Demonstranten auch den Kirchenführern?

Spiteri: Die Kirche und alle kirchlichen Gemeinschaften müssen die ersten sein, die mit einem guten Beispiel vorangehen - in Sachen Transparenz, gutem Management und Antikorruption. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, gegen Korruption zu sein, sondern müssen uns selbst daran halten. In vielen Ländern veröffentlichen Pfarreien, Bistümer, Schulen und so weiter ihre finanziellen Daten. Papst Franziskus insistiert sehr auf dieser Transparenz. Das könnte ein Beispiel sein für das politische System, weil es nicht reicht, Antikorruptionsgesetze zu erlassen. Es braucht auch die Entwicklung einer Antikorruptionsmentalität.

KNA: Viele Demonstranten fordern auch eine Reform des konfessionsgebundenen Systems des Libanon.

Spiteri: Das ist eine weitaus komplexere Angelegenheit, aber ich glaube, die Libanesen müssen mit den Diskussionen darüber beginnen. Dies betrifft nicht nur das Wahlrecht, sondern geht weit tiefer in die jeweiligen Gemeinschaften. Die gegenwärtige Verfassung, obgleich sie die grundsätzliche Gleichheit aller Bürger ohne Verweis auf Glaubensbekenntnis oder Gemeinschaft anerkennt, erlaubt eine gewisse rechtliche Autonomie der verschiedenen Gemeinschaften - etwa in zivilrechtlichen Fragen. Eine Diskussion darüber ist grundsätzlich positiv zu bewerten, aber auch hier wird es keine Lösungen über Nacht geben. Das bestehende System erhält in gewisser Weise das Gleichgewicht aufrecht.

KNA: Sehen das alle Generationen gleich?

Spiteri: Sicher ist ein Mentalitätswechsel bei der jüngeren Generation festzustellen, was in dem exklusiven Gebrauch der libanesischen Fahne zur Identifizierung und Sammlung aller Demonstranten evident wurde. Es ist eine große Herausforderung, die Einheit der Nation zu erhalten, ohne zu sehr die Identitäten der verschiedenen religiösen Gemeinschaften zu achten, sondern die eines jeden Bürgers und seiner fundamentalen Rechte und Pflichten. Manche Gruppen könnten versucht sein, in einem "Minderheitskomplex" Zuflucht zu suchen, doch die wahre Lösung liegt in Gleichheit und Brüderlichkeit, die nicht möglich sind ohne eine Offenheit zum Dialog. Alle religiösen Führer sollten offen sein, den Minderheitskomplex abzulegen und zu verstehen, warum die Jungen Gleichheit wollen.

KNA: Wie sehen Sie die nächsten Wochen?

Spiteri: Ich bleibe vorsichtig optimistisch. Es müssen Lösungen gefunden werden, sonst riskiert das Land einen wirtschaftlichen Zusammenbruch. Ich denke, die Proteste werden anhalten, mindestens bis es eine neue Regierung gibt, die Antworten liefert. Ich hoffe und bete aber, dass der Menschenverstand siegt und Dialog das Mittel bleibt. Der Libanon hatte zu viele Probleme, deren Lösungen mit Waffen auferlegt wurden. Mögen die Friedlichkeit dieses Protests und die Widerstandsfähigkeit der Libanesen ihre Spuren hinterlassen.

Das Interview führte Andrea Krogmann.

(KNA)

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