Stasi-Unterlagen: Akten und Briefe im Museum in der "Runden Ecke" in Leipzig
Stasi-Unterlagen: Akten und Briefe im Museum in der "Runden Ecke" in Leipzig
Roland Jahn
Roland Jahn

09.10.2019

Stasi-Unterlagenbeauftragter über DDR-Vergangenheitsbewältigung Interesse an Aktenansicht bleibt hoch

Der Massenprotest am 9. Oktober 1989 in Leipzig gilt als wichtiges Ereignis zum Fall der Mauer. Nach dem Ende der DDR wurde auch der Kontrollapparat der Stasi aufgelöst. Doch die Nachfrage zur Einsichtnahmen in die Stasi-Akten bleibt groß.

KNA: Wie viele Anfragen auf Einsicht in die Stasi-Unterlagen gibt es knapp 30 Jahre nach dem Fall der Mauer?

Roland Jahn (Stasi-Unterlagenbeauftragter): Monatlich gehen immer noch rund 4.000 Anträge ein, davon sind ein Drittel Wiederholungsanträge und zwei Drittel Erstanträge.

Darunter sind viele Menschen, die jetzt in das Rentenalter kommen und ihr Leben ordnen wollen. Oft ist der Antrag auch das Ergebnis eines Gesprächs mit den Kindern oder Enkelkindern. Und es kommt vor, dass die Kinder die Akten der verstorbenen Eltern einsehen wollen.

KNA: Gibt es weitere Anfragen?

Jahn: Vom öffentlichen Dienst gibt es Anfragen zur Überprüfung von Beschäftigten. Dazu kommen Parlamentarier immer wieder auf uns zu. Zudem erhalten wir jährlich rund 1.500 Anfragen von Forschern, Wissenschaftlern und Medien. Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall ist also das Interesse an den Akten vorhanden.

KNA: Auch in den Kirchen gab es den ein oder anderen Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi (IM), gibt es auch in diesem Bereich spezielle Anfragen?

Jahn: Wir erfassen nicht die Religionszugehörigkeit der Antragsteller, aber es gibt Forschungsanträge, die sich diesen Fragen widmen. Es ist belegt, dass es auch dort die ganze Palette der Geheimdienst-Aktivitäten gab. Für die Stasi war es sehr wichtig, ihre IMs in den Kirchen einzusetzen und zu erfassen, wer sich dort engagierte und welche Aktivitäten stattfanden.

KNA: Was machte die Kirchen so interessant?

Jahn: Die Kirchen haben eine wichtige Rolle gespielt - vor allem für Menschen, die nicht bereit waren, sich unterzuordnen. Sie haben hier einen Schutzraum gefunden. Ich selbst bin nicht religiös und war trotzdem mit anderen in vielen Veranstaltungen der evangelischen Kirche. Dort habe ich Ansprechpartner gefunden, denen ich vertrauen konnte. Das hat mir sehr viel Kraft gegeben. Und natürlich haben die Kirchen eine wichtige Rolle bei der friedlichen Revolution gespielt.

KNA: Gibt es auch etwas, was Sie am Verhalten der Kirchen kritisch beurteilen?

Jahn: Die Kirchen oder besser ihre Vertreter haben sich gegenüber dem Staat unterschiedlich positioniert. Bei all den Möglichkeiten, die sie vielen Menschen eröffnet haben, ist es ihnen aber nicht ganz gelungen, die Chance des Eintretens für Demokratie und Menschenrechte deutlich zu machen. Sicher muss man das immer im Zusammenhang mit der Verantwortung sehen, die die Kirchen für die Gemeinden als Ganzes und für den Einzelnen hatten.

Kirchenvertreter haben dann auch schon mal gebremst, wenn junge Leute zu radikal gegenüber dem Staat auftreten wollten. Oder sie haben in den komplizierten Prozessen der Ausbürgerung Oppositioneller über deren Köpfe hinweg Weichen gestellt. Das ist ein komplexes Feld, das durchaus mehr wissenschaftliche Untersuchung verdient hat.

KNA: Was halten Sie in diesem Zusammenhang von dem Jenaer Forschungsprojekt zu Christen in der DDR?

Jahn: Ich begrüße das Projekt sehr. Es ist höchste Zeit, dass die Christen als spezielle Gruppe, die eben auch im Visier der Stasi stand, zu untersuchen. Ich erhoffe mir davon mehr Aufklärung, aber auch Würdigung der Opfer, die unter der Beobachtung gelitten haben und denen wegen ihres Glaubens Nachteile entstanden sind.

KNA: 30 Jahre nach dem Mauerfall haben viele Menschen das Gefühl, die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen werden eher größer statt kleiner...

Jahn: So pauschal finde ich das nicht stimmig - zunächst: den "typischen Ostdeutschen" gibt es sicher nicht. Der katholische Priester hat in der DDR andere Erfahrungen gemacht als der Stasi-Offizier. Zudem ist die Definition eines Ostdeutschen nicht immer klar: In manchen Forschungsprojekten zählt etwa Angela Merkel nicht als Ostdeutsche, weil sie in Hamburg geboren wurde.

Ich selbst auch nicht, weil ich in den 80er Jahre aus der DDR ausreisen musste. Und jemand, der nach dem Ende der DDR nach Ostdeutschland kam, wird ebenfalls nicht dazu gezählt. Die unterschiedlichen Erfahrungen im geteilten Deutschland haben sicher Menschen unterschiedlich geprägt, aber die Label "ostdeutsch" oder "westdeutsch" bringen da keine Klärung.

KNA: Was könnte denn besser laufen?

Jahn: Ich denke, mehr Respekt vor den Biografien der Menschen wäre angebracht. Vielfach wird vergessen, dass es in der DDR eine friedliche Revolution gab und Menschen es dort geschafft haben, eine Diktatur zu überwinden. Dieser historische Moment kann auch heute ruhig stärker gewürdigt werden, denn daraus können Menschen Kraft und Mut schöpfen. Das heißt natürlich umgekehrt nicht, dass wir Menschen aus der Verantwortung entlassen dürfen, die DDR durch ihr Mitwirken erst möglich gemacht zu haben.

KNA: Ist es dann nicht ein Fehler, dass ein von Ihnen mit erarbeitetes und inzwischen vom Bundestag beschlossenes Konzept vorsieht, die Stasi-Unterlagen in das Bundesarchiv zu überführen?

Jahn: Nein, auf keinen Fall. Genau damit diese Errungenschaft der friedlichen Revolution, der Aktenzugang, auch in Zukunft fest in der Gesellschaft verankert ist und gewürdigt werden kann, machen wir das Stasi-Unterlagen-Archiv zukunftsfähig und sichern so, dass die Akten offen bleiben.

Das Interview führte Birgit Wilke.

(KNA)

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