AfD-Regionalverband sorgt mit Facebook-Post für Diskussionen
Fähnchen mit dem Logo der AfD

28.05.2019

Katholische Akademie Dresden zum AfD-Wahlerfolg "Der Osten ist nicht verloren!"

In Brandenburg und Sachsen ist die AfD bei der Europawahl stärkste Kraft geworden. Wieso ist die rechtspopulistische Partei gerade im Osten Deutschlands so populär? In Sachsen versucht die Kirche einen Dialog zu starten.

DOMRADIO:DE: Haben Sie damit gerechnet, dass die AfD in Sachsen so stark abschneidet?

Thomas Arnold (Direktor der Katholischen Akademie in Dresden): Ich denke, das ist jetzt ein Test vor der Landtagswahl. Wir haben schon in den letzten Wochen und Monaten gemerkt, dass sich die Stimmung immer noch nicht radikal gedreht hat und es zu rechtspopulistischen Parteien wie der AfD weiterhin Zustimmung gibt. Trotzdem gebe ich ganz ehrlich zu: Mich hat das Ergebnis erschreckt. Vor allen Dingen, dass in der Breite – bei Europawahlen und Kommunalwahlen – überall die AfD, aber auch deutlich rechtsextremere Parteien sehr hohe Wahlergebnisse erzielt haben.

DOMRADIO:DE: Woran könnte das liegen, haben Sie eine Idee?

Arnold: Der "Spiegel" schreibt vom "verlorenen Osten". Dieses Land ist nicht verloren – und da setze ich drei Ausrufezeichen dahinter. Wir müssen uns mit den Themen der Leute beschäftigen. Ich wiederhole das immer wieder: Es ist wichtig, dass wir auf die Leute und ihre Erfahrungen schauen.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In den Bewertungen nach der Europawahl wurde hervorgehoben, dass der Umweltschutz eine gewichtige Rolle gespielt hat – und zwar in Ost und West. Aber in Sachsen ist die Beurteilung eine andere. Hier hat Umweltschutz auch die Bedeutung, dass Arbeitsplätze verloren gehen und dass Biografien nach 1989 wieder durcheinandergewirbelt werden – nach 30 Jahren, in denen man sich gerade gefangen hat und irgendwie in diesem Land zurechtfindet.

Wir haben nicht nur die Lausitz, wo die ganze Region vom Braunkohleabbau geprägt ist und sich radikal verändert, wo es keine Alternative gibt. Das ist etwas anderes als der Hambacher Forst, wo Köln und Aachen dazwischen liegen und es noch andere Arbeitsplätze gibt. Wir haben Zwickau und Westsachsen, die vom Automobilbau geprägt sind, wo der Hauptarbeitgeber mit all seinen Zulieferern sitzt. Wenn dort VW die Elektromobilität etabliert, dann ist das eine Riesenchance. Aber die Leute merken, das kann auch nach hinten losgehen. Ich glaube, dass diese Verunsicherung vielfach zu einem Hoffen auf Beständigkeit führt.

Alexander Gauland (AfD-Parteivorsitzender, Anm. d. Red.) hat gestern noch einmal betont, dass die Leute – gerade in Ostdeutschland – Brüche gut kennen und jetzt bereit sind, wieder einen Bruch herbeizuführen. Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass die Leute, gerade weil sie Brüche kennen, Beständigkeit wollen.

DOMRADIO:DE: Die Katholische Akademie hat Anfang des Jahres eine Gesprächsreihe ins Leben gerufen: das SachsenSofa. Da kommen Politiker mit Menschen in Dörfern zusammen und es wird über Politik und Probleme gesprochen. Wie läuft die Diskussion – kann man miteinander reden?

Arnold: Sachsen hat nicht nur Politiker aufs Sofa geholt, sondern Leute des gesellschaftlichen Lebens. Wir hatten zwei Ziele: Auf der einen Seite wollten wir, dass die Leute, die sonst Berlin, New York und Paris kennen, in kleine Dörfer nach Sachsen kommen, ihre Erfahrungen mitbringen und erzählen, was sie an anderen Orten dieser Republik, dieses Kontinents oder der Welt erleben. Auf der anderen Seite wollten wir, dass die Leute ihre Themen mitteilen, die sie bewegen. Damit die Gäste des SachenSofas, wie etwa Jörg Schönenborn (Journalist und Fernsehdirektor beim WDR, Anm. d. Red.) oder Peter Frey (Journalist und Chefredakteur des ZDF, Anm. d. Red.), diese Erfahrungen in ihre Berichterstattung mitnehmen.

Es wurde bei den Veranstaltungen nie gepöbelt. Die Leute haben immer sehr sachlich diskutiert, miteinander gerungen und verschiedene Perspektiven ausgetauscht. Egal, wer auf dem Sofa saß, immer wieder hat das Thema dahin geführt, dass die Veränderungsprozesse nach 1989 in den Blick genommen wurden und die Enttäuschungen darüber artikuliert wurden.

Wir müssen als Kirche, aber auch als Gesellschaft lernen, noch einmal in den Blick zu nehmen, was die hohen Erwartungen waren, die 1989 zur friedlichen Revolution geführt haben. Wo waren die Enttäuschungen? Wir können die Zeit nicht mehr zurückdrehen, aber wir können uns fragen: Wie können wir in Zukunft diese Gesellschaft gestalten?

Ich hoffe darauf, dass wir miteinander weitere Gesprächswege finden. Wir haben jetzt noch 95 Tage bis zur Landtagswahl. Es wird nicht helfen, den Menschen das Blaue vom Himmel zu versprechen. Das sage ich allen Parteien und allen, die sich in diesen gesellschaftlichen Prozess einbringen. Entscheidend ist, dass man merkt, dass die Menschen authentisch für die Bevölkerung einstehen und dass sie nicht irgendwie auf Mehrheiten schielen. Diese Authentizität steht uns in der Kirche gut an, aber auch im gesellschaftlichen Miteinander.

Außerdem versuchen wir mit Projekten der Akademie und der Kirche, die Menschen, die "da oben" Verantwortung tragen, erlebbar zu machen. Dadurch sollen die führenden Vertreter der Gesellschaft auch mit den Dörfern und den kleinsten Institutionen ins Gespräch kommen. Das ist aufwendig, das macht Arbeit, das ist anstrengend. Aber es muss zugehört und eine Sensibilität dafür entwickelt werden, was die Anliegen der Menschen sind und was sie bewegt. Um Gottes willen, lassen Sie uns in Deutschland nicht in eine Polarisierung verfallen, wo wir einen Landstrich dämonisieren oder verurteilen, sondern lassen Sie uns voneinander lernen.

DOMRADIO.DE: Sie sind jetzt unterwegs mit dem "Café Hoffnung". Dabei handelt es sich um eine Art Wanderakademie für Toleranz und Vielfalt. Menschen in Sachsen werden für einen differenzierten Umgang mit Religion und kulturell-religiöser Vielfalt in der Gesellschaft geschult. Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass man sich diese religiöse und kulturelle Vielfalt in Sachsen bewahrt?

Arnold: Das Café Hoffnung trägt nicht ohne Grund diesen Namen. Deswegen habe ich ganz große Hoffnung, dass es etwas bewirkt. In den letzten Jahren war die Polarisierung wahrnehmbar. Wir wussten, dass wir Gesprächsangebote brauchen, damit wir als Kirche da, wo verschiedene kulturelle Kontexte aufeinandertreffen, unseren Beitrag leisten. Es soll mit den Vorurteilen gespielt werden, wir bieten Abendveranstaltungen an und wollen die Menschen miteinander ins Gespräch bringen.

Es ist nicht wie in Köln oder im Rheinland, wo den Menschen tagtäglich Muslimen oder anderen kulturellen Kontexten begegnen. Diese Erfahrung ist erst mal in weiten Teilen des Landes abwesend – ausgenommen der Großstädte Leipzig, Chemnitz und Dresden. Populistische Parteien machen damit Politik und schüren Ängste. Und da wollen wir Informationsarbeit leisten und zeigen, dass eine Religion nicht sofort ein Angstfaktor ist. Wir bieten an, dass wir die Mitarbeiter des Landes, des Freistaates, der Landkreise, aber eben auch die Parlamentarier qualifizieren. Die Menschen sollen in Zukunft nicht irgendwelche Inhalte um den Kopf gehauen bekommen. Wir wollen miteinander ins Gespräch kommen und sachlich über Themen der kulturellen Verschiedenheit und Toleranz diskutieren können.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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