Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg, Initiatorin der "Fridays for Future"-Klimademonstration
Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg, Initiatorin der "Fridays for Future"-Klimademonstration
Prof. Dr. Thomas Söding
Prof. Dr. Thomas Söding
Gewinnt Greta Thunberg den Friedensnobelpreis 2019?
Klimaaktivistin Greta Thunberg
Kirchenkritiker Eugen Drewermann
Kirchenkritiker Eugen Drewermann

20.03.2019

Ist Greta Thunberg eine moderne Prophetin? "Bitte nicht vereinnahmen!"

Propheten gab es nicht nur in der Bibel, sondern auch nach der Zeit Jesu. Und heute? Auch wenn Greta Thunberg mit großer Leidenschaft für den Klimaschutz kämpft - dem Bibelforscher Thomas Söding ist die Bezeichnung eine Nummer zu groß.

DOMRADIO.DE: Die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt verglich in einer Kanzelrede die Klimaaktivistin Greta Thunberg mit dem sozialkritischen Propheten Amos. Ebenso hat Ende letzten Jahres der Hildesheimer Bischof Wilmer den Paderborner Kirchenkritiker und Psychotherapeuten Eugen Drewermann als einen "von der Kirche verkannten Propheten" beschrieben. 

Würden Sie Greta Thunberg und Eugen Drewermann als Propheten bezeichnen?

Prof. Dr. Thomas Söding (Lehrstuhl für Neues Testament an der Ruhr-Universität Bochum): Eine Nummer kleiner ist auch noch groß. Aber das Wichtige ist ja, dass tatsächlich Prophetie nicht ein Phänomen der Vergangenheit ist, sondern ein Phänomen der Gegenwart. Sie haben ganz zu Recht gesagt, die Prophetie ist im Alten Testament ganz besonders virulent. Dann denken tatsächlich auch einige, mit Jesus ist die Prophetie am Ende. Das Gegenteil ist der Fall. Prophetie ist lebendig. Und natürlich, wer sich heute um Kirchenreformen und um Klimaschutz müht, der braucht ein prophetisches Charisma.

DOMRADIO.DE: Wenn Sie sagen "eine Nummer kleiner", welche Bezeichnung würden Sie auf diese beiden prominenten Personen der Gegenwart anwenden?

Söding: Ich würde zunächst mal sagen, dass ein Prophet in jedem Fall ein Mensch ist, der biblisch betrachtet die Gottesfrage ins Zentrum stellt. Wer den einen Gott verehrt und lieben lässt, der ist ein wahrer Prophet. Wer das Gesetz Gottes lehrt, der ist ein Prophet. Derjenige, der die Zukunft ansagen kann, der ist ein Prophet. Wenn man es mal vor diesem Hintergrund betrachtet, würde ich zunächst mal eine Unterscheidung treffen.

Bei Eugen Drewermann habe ich überhaupt keine Zweifel, dass er aus einer Gottesleidenschaft heraus mit seiner Kirche kämpft. Freilich ist er selber eher so ein theologischer Analytiker. Er würde sich ja selber von der Psychologie her verstehen und wäre vielleicht etwas bescheidener, was die Prophetie anbelangt.

Interessant finde ich diese junge Frau, die sich leidenschaftlich für Klimaschutz einsetzt. Ich bin nicht ganz sicher, wie eigentlich ihre religiöse Motivation ist. Da kommt jetzt ein anderes Phänomen in den Fokus, das sehr interessant ist, weil auch das Alte Testament Prophetie nicht nur innerhalb der Kirchen kennt – innerhalb des Volkes Gottes, muss ich sagen – sondern auch von außerhalb.

Ich würde allerdings eher sagen: Bitte nicht vereinnahmen, sondern aus den eigenen Ressourcen der Religion und der Kirche heraus fragen: Wie kann man sich denn um die Rettung des Klimas kümmern und welche Initiativen muss man hier entwickeln?

DOMRADIO.DE: Sie sprachen gerade davon, es wird häufig behauptet, dass mit Jesus Christus das Zeitalter der Propheten endet und das sei nicht so. Wie sieht es denn in der Urkirche aus? Man entdeckt ja bei Paulus in seinen Briefen ab und zu mal das prophetische Reden. Was meint er damit?

Söding: Das ist eine ganz, ganz lebendige Größe. Die Apostel und Propheten gehören zusammen. Propheten sind übrigens Männer und Frauen in gleicher Weise. Ohne diese Prophetie gäbe es das Urchristentum gar nicht. Diese Fähigkeit zur Zeitdiagnose, die Fähigkeit, die Zeichen der Zeit zu entdecken, die Fähigkeit, die Zukunft zu gestalten und auch die Fähigkeit, sich in ein kluges differenziertes Verhältnis zur Vergangenheit zu setzen, sind für die Urkirche schlechterdings entscheidend gewesen.

Sie hatte ja nicht die riesigen Institutionen, auf die sie sich beziehen konnte, sondern sie brauchte diese begeisterten und inspirierten Menschen. Von denen hat es genug gegeben. Meine Sorge ist nur, dass wir später im Zuge von Institutionalisierungen der Kirche dieses prophetische Moment leider Gottes an den Rand gedrängt haben. Die klassische Antwort der katholischen Kirche wäre 'Schaut auf die Heiligen'. Das finde ich gut. Aber wer sind eben die Heiligen unserer Tage?

DOMRADIO.DE: Sie sagten es ja auch, prophetisches Reden bedeutet, den Willen Gottes mit der erforderlichen Kraft und auch Autorität auszusprechen. Da kann ja eigentlich jeder kommen und sagen, wie es laufen müsse. Aber woran kann man denn erkennen, dass hinter dem Gesagten wirklich der Wille Gottes steckt?

Söding: Sie haben vollkommen recht. Es gibt auch falsche Prophetie. Da ist die Weisheit Israels sehr klug. Letztendlich weiß ich erst im Nachhinein, ob jemand sich wirklich so mit Gott beschäftigt hat, dass er jetzt nicht - ich sage mal - irgendein "Radikalinski" gewesen ist, der ins Abseits führt, sondern, dass es eine Person gewesen ist, die wirklich das Volk Gottes und vielleicht sogar die ganze Welt einen Schritt weiter in die richtige Richtung führt.

Im Moment, in dem gesprochen wird, weiß ich es noch nicht. Aber ich muss sensibel sein, ich muss damit rechnen, dass es diese prophetischen Stimmen gibt. Und wer weiß, vielleicht ist ja auch meine eigene etwas zurückhaltende Einschätzung am Anfang unseres Interviews nicht vom prophetischen Charisma geprägt und ich werde eines Besseren belehrt.

DOMRADIO.DE: Wenn man Propheten also erst im Nachhinein erkennt, schauen wir mal auf die sehr lange Geschichte unserer Kirche oder auch unserer Religion. Welche Personen würden Sie denn im Nachhinein aus heutiger Sicht als Propheten bezeichnen?

Söding: Ich bin Neutestamentler, das heißt, ich fange auf jeden Fall erstmal beim Apostel Paulus, bei Petrus und so weiter an. Wir reden von Aposteln und manchmal weiß man gar nicht, was das genau bedeuten soll. Aber das prophetische Charisma ist natürlich bei diesen Gestalten der Anfangszeit enorm.

Wenn ich jetzt durch die Zeit hindurch gehe, haben wir eher ein Überangebot an Prophetie. Interessanterweise sind das selten diejenigen, die ganz weit oben in den etablierten kirchlichen Hierarchien angelangt sind. Es sind vielfach die Außenseiter, die von unten kommen, die aber eine große Leidenschaft haben.

Wenn man es mal ganz konventionell nimmt – Hildegard von Bingen und Franziskus – mit beiden Namen haben wir die Verbindung zwischen Prophetie und Orden. Das ist, denke ich, bis heute eine ganz starke und wichtige Linie.

Was im kollektiven Gedächtnis der Kirche etwas unterbelichtet wird, ist die Prophetie des Alltags. Die Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern und ihnen die Augen öffnen oder auch diejenigen, die sich um die Kranken und Schwachen kümmern. Es gibt ja nicht nur eine Prophetie des Redens, sondern es gibt auch eine Prophetie der Tat, der guten Werke.

Das Interview führte Jan Hendrik Stens.

(DR)

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