Franz Müntefering
Franz Müntefering

17.03.2019

Franz Müntefering über sein Buch "Unterwegs" "Ich freue mich, dass ich 79 bin"

Älterwerden in dieser Zeit – damit beschäftigt sich der deutsche Politiker Franz Müntefering in seinem Buch. In seiner Biografie schreibt er über seine Kindheit, seine Zeit in der Politik und über die Pflege seiner schwerkranken Frau.

DOMRADIO.DE: Sie sind 79 und Ihrem Buch entnehme ich, dass Sie sich auch exakt so fühlen. Was mögen Sie nicht am Spruch: "Man ist so alt wie man sich fühlt"?

Franz Müntefering (Politiker): Die meisten wollen einem einreden, dass man eigentlich jünger ist. Aber das ist natürlich Unsinn. Das Gute ist ja, dass man 79 sein kann und noch relativ gut drauf. Ich freue mich ja, dass ich 79 bin. Wieso soll ich das leugnen? Da bin ich für Ehrlichkeit.

DOMRADIO.DE: Sie stehen also zu Ihrem Alter. Aber wie ist es für Sie, in der ganz großen Politik nicht mehr den Ton angeben zu dürfen oder zu müssen? Mussten Sie sich an diese fehlende Aufmerksamkeit gewöhnen?

Müntefering: Das ist normal, wenn man in einem Job, in einer Aufgabe ist, die öffentlichkeitswirksam ist. Dann kennen einen viele Menschen, man wird oft gefragt. Das wird dann wieder weniger. Aber das ist die normale ballistische Kurve. Das ist im Leben immer so - oder bei den allermeisten.

DOMRADIO.DE: Sie sagen: "Die Bewegungen der Beine ernährt das Gehirn." Und ich ergänze: Sie sind auch geistig weiter sehr aktiv. Sie sind der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen. Halten Sie sich damit fit?

Müntefering: Ja, das gehört dazu glaube ich. Ich mache immer ein bisschen Gymnastik, gehe, oder "walke", wie man heute so sagt. Ich laufe nicht mehr, weil das auf die Knie geht. Aber ein bisschen Bewegung ist immer gut. Eine Treppe ist eine Chance und kein Hindernis. Das muss man sein Leben lang immer so sehen, das hilft einem. Das ist in der Tat auch gut für den Kopf, weil der Kopf zum Körper dazugehört. Auch wenn man das meistens nicht so realisiert, das ist schon so. Bewegen hilft.

DOMRADIO.DE: Ihr Buch hat auch viel Biografisches. Sie erzählen vom Kriegskind, Messdiener, Minister, Vizekanzler und SPD-Vorsitzenden. Sie haben damals den Amtseid mit der Gottesformel abgelegt – anders als Ihr Kanzler, Gerhard Schröder. Haben Sie als Politiker die Hilfe Gottes gespürt?

Müntefering: Das weiß ich nicht, da bin ich ehrlich gesagt nicht besonders intensiv dran. Aber das ist eine Tradition, in der ich großgeworden bin und zu der ich auch gerne stehe.

DOMRADIO.DE: Hat es Sie erschreckt, dass Gerhard Schröder den Amtseid nicht geschworen hat?

Müntefering: Nein. Er hat das so gemacht, wie er es aus seiner Sicht für richtig gehalten hat. Das haben Andere auch schon gemacht.

DOMRADIO.DE: Zu Ihrer Biografie gehört auch, dass Sie Ihre schwerkranke Frau damals gepflegt haben? Haben Sie je mit dem Gedanken gespielt, ihr Leiden vorzeitig zu beenden? Haben Sie mal an Sterbehilfe gedacht?

Müntefering: Das Wort Sterbehilfe gebrauche ich ganz anders. Ich sage immer: Ich habe Sterbehilfe gemacht – bei meiner Mutter, bei meiner Frau. Aber Sterbehilfe, das heißt, den Menschen im Sterben helfen. Das heißt nicht, sie aus dem Leben herauszubringen.

Um es ganz klar zu sagen, damit es keine Missverständnisse gibt: Ich bin gegen ärztlich assistierte Beihilfe zum Suizid. Ich bin dafür, dass wir den Menschen helfen, dass wir Hospiz- und Palliativdienste aufarbeiten und noch verbessern. Da ist vieles möglich geworden über die Zeit. Ich habe sehr zugestimmt, als der Bundestag gesagt hat: Wir werden die Tür zum ärztlich assistierten Suizid nicht öffnen.

Das Interview führte Tobias Fricke.

(DR)

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