Annegret Kramp-Karrenbauer und Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem CDU-Bundesparteitag
Annegret Kramp-Karrenbauer und Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem CDU-Bundesparteitag
Dr. Andreas Püttmann
Dr. Andreas Püttmann

08.12.2018

Katholische Frauenpower gegen den Zeitgeist: "AKK" als neue CDU-Parteivorsitzende Von wegen "Mini-Merkel"

Was für ein Krimi von CDU-Bundesparteitag! Und dann: Habemus praesidem! Die protestantische Pastorentochter aus dem Nordosten hat das Zepter an ein Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken aus dem tiefen Westen übergeben.

Bei den Christdemokraten gilt damit weiterhin Adenauers Wort: "Die Christen müssen sich engagieren, viele andere müssen uns wählen. Vor allem müssen Christen führen." Dies ist, wenn man nicht nur die formale Kirchenmitgliedschaft als Kriterium nimmt, auch in der Union nicht mehr selbstverständlich.

Einen Satz wie Annegret Kramp-Karrenbauers: "Für mich ist das tägliche Gebet wichtig" hört man von öffentlichen Personen heute seltener als Umfragen es für die Bevölkerung spiegeln.

"Mini-Merkel"

Dass einer Frau wieder eine Frau an der CDU-Spitze folgen könne, noch dazu eine Unterstützerin von Merkels Flüchtlingspolitik, war in konservativen Echokammern für ein Unding gehalten worden. Man freute sich nach Merkels Niederlage beim Fraktionsvorsitz darauf, nun auch ihre Nachfolgeidee für den Parteivorsitz zu durchkreuzen, um sie dann durch ihren schneidigen Widersacher Merz aus dem Kanzleramt drängen zu lassen. Entsprechende Hoffnungen machten auch Medienberichte von der Parteibasis, die tatsächlich von je her männlicher und konservativer ist als die CDU-Anhängerschaft.

Aus Beifalls-Phonstärken bei Regionalkonferenzen schlossen manche Beobachter, es werde auf Merz zulaufen. Die Springerpresse blies den Quereinsteiger zum Merkel-Terminator und politischen Messias auf, während Kramp-Karrenbauer von den Rechtsradikalen und auch von Rechtskonservativen der eigenen Partei als "links", Kandidatin des "Weiter so" und "Mini-Merkel" verhöhnt wurde.

Frauenpower gegen den Zeitgeist

Doch wie schon die Panik schürende Großkampagne gegen den UN-Migrationspakt sich an der abwägenden Rationalität der Bundestagsfraktion brach, scheiterte nun auch das Projekt CDU-Rechtsverschiebung am Augenmaß der Parteitagsmehrheit. In ihrer authentischen, mitreißend leidenschaftlichen, unerwartet virtuosen Rede rief "AKK" nicht ohne Schalk dazu auf, "gegen den Zeitgeist Kurs zu halten" – eine konservative Devise, die nun auch gegen den internationalen Modetrend nach rechts gelten muss.

Clever hatte Merkel zuvor, ohne Namen zu nennen, an die drei großen CDU-Siege der letzten Jahre erinnert: "Ich sage nur Saarland: über 40 Prozent"; "Schleswig-Holstein: Staatskanzlei für die CDU zurückerobert"; "Nordrhein-Westfalen: Rot-Grün in die Opposition geschickt". Alle drei Sieger Getreue vom christlich-liberalen Flügel. Die Botschaft: Wahlen werden immer noch in der Mitte gewonnen.

Friedrich Merz als Reminiszenz an die "fetten Jahre"

Dass Friedrich Merz sich vollmundig eine "Halbierung der AfD" zutraute, konnte angesichts der absehbar fortdauernden Koalitionsnotwendigkeit mit mindestens einer linken Partei nicht aufgehen. Mit SPD oder Grünen zu regieren und zugleich die Rechtspopulisten an die Wand zu spielen, diese Quadratur des Kreises lösen zu können, wirkte unseriös und hybrid für jeden, der die Sache bis zum Ende durchdachte. Politikberater Michael Spreng hatte AKK in einer Talkshow die "Kandidatin des Herzens" der CDU genannt, Merz den ihrer Machtvernunft.

Tatsächlich war es, bevor AKK die Herzen der Delegierten erwärmte, eher umgekehrt: Emotional schien in der durch Wahl- und Umfragergebnisse gebeutelten Partei viel für Merz als Reminiszenz an die "fetten Jahre" der Volkspartei zu sprechen; doch die Integrations- und Machtperspektive in realistischen Bündnissen sah mit ihm weit schwieriger aus. Von seinen schlechten Sympathiewerten in der Bevölkerung und zahlreichen Fehlern in der Kampagne ("Rechtsbruch", "Mittelschicht", Art. 16a, "Achselzucken", Journalistenschelte etc.) ganz zu schweigen.

Mutiger, beherzter Schritt "ohne Netz und doppelten Boden"

Zudem konnte Merz keinerlei Regierungserfahrung vorweisen, während seine Konkurrentin gleich drei Ministerien – für Inneres, Familie und Frauen, Bildung und Kultur, Arbeit und Soziales – sowie als Ministerpräsidentin zwei Koalitionen geführt hatte. Dann tauschte sie den warmen Sessel der Landesmutter mit dem Schleudersitz des Generalsekretärs in einer Krisen- und Spätzeit der Parteivorsitzenden – ein mutiger, beherzter Schritt "ohne Netz und doppelten Boden", ohne "Rückfahrkarte". So hoher Einsatz nötigt Respekt ab.

Dass ein Drittel der Wähler von Jens Spahn sich in der Stichwahl nicht wie erwartet für Merz entschieden, könnte nicht nur mit AKK’s durchaus auch konservativen Überzeugungen, sondern vor allem mit dem stimmigeren Persönlichkeitsbild der grundsoliden Saarländerin zu tun haben, mit ihrer Dienstbereitschaft und Loyalität zur Partei im Einklang mit der durchaus beliebten Kanzlerin. Indes haftete Merz eine besserwisserische "Hoppla-jetzt-komm-ich"-Attitüde an, die zwar die Spitze für sich beansprucht, aber nicht bereit oder fähig ist, in Teamarbeit "nur" die Nummer 2 zu sein und hinter einer Frau als Nummer 1 zurückzustehen.

Tatsächlich scheint ja nun sein zweiter Rückzug aus den vorderen Reihen der Politik anzustehen. Ginge es ihm so brennend ums Land wie er glauben machen wollte, würde er das Vertrauen von 48 Prozent der Delegierten nutzen, um an zentraler Stelle Einfluss auf den Kurs der "Staatspartei" CDU zu nehmen und perspektivisch in einem Ministeramt politisch zu gestalten.

Standing Ovations für Angela Merkel

Angela Merkel, der FDP-Chef Lindner am Montag vorwarf, die CDU bei der Flüchtlingspolitik "in Geiselhaft" genommen zu haben – womit er das AfD-Narrativ von der "Kanzlerdiktatorin" kolportierte –, wurde vom Parteitag mit nicht enden wollenden Standing Ovations gefeiert, auch schon bevor sie zum ersten Mal das Wort ergreifen konnte. Sie wird nun, wenn die SPD nicht die Nerven verliert und die CSU aus ihren Fehlern lernt, ihre Kanzlerschaft bis 2021 weiterführen können, was zuletzt auch eine Mehrheit der Bevölkerung wünschte.

Ihrem in Hamburg bekundeten Vorsatz, "meine Staats- und parteipolitischen Ämter in Würde zu tragen und sie eines Tages in Würde zu verlassen", ist sie beim Parteivorsitz gerecht geworden und bei der Kanzlerschaft wieder näher gekommen. Denn Annegret Kramp-Karrenbauer, die international über wenig Erfahrung verfügt, weiß wie die große Mehrheit der CDU, was sie in diesen Zeiten an der weltweit respektierten Kanzlerin hat.

Starke Frauen und starke Männer

Die beiden starken Frauen werden den Zeitpunkt des Stabwechsels im Regierungsamt wahrscheinlich einvernehmlich und wohl schon vor den nächsten Bundestagswahlen vollziehen, damit die Nachfolgerin mit einem Amtsbonus vor die Wähler treten kann. Es sei denn, die Europa- und Landtagswahlen 2019, die angesichts der gesellschaftlichen Pluralisierung und Polarisierung derzeit eher Stimmenverluste als Gewinne versprechen, würden die Autorität der Parteivorsitzenden mehr als die der Kanzlerin schwächen.

Dann könnten auch wieder starke Männer an die Spitze gerufen werden. Aber eher solche, die AKK’s weisem Wort entsprechen, dass es "mehr auf die innere Stärke als auf die äußere Lautstärke ankommt. Das muss mal gesagt werden, in dieser Welt mit all den Lautsprechern da draußen". Gut gebrüllt, Löwin! Das Modell "röhrender Hirsch" mag woanders Konjunktur haben. In Deutschland hat es Gott sei Dank ausgedient.

Andreas Püttmann
(DR)

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