Der Rechtspopulist Jair Bolsonaro gilt bei der Präsidentenwahl in Brasilien als Favorit
Der Rechtspopulist Jair Bolsonaro gilt bei der Präsidentenwahl in Brasilien als Favorit

28.10.2018

Bolsonaro geht als Favorit in die Stichwahl Warum hofft Brasilien auf den rechten Kandidaten?

Brasilien will mit einem rechtsgerichteten Präsidenten aus der Krise kommen. Besonders evangelikale Wähler setzen auf ihn. Besonnene Geister rätseln über die Ursachen für Bolsonaros Erfolg.

Drei Tage vor der Stichwahl erhielt Jair Messias Bolsonaro doch noch einen leichten Dämpfer. Laut der jüngsten Umfrage konnte sein Herausforderer um das Präsidentenamt, Fernando Haddad, von der linken Arbeiterpartei PT seinen Rückstand von 18 auf 12 Prozentpunkte verkürzen. Schuld war wohl Bolsonaros rabiate Videobotschaft, in der er einige Tage zuvor "Säuberungen, wie sie Brasilien noch nie gesehen hat" ankündigte. Oppositionelle werde er entweder ins Exil oder in den Knast befördern, allen voran Herausforderer Haddad.

Damit vergraulte er zwar einige Wähler, doch sein Sieg scheint trotzdem sicher. Brasiliens neuer Präsident wird ein Ex-Militär, der offen gegen Homosexuelle, Feministinnen, Schwarze und Linke hetzt. Die Landlosenbewegung werde er als Terroristen ins Visier nehmen und Banditen zum Abschuss freigeben. Eine solche Rhetorik ist mehrheitsfähig - und die Welt schüttelt ungläubig den Kopf. Wie konnte es soweit kommen?

Wirtschaftskrise, dazu Korruptionsskandale und die ausufernde Gewalt

Eine seit 2014 anhaltende Wirtschaftskrise, dazu Korruptionsskandale und die ausufernde Gewalt hätten den Glauben in das System erschüttert, sagt der Ökonom Marcelo Neri vom Think Tank Fundacao Getulio Vargas. "Nur in Afghanistan haben die Menschen mehr Angst vor Gewalt und misstrauen dem Wahlsystem mehr als hier. Und nur in Bosnien ist das Vertrauen in die politische Führung noch geringer", zitiert er eine Vergleichsstudie über 124 Länder.

Dabei war Brasilien bis vor wenigen Jahren noch eine Erfolgsgeschichte. Unter der PT-Regierung (2003-2016) waren Millionen Menschen sozial aufgestiegen. Nun übertrifft die Unzufriedenheit sogar die von Bürgerkriegsländern. Die einstigen PT-Wähler geben der Partei die Schuld am ökonomischen Niedergang und der desolaten Sicherheitslage. Und sind zu Bolsonaro übergelaufen.

Familie, Militär und Kirche

Dessen Diskurs zielt auf die drei Institutionen, denen die Brasilianer noch vertrauen: Familie, Militär und Kirche. Derweil verteufelt er das politische System, besonders die PT. Eine regelrechte Hetze richtet sich gegen Ex-Präsident Lula da Silva (2003-2010), der seit April wegen Korruption inhaftiert ist. Soziale Netzwerke wie WhatsApp fluten Bolsonaros Anhänger mit grotesken Fake News.

So soll die PT mit Homosexuellen und Feministinnen eine kommunistische Verschwörung planen. Haddad habe einst als Bildungsminister (2005-2012) Aufklärungsbücher an Sechsjährige verteilt, um sie zu Homosexuellen umzupolen. Nun plane er, Pädophilie und Inzucht zu legalisieren. Besonders aktiv in Sachen Fake News sind auch einige der großen evangelikalen Kirchen des Landes. Sie sollen in den Favelas Flugblätter verteilt haben, die vor Zwangsabtreibungen auf Geheiß der PT warnen.

"Evangelikalen hier äußerst rechts-konservativ"

"Ähnlich wie in den USA sind die Evangelikalen hier äußerst rechts-konservativ, weshalb Bolsonaros Law-and-Order-Diskurs wirkt", sagt der evangelische Pastor Antonio Carlos Costa, Gründer der Menschenrechtsorganisation "Rio de Paz". Bolsonaro ist gegen Abtreibung und die gleichgeschlechtliche Ehe, verteufelt Sex, Alkohol und Tabak. Während die katholische Bevölkerungsmehrheit zu gleichen Teilen zwischen Haddad und Bolsonaro gespalten ist, wählen Dreiviertel der Evangelikalen Bolsonaro.

"Dabei fallen all diese Fragen ja überhaupt nicht unter die Entscheidungskompetenzen des Präsidenten", so Costa. "Aber über die Bereiche, in denen er als Präsident etwas verändern könnte, schweigt er: die Armut, die überbelegten Gefängnisse, die Arbeitslosigkeit, die überfällige Polizeireform. Eigentlich müsste ein jeder sehen, dass er gar keine christliche Agenda hat."

Seit 27 Jahren im Parlament

Doch der Hass auf das Establishment überwiegt derzeit alles. Bolsonaro sitzt seit 27 Jahren im Parlament. Bis auf einen Gesetzentwurf über die Zulassung einer obskuren Pille zur Krebsheilung hat er nichts zustande gebracht. In seiner Partei gilt er als der einzige Abgeordnete, der nicht bestochen wurde. Weil niemand ihn ernst nahm, meinen Beobachter. Jetzt kann er sich dafür als Saubermann und Outsider präsentieren.

Dass er überhaupt derart aufsteigen konnte, sei aber auch Schuld der PT, die zwar 2003 Erneuerung versprach, sich dann aber im Korruptionsnetz verfing, so Costa. "Dabei vergisst man, wie viele Millionen Menschen Dank der PT aus Hunger und Armut gerettet wurden." Doch das scheinen die Brasilianer längst vergessen zu haben, urteilt der Ökonom Neri. "Brasilien ist äußerst komplex geworden. Und die Brasilianer wollen dafür simple Lösungen." Doch die werde ihnen auch Bolsonaro nicht liefern können.

Thomas Milz
(KNA)

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