Pegida-Demonstration
Pegida-Demonstration

22.10.2018

Pegida schrumpft und wird radikaler Um die Abgewanderten kümmern

Seit vier Jahren gibt es Pegida. Immerhin sei die Bewegung kleiner geworden, sagt der Direktor der Katholischen Akademie im Bistum Dresden-Meißen, Thomas Arnold. Er findet, die Kirche müsse sich nun um die kümmern, die früher bei Pegida waren.

DOMRADIO.DE: Am Wochenende haben 10.000 Menschen in Chemnitz gegen Pegida demonstriert, und das zum Geburtstag der Gruppe, die sich selbst als "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" versteht. Herr Arnold, hat man mit so vielen Menschen gerechnet, die gegen Pegida auf die Straße gehen?

Thomas Arnold (Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen): Es ist unwahrscheinlich erfreulich, dass unter dem Titel "Herz statt Hetze" so viele Menschen unterwegs waren. Im Moment ist die Rede von etwa 10.000 Menschen, die gegen Pegida demonstriert haben. Ich glaube, das ist auch darauf zurückzuführen, dass verschiedene kleine Initiativen sich dieses Mal zum ersten Mal zusammengefunden haben. Sie haben sich dann gemeinsam aus verschiedenen Stadtteilen quasi in einer Art Sternmarsch Richtung Neumarkt und Rathaus begeben.

DOMRADIO.DE: Auch der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer war dabei, oder?

Arnold: Ja. Und neben dem Ministerpräsidenten waren noch verschiedene gesellschaftliche Vertreter dabei, so auch der Oberbürgermeister und der Rektor der Universität. Ich glaube, das Wichtigste, was der Ministerpräsident gesagt hat, ist: "Wenn die Mehrheit zu leise ist, wird die Minderheit zu laut." Diesmal konnte ein deutliches Zeichen gesetzt werden.

DOMRADIO.DE: Wie steht es vier Jahre nach der Gründung um Pegida? Wächst die Bewegung weiter?

Arnold: Pegida hat sich in den letzten vier Jahren erstens radikalisiert und ist zweitens aber deutlich kleiner geworden. Inzwischen ist Pegida zu einer Gruppe geworden, die sehr geschlossen ist und die sehr deutliche Feindbilder entwickelt hat. Während vor drei oder vier Jahren Menschen mitgelaufen sind, die Bedenken gegen gewisse Entwicklungen hatten und sich Pegida sehr plural zusammensetzte, ist die Gruppe jetzt zu einem sehr verfestigten Kreis geworden.

Trotzdem muss man natürlich schauen: Die 20.000, die zu Hochzeiten Anfang 2015 mitgelaufen sind, sind zwar von den Straßen verschwunden. Aber, ich bin davon überzeugt, dass teilweise Frust, Ängste und auch Unkenntnis beziehungsweise fehlende Routine mit Demokratie immer noch vorhanden sind. Da ist nun die Frage, wie wir als Gesellschaft damit umgehen.

DOMRADIO.DE: Diese Unzufriedenheit hat ja besonders im Osten zu Protestbewegungen geführt. Warum gerade dort?

Arnold: Ich denke, auch da gibt es viele verschiedene Gründe. Für mich ist die Frage – auch als katholische Akademie – wie gehen wir mit den Erfahrungen nach 1989 um? Es ist wichtig, dass wir nicht vergessen, was 1989 und in den Jahren zuvor passiert ist. Auch daran hat der Ministerpräsident erinnert: Am 21. Oktober 1989, also vor 29 Jahren sind 50.000 Menschen in Dresden für freiheitliche Demokratie auf die Straße gegangen.

Wir müssen dann aber auch mal schauen, was in den letzten knapp 30 Jahren passiert ist und wo es Verletzungen gegeben hat. Es geht dabei nicht darum, eine Jammermentalität zu verstärken. Ich denke aber, wenn man die Geschichte kennt, dann kann man besser in die Zukunft schauen.

DOMRADIO.DE: Und da ist ja auch die Kirche aktiv. Sie sagen ja, dahinter stehen oft eine Verunsicherung der Identität und die Angst, Kontrolle zu verlieren. Das ist eine Chance für die Kirche, sagen Sie. Welche?

Arnold: Ich denke, auch mit drei Prozent oder als christliche Kirchen mit fast 20 Prozent in Dresden, haben wir die Chance, einen Ort zu bieten, an dem wir verschiedene Positionen und Erfahrungen zusammenbringen. Das hat 1989 schon einmal funktioniert. Ich denke, in dieser aufgeladenen Atmosphäre können wir wieder ein Ort sein, der einen offenen Raum bietet. Das ist das erste.

Das zweite ist: Ich bin fest davon überzeugt, dass sich diese Gesellschaft nach einer Hoffnungsoption und nach einer Perspektive sehnt. Und da können wir uns als Kirche einbringen. Eine Perspektive haben wir mit dem christlichen Glauben zu bieten. Es geht nicht darum, sie überzustülpen, sondern sie anzubieten.

Das dritte ist, dass wir uns auch selbst noch beteiligen können in diesen Prozessen, um den Wert der Demokratie zu betonen.

(DR)

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