Studie zur Entwicklungszusammenarbeit: Kirchen und politische Stiftungen werden weniger gefördert
Entwicklungshilfe vor allem in Afrika gefragt

05.09.2018

Geber-Konferenz unterstützt Tschadsee-Region Fast zwei Milliarden Euro zusätzlich

Dürre, Hunger, Terror: In der Region um den Tschadsee ereignet sich kaum beachtet von der Weltöffentlichkeit eine der größten humanitären Katastrophen. Eine Geber-Konferenz bringt jetzt mehr Hilfe als erwartet.

DOMRADIO.DE: Sie kennen sich mit der Situation in der Tschad-Region sehr gut aus. Was sind denn die dringendsten Probleme dort?

Volker Gerdesmeier (Leiter des Projektreferats Afrika bei Caritas international): Das Hauptproblem ist die massive Vertreibung von Menschen. Die Menschen fliehen vor Übergriffen der Terrormiliz Boko Haram vor allem aus ländlichen Gebieten in städtische Regionen. Das führt dazu, dass über zwei Millionen Menschen auf der Flucht sind und von ihren Feldern abgeschnitten sind und nichts mehr anbauen können.

Es gibt erste Rückkehrbewegungen, die aber dann oft große Gefahren für die Betroffenen beinhalten. Ein Kollege aus Kamerun hat erzählt, dass Bauern in der Grenzregion zu Nigeria nur ernten können, wenn Militär in der Nähe ist und sie beschützt. Aber es gibt auch nachts immer wieder Übergriffe. Das führt dazu, dass die Leute in Kleinstädten oder in der größten Stadt der Region, in Maiduguri, stranden und sich nur sehr schlecht über Wasser halten können.

Es fehlt vor allem an Nahrung und durch die enge Wohnsituation fehlt es dann vor allem auch an guter Wasserversorgung, Hygiene und Gesundheitsversorgung. Ein großes Problem ist auch die Bildung. Mehrere hundert Schulen wurden zerstört oder sind geschlossen. Es ist ein großes Problem, den vertriebenen Kindern und Jugendlichen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen.

DOMRADIO.DE: Nun sind insgesamt 2,17 Milliarden US-Dollar an Hilfen zugesagt. Was wird jetzt konkret in dieser Region getan, um die Lage zu verbessern?

Gerdesmeier: Der Ansatz der Konferenz war, von drei Seiten auf die Krise zu schauen. Das halten wir auch für sehr sinnvoll.

Erstens muss weiter dringend humanitäre Hilfe geleistet werden. Viele Menschen sind von Hilfe abgeschnitten. Ich war letztes Jahr selbst im Tschad und habe erlebt, wie Leute aus Regionen, in die sie geflohen sind, wieder mangels Hilfe in die sehr gefährlichen Gebiete zurückgegangen sind. Dann haben sie lieber das Risiko auf sich genommen, als da zu warten und keine Hilfe zu bekommen. Humanitäre Hilfe ist weiter dringend nötig.

Man sollte aber auch so früh wie möglich und so gut es geht zur langfristigen Entwicklung beitragen. Es gibt Teilregionen, in die Menschen zurückkehren konnten und wieder anbauen können. Da kann man mit Saatgut unterstützen. Bildung, Gesundheit und Wasserversorgung sind ferner die dringendsten Sektoren.

DOMRADIO.DE: Die Gastgeber dieser Konferenz sind Deutschland, Nigeria, Norwegen und die Vereinten Nationen. Kann man sagen, wie es gerade zu dieser Konstellation kommt? Also in welchem Verhältnis zum Tschad stehen zum Beispiel Deutschland, Nigeria und Norwegen?

Gerdesmeier: Die Konferenz bezog sich auf die gesamte Tschad-Region. Es sind vier Länder betroffen: Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun. Die meisten Betroffenen der Krise und die meisten Vertriebenen leben in Nordost-Nigeria. Insofern lag es nahe, dass Nigeria das mit ausrichtet.

Die Vereinten Nationen sind sehr engagiert in der Koordination der humanitären Hilfe und teilweise auch in Bezug auf Entwicklungshilfe.

Und Deutschland und Norwegen sind zwei Länder, die seit längerer Zeit die Region begleiten und sich engagieren - auch auf diplomatischer Ebene. Im Jahr 2017 gab es die erste Konferenz zur dieser Region in Oslo.

DOMRADIO.DE: Bundesaußenminister Heiko Maas hat über die Konferenz gesagt, sie zeige was möglich ist, wenn man gut zusammenarbeitet. Wie ist das aus Ihrer Sicht? Ist das vorbildliche Entwicklungsarbeit, die hier stattfindet?

Gerdesmeier: Es war aus unserer Sicht vorbildlich wirklich zu versuchen, alle Akteure an den Tisch zu bringen. Es haben zum Beispiel Gouverneure aus der Region gesprochen, die seit Mai dieses Jahres sich regelmäßig austauschen. Uns wurde immer wieder gesagt, eine humanitäre Krise kann nicht humanitär gelöst werden, sondern braucht eine politische Lösung. Und da wurde jetzt schon viel in diese Richtung angedacht.

Das halten wir für sehr positiv. Aber es muss sich über die Jahre zeigen, was davon jetzt auch konkret umgesetzt wird.

DOMRADIO.DE: Auch die Kirchen nehmen aktuell eine vorbildliche Position ein, oder?

Gerdesmeier: Absolut. Die Kirchen sind seit Jahrzehnten in der Region in der Entwicklungsarbeit, in der Friedensarbeit, in der Versöhnungsarbeit und beim interreligiösen Dialog aktiv und sind jetzt akut in der humanitären Hilfe aktiv und werden auch die sein, die danach noch da sind, wenn viele internationale Organisationen abgezogen sein werden.

Sie kennen den Kontext ausgezeichnet. Es war wieder sehr beeindruckend zu hören, was die Kollegen da alles leisten.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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