Pro Asyl: Familiennachzug weniger problematisch als dargestellt
Heße: "Politik muss ehrlich und unaufgeregt nach Lösungen suchen"
Erzbischof Stefan Heße
Erzbischof Stefan Heße

19.06.2018

Erzbischof Heße zur Situation von Flüchtlingen "Manche Debatten werden hochgradig unseriös geführt"

Der katholische Flüchtlingsbischof Stefan Heße vermisst in den aktuellen politischen Debatten "zunehmend die Empathie mit den Flüchtlingen". Es scheine "fast nur noch darum zu gehen, wie wir diese Menschen fernhalten oder loswerden können."

KNA: Am Mittwoch ist Weltflüchtlingstag. Was ist Ihre wichtigste Botschaft zu diesem Tag angesichts der aktuellen Situation?

Stefan Heße (Erzbischof von Hamburg und bischöflicher Flüchtlingsbeauftragter): Derzeit gibt es weltweit etwa 65 Millionen Flüchtlinge, 25 Millionen befinden sich außerhalb der Grenzen ihres Landes. Sie sind geflohen vor horrenden Menschenrechtsverletzungen, vor Krieg oder Bürgerkrieg. Und sie sind auf der Suche nach einem Leben in Sicherheit und Würde. Meine Botschaft zum Weltflüchtlingstag lautet: Vergessen wir diese Menschen und ihre Schicksale nicht! Verhärten wir nicht unsere Herzen, verschließen wir nicht unsere Augen!

KNA: Der Streit um Asyl und Flüchtlinge erhitzt aktuell die Gemüter. Wie bewerten Sie die politischen Streitigkeiten?

Heße: Politischer Streit ist nicht verwerflich. Wichtig ist, dass dabei um gute Lösungen gerungen wird. Wie können Flüchtlinge geschützt werden? Wie kann Integration gelingen, wie lässt sich der gesellschaftliche Zusammenhalt sichern? Und nicht zuletzt: Wie finden wir zu einer solidarischen Flüchtlingspolitik in der Europäischen Union? Darüber muss geredet und auch gestritten werden. Allerdings vermisse ich in den politischen Debatten zunehmend die Empathie mit den Flüchtlingen. Es scheint fast nur noch darum zu gehen, wie wir diese Menschen fernhalten oder loswerden können.

KNA: Halten Sie die Entscheidung zum Familiennachzug für richtig?

Heße: Wir sollten uns vor Augen führen, worum es hier eigentlich geht: Syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen wurde zwei Jahre lang verwehrt, mit ihren engsten Angehörigen vereint zu werden. Dies hat viele Familien in tiefe Verzweiflung gestürzt. Als das Ende der Aussetzung kurz bevorstand, konnte man bei einigen Flüchtlingen eine große Erleichterung wahrnehmen - und dann ist die Familienzusammenführung wieder in weite Ferne gerückt.

Selbstverständlich ist der nun beschlossene eingeschränkte Nachzug besser als die vollständige Aussetzung. Doch die Bischöfe hätten sich eine Lösung gewünscht, die den Bedürfnissen der betroffenen Familien tatsächlich gerecht wird. Denn die Einheit der Familie ist ein hohes Gut. Und wir wissen aus Erfahrung, dass Menschen, die gemeinsam mit ihrer Familie leben, bessere Integrationschancen in der neuen Umgebung besitzen.

KNA: Können Sie die Ängste vor Flüchtlingen verstehen angesichts von Fällen wie dem Mord an der 14-jährigen Susanna oder von Berichten über falsche Identitäten und ähnliches mehr?

Heße: Die Ängste und Sorgen der Menschen nehme ich ernst. Kein Verständnis habe ich für diejenigen, die Ängste schüren und ausbeuten. Mir scheint: Manche Debatten in unserem Land werden hochgradig unseriös geführt. Besonders bedenklich wird es, wenn Verbrechen einzelner pauschal einer ganzen Gruppe, also den Flüchtlingen, angelastet werden. Die aus ihrer Heimat Geflüchteten erscheinen im öffentlichen Bewusstsein dann nicht mehr als schutzsuchende Menschen, sondern als potenzielle Vergewaltiger, Mörder und Terroristen. Dies ist eine verzerrte Wahrnehmung.

KNA: Sehen Sie einen Stimmungsumschwung - sozusagen von der Willkommenskultur zum Wunsch nach Abschottung?

Heße: In unseren öffentlichen Debatten gibt es eine solche Tendenz. Doch bei genauerer Betrachtung ist das Bild etwas differenzierter: Auch 2015, also in der Hochzeit der sogenannten Willkommenskultur, gab es nicht wenige, die alles anderes als begeistert waren über die Flüchtlinge, die in unser Land kamen. Und ebenso lassen sich auch heute, da sich der Wind der öffentlichen Meinung gedreht hat, viele Menschen nicht von Ängsten oder Ressentiments mitreißen.

KNA: Wie sollte sich die Politik insgesamt verhalten beim Thema Flüchtlinge?

Heße: Erstens: Solidarität ist weiterhin geboten - mit den Geflüchteten, mit den Krisenländern, mit den Erstaufnahmestaaten. Ohne gemeinsame europäische Lösungen droht ein Unterbietungswettbewerb, bei dem es jedem nur darum geht, sich so viele Geflüchtete wie möglich vom Leib zu halten. Vorboten einer solchen Entwicklung sind bereits sichtbar. Ich denke etwa an die deutsche Debatte über die Zurückweisung von Flüchtlingen an der Grenze. Oder auch an die prekäre Situation im Mittelmeer: Seenotrettungsinitiativen, die schutzsuchende Menschen vor dem Tod bewahren, werden zunehmend drangsaliert. Ein Sinnbild der mangelnden europäischen Solidarität ist das Rettungsschiff Aquarius, das mit über 600 geretteten Menschen an Bord tagelang keinen sicheren Hafen fand.

Ein zweiter Punkt: Herausforderungen, die mit der Zuwanderung verbunden sind, sollten mit Realismus und Nüchternheit angegangen werden. Die konkreten Anliegen und Sorgen der Bevölkerung - vor allem der sogenannten "kleinen Leute" - müssen Widerhall finden. Also: Wie steht es um Wohnungen und Jobs? Wie lassen sich Ghettos verhindern? Wie stellen wir eine gute Schulbildung für alle sicher? Die Menschen müssen den Eindruck gewinnen, dass die Politik ehrlich und unaufgeregt nach Lösungen sucht.

KNA: Und was macht die Kirche? Geht die Hilfsbereitschaft zurück? Verändern sich Schwerpunkte?

Heße: Ich bin dankbar für das weiterhin große Engagement in unseren Kirchengemeinden und Gruppen. Mehr als 60.000 Freiwillige haben sich im letzten Jahr in der katholischen Flüchtlingshilfe engagiert. Die finanziellen Aufwendungen der Bistümer und Hilfswerke sind 2017 in diesem Bereich sogar gestiegen. Von einer abnehmenden Hilfsbereitschaft in der Kirche kann also keine Rede sein. Wohl aber verändern sich die Schwerpunkte. Die Erstaufnahme von Flüchtlingen hat an Bedeutung verloren, vor allem geht es jetzt um Integration.

Deshalb wird auch die professionelle Migrationsberatung wichtiger, und die Zahl der Mitarbeitenden in den kirchlichen Einrichtungen ist erhöht worden. Dennoch: Das ehrenamtliche Engagement ist weiterhin ganz und gar unverzichtbar - vor allem weil hier die persönliche, menschlich anteilnehmende Begegnung von Einheimischen und Fremden im Vordergrund steht.

Das Interview führte Gottfried Bohl.

(KNA)

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