Luxemburgs Erzbischof Jean-Claude Hollerich
Luxemburgs Erzbischof Jean-Claude Hollerich
Schild in der Kathedrale in Luxemburg
Schild in der Kathedrale in Luxemburg
Echternacher Springprozession
Echternacher Springprozession

23.05.2018

Erzbischof Hollerich zum Luxemburger Staat-Kirche-Verhältnis "Nicht in die Ecke drängen lassen"

Die "Echternacher Springprozession" hat Tradition. Doch nun droht deswegen ein Streit zwischen Kirche und Staat in Luxemburg. Schulkindern soll zur Teilnahme nicht mehr frei gegeben werden. Aber es steckt wohl noch mehr dahinter.

DOMRADIO.DE: Einer Luxemburger Tageszeitung haben Sie gegenüber gesagt: "Dass die Schüler nicht mehr freibekommen, ist eine Sauerei und ein klarer Verstoß gegen das Menschenrecht auf Religionsfreiheit." Weshalb bringt Sie so etwas Harmloses wie die "Echternacher Springprozession" so in Rage?

Jean-Claude Hollerich (Erzbischof von Luxemburg und Vorsitzender der EU-Bischofskommission COMECE): Ich glaube, die Katholiken fühlen sich bei uns sehr benachteiligt. Als die Tour de France durch Luxemburg fuhr, wurde schulfrei gegeben. Auf der anderen Seite wird eine Prozession, die immer schulfrei war, gestrichen. Es wird jetzt gesagt, dass bei allen Schülern, die teilnehmen wollen, die Eltern einen Antrag stellen können und die Schüler dann frei bekommen werden. Das wäre schön, wenn das so stimmen würde.

Wir hatten schon dieselbe Regelung für unsere Muttergottes-Oktave, wo auch die Schüler der Pfarreien frei bekommen sollten. Aber dann gibt es plötzlich gerade an diesen Tagen Prüfungen. Das ist reine Augenwischerei, dass man sagt, man gebe frei. Aber das Ministerium tut nichts, um zu garantieren, dass die Lehrer wirklich denjenigen, die an der Prozession teilnehmen wollen, frei geben können.

Die Springprozession ist Unesco-Kulturerbe. Da hat sich der Staat auch dazu verpflichtet, das zu erhalten. Ich glaube, die Leute verstehen gar nicht, worum es dabei geht. Abgesehen von dem religiösen Teil, der für mich als Erzbischof natürlich der wichtigste ist, ist es auch ein Fest, wo sich Deutsche, Niederländer, Franzosen oder Luxemburger über die Grenzen hinaus treffen. Es ist ein Zeichen des Friedens, ein Zeichen des Gesprächs unter den Völkern. Es ist einfach schade, dass im politischen Bereich das nicht mehr wahrgenommen wird.

DOMRADIO.DE: Das Problem, das dahinter steckt, ist tatsächlich ein größeres. Es geht nicht bloß um die Springprozession, sondern es geht um das Verhältnis von Staat und Kirche, das in Luxemburg mehr und mehr in Frage gestellt wird. Was ist das für ein Konflikt?

Hollerich: Wir haben eine neue Regelung. Wir haben jetzt eine Trennung von Kirche und Staat. Alle Gesetze sind in diesem Bezug vom Parlament abgestimmt. Das heißt, die neu angestellten Priester werden in Zukunft nicht mehr vom Staat bezahlt werden, wie das sonst der Fall war. Und es gibt keinen Religionsunterricht mehr in den Schulen. Wir haben deshalb seit diesem Jahr Gemeindekatechesen in den Pfarreien eingeführt.

Die Kirchenfabriken aus Napoleons Zeiten wurden reformiert, wo man dann auch schaute, welche Kirche im Besitz der Kirche ist und welches Gebäude im Besitz der zivilen Gemeinde ist. All diese Änderungen tun den Leuten schon sehr weh. Ich kann sie aber noch nachvollziehen. Aber es gibt auch eine bewusste oder unbewusste Bewegung, dass man Religion in das rein Private abdrängen möchte. Und da kann ich natürlich nicht mit einverstanden sein.

DOMRADIO.DE: Wenn man noch einmal genauer auf den Schulunterricht schaut: Es sieht so aus, dass an den staatlichen Schulen nicht mehr das Fach Religion existiert, sondern ein Ersatzfach, das "Leben und Gesellschaft" heißt. In Deutschland ist der Religionsunterricht ja konfessionell und das hat auch einen relativ hohen Stellenwert. Was heißt das denn für Sie und das Erzbistum, dass katholische Kinder jetzt nicht mehr in den Schulen nach katholischen Ideen unterrichtet werden können?

Hollerich: Wir haben, wie gesagt, mit Katechesen in den Pfarreien angefangen. Das ist etwas Gutes. Die Kirche hat sich auch bei uns zu sehr an den Staat angelehnt. Etwas Distanz, die ist ja auch in Deutschland gibt, tut uns da recht gut. Über 30 Prozent der Kinder sind in der Katechese in den Pfarreien eingeschrieben. Das ist mehr als in anderen Ländern Europas. Das freut mich. Früher hatten wir in Luxemburg ein System, in dem es katholischen Religionsunterricht oder Moralunterricht gab. Man musste sich für eine der beiden Varianten entscheiden. Und in der Grundschule hatten sich 70 Prozent für den Religionsunterricht entschieden.

DOMRADIO.DE: Die Finanzen spielen auch eine Rolle. Die Finanzstruktur der fünf Kirchen in Luxemburg wurde jetzt auch neu geregelt und vor allem verlieren sie einen Großteil der staatlichen Zuschüsse, die von der Regierung kommen. Wie gehen Sie denn als Erzbistum damit um, dass auf einmal die Gelder fehlen?

Hollerich: Wir werden bescheidener werden. Aber Armut hat der Kirche noch nie wehgetan. Es war so, dass die Pfarrer, die Priester und die Pfarrassistentinnen- und Assistenten direkt vom Staat bezahlt wurden. Die waren den Beamten in Bezug auf das Gehalt gleichgestellt. Wir haben eine Regelung mit dem Staat gefunden, wo alle, die im alten System waren, auch noch bis zu ihrer Pensionierung weiterlaufen. All die Neuangestellten werden dann von der Kirche direkt bezahlt. Das ist dann etwas weniger.

DOMRADIO.DE: Die Kirche in Luxemburg hat sich vielleicht in den letzten Jahrzehnten ein bisschen zu sehr an den Staat angelehnt. Auf der anderen Seite finden Sie es nicht gut, wenn die Schüler nicht mehr freibekommen. Wenn man in die Zukunft der nächsten Jahre blickt: Was ist Ihrer Meinung nach der beste Umgang, das beste Verhältnis, das es zwischen Stadt und Kirche geben sollte?

Hollerich: Ich wünsche mir einen gegenseitigen Respekt, wo man die Kirche wie auch andere gesellschaftliche Gruppen zu ethischen Fragen und zu anderen Fragen konsultiert, die das ganze Land betreffen. Ich möchte, dass die Kirche nicht ausgeschlossen wird oder in den Bereich, wo der Glaube ganz in den Bereich des Privaten hinein gedrückt wird, abgeschoben wird.

Wir stehen in der Mitte der Gesellschaft und wollen unsere Verantwortung auch für die Gesellschaft tragen. Ich glaube, dass man in einer postmodernen Gesellschaft über alles eigentlich froh sein müsste, was gegen einen reinen Individualismus ist und wo die menschliche Person noch im Mittelpunkt steht.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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