Im deutschen Bundestag schaut der Bundesadler der Demokratie zu
Im deutschen Bundestag schaut der Bundesadler der Demokratie zu
Franz Müntefering
Franz Müntefering

31.01.2018

Müntefering zu den Aufgaben der Gesellschaft "Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit"

Er hat die Politik zu Beginn des 21. Jahrhunderts entscheidend mit geprägt: Franz Müntefering. Im Interview spricht der ehemalige SPD-Vorsitzende über christliche Werte und wie sich die Gesellschaft verändern muss.

DOMRADIO.DE: Sie, als Katholik, haben vor zehn Jahren gesagt, dass christliche Werte einen Orientierungspunkt im 21. Jahrhundert bilden. Heute diskutieren wir über Kreuze in Schulen, über AfD und christliches Abendland sowie über das Schicksal vieler Geflüchteter, die eine neue Heimat suchen. Welche Rolle spielt da eine christliche Werteordnung?

Franz Müntefering (Bundesminister a. D. und ehemaliger Vize-Kanzler und SPD-Vorsitzender): Es ist wichtig, dass Kinder und junge Menschen eine Orientierung in das Leben mit bekommen und natürlich auch, dass man hinterher eine Orientierung behält. Was uns im Land vereint ist das Grundgesetz und darin die Menschenrechte, die verbindlich für uns alle geschrieben sind. Und ich glaube, dass die christlichen Werte - Nächstenliebe, Glaube und Hoffnung - durchaus mit dem, was unser Grundgesetz von uns fordert, übereinstimmen. So wie andere Religionen auch.

DOMRADIO.DE: 2017 haben Sie den Nell-Breuning-Preis bekommen, der an die christliche Soziallehre angelehnt ist. Welche Rolle spielt der Glaube für Sie im Alltag?

Müntefering: Keine große. Über die Jahrzehnte ist eine Distanz gewachsen. Das mag an beiden Seiten gelegen haben. Aber was mich mein Leben lang begleitet, ist das, was ich von meinen Eltern, besonders von meiner Mutter, gelernt habe: Glaube, Liebe und Hoffnung. Aber am größten davon ist die Liebe. Das ist eine Sache, die im eigenen Leben nicht verloren geht.

DOMRADIO.DE: Im Moment wird viel über das Bild unserer Gesellschaft diskutiert. Stichwort: Fake News oder Filterblasen. Jeder schafft sich seine eigene Wahrheit. Was hat sich bei uns verändert in den vergangenen Jahren?

Müntefering: Wandel hat es immer gegeben, nur nicht in dieser Schnelligkeit, wie wir sie heute erleben. Das war früher auch nicht besser, es war schlichtweg anders. Wir müssen versuchen, uns auf das, was wir jetzt erleben, einzustellen. Da ist der Zusammenhalt und die Solidarität zwischen den Menschen etwas ganz Entscheidendes. Das darf uns auch nicht verloren gehen. Ich habe den Eindruck, dass wir Menschen früher langsamer gelebt haben. Wie soll ich sagen: Aus der Tradition heraus, durch das Jetzt in eine Zukunft hinein, aber eigentlich haben wir uns doch immer als Teil der Welt verstanden.

Jetzt ist der Mensch in einem Zustand, in dem wir versuchen die Erde zu gestalten und wenig auf die vorhandenen Traditionen zurückblicken - und auch wenig nach vorne blicken. Wir erschöpfen uns sehr in der Gegenwart, in dem Heute. Das muss nicht schlecht sein, aber das zwingt dazu, sich Gedanken darüber zu machen, wohin das führen kann, führen muss oder führen soll. Denn wir Menschen brauchen eine Orientierung auch in die Zukunft hinein und müssen vorsorgen. In der Politik nenne man das Nachhaltigkeit. Davon finde ich jetzt zu wenig im Denken und im Handeln der Gesellschaft insgesamt.

DOMRADIO.DE: Wie wird es weitergehen? Es gibt ja genug Stimmen, die einen Teufel an die Wand malen. Mit Trump, Putin und so weiter…

Müntefering: An den Teufel glaube ich nicht so. Es hängt an uns Menschen selbst. Wir leben in einer Demokratie, die so stabil ist, dass sie weiter funktionieren kann. Aber wir müssen uns weiter anstrengen. Das ist alles keine Selbstverständlichkeit. Die Demokratie gründet auf den Menschenrechten und auf der Unveräußerlichkeit der Menschenrechte. Das ist ein Fortschritt in der Geschichte der Menschheit, aber der ist keineswegs für immer und ewig sicher, wenn wir nicht aufpassen und darauf achten.
Demokratie bedeutet in diesem Zusammenhang, die Teilnahme und die Teilhabe an der Gesellschaft. Und zwar in der Vielfalt, so wie sie sich darstellt. In der Vielfalt, die wir dazu gewinnen und die hat etwas zu tun mit der Mobilität, mit der Reisefähigkeit der Menschen und der Bildungsfähigkeit, wo alles sehr viel besser, größer und schneller geworden ist. Mit dieser Entwicklung verbindet sich eben auch, dass sie vielfältiger werden und dass wir uns darauf einstellen müssen. Dass viele Dinge, die für uns selbstverständlich waren, sich verändern, sich variieren und dass wir Kompromisse mit anderen Menschen und anderen Kulturen finden müssen.

DOMRADIO.DE: In Ihrer Zeit als Arbeitsminister in der ersten Großen Koalition des 21. Jahrhunderts gab es viele drängende Fragen. Rente, Arbeitslosigkeit, Sozialversicherung. Hat sich denn in letzter Zeit alles in die richtige Richtung entwickelt?

Müntefering: Im Moment läuft die Wirtschaft bei uns gut. Das ist ganz klar und ich glaube auch, das, was wir damals gemacht haben, waren richtige Entscheidungen. Aber damit sind natürlich die Probleme in der Zukunft keineswegs gelöst. Ich denke, an die neuen Berufe im Bereich Medien oder Digitalisierung. Und an die Frage, die sich junge Menschen stellen: Wo sind denn eigentlich meine Lebenschancen? Das war vielleicht früher mit dem Handwerk und der klassischen Arbeit leichter zu verstehen. Trotzdem gibt es da noch viele Berufe und ich will ausdrücklich Mut machen.

Aber in der Tat: Wir müssen der jungen Generation eine Perspektive geben, in das Leben hineinzufinden. In der Bildung, in der Ausbildung und in der Qualifizierung. Wir müssen die duale Ausbildung wieder hochhalten und diejenigen, die zu schwach sind, um mithalten zu können, besonders unterstützen - damit keiner aussortiert wird. Alle müssen mitmachen können. Fördern und fordern. Das ist das Menschlichste, was wir gegenüber diesen Menschen tun können.

DOMRADIO.DE: Sie haben mal gesagt, dass der SPD-Vorsitz das zweitschönste Amt nach dem Papst wäre. Beide sind im Jahr 2018 wahrscheinlich keine einfachen Ämter. Welches von beiden würden Sie wählen?

Müntefering: Ich würde nicht noch einmal anfangen. Ich bin jetzt 78 Jahre alt. Das reicht. Der eine Papst hat ja schon Einsicht gezeigt und seinen Nachfolger selbst kommen sehen und ihn dabei unterstützt. Da kam wahrscheinlich damals, als ich das gesagt habe, mein katholisches Messdienersein noch mal zum Durchbruch. Natürlich hatte man als Kind einen großen Respekt vor Päpsten gehabt. Es war wirklich eine tolle Sache Parteivorsitzender zu werden, nach den beiden Vorgängern August Bebel (1892-1913) und Willy Brandt (1964-1987). Das war für mich natürlich ein wichtiges Stück Leben. Trotzdem waren damit auch viele Komplikationen verbunden. Aber das will ich jetzt hier nicht zum Thema machen.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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