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Pfarrer Gregor Giele
Pfarrer Gregor Giele

14.10.2017

Leipziger Pfarrer zum Umgang mit der AfD "Ich will verstehen, was ich nicht verstehen kann"

In Sachsen ist die AfD stärkste Kraft. Die Rechtspopulisten entwickeln sich zur gesellschaftlichen Stimme, die nicht ignoriert werden kann. Der katholische Dekan Gregor Giele plädiert für einen neuen Weg: Verständnis statt Verurteilung.

domradio.de: Die AfD hat bei der Bundestagswahl in Sachsen die meisten Stimmen gewonnen. Das heißt statistisch sitzen bei Ihnen sonntags auch AfD-Wähler in der Messe.

Pfarrer Gregor Giele (Propst der Trinitatiskirche und katholischer Dekan von Leipzig): Es gibt ein Wahlgeheimnis, deshalb weiß ich es nicht genau. Trotzdem hoffe ich, dass Gemeinde auch immer ein Abbild der Gesellschaft ist. Es werden vielleicht andere Prozentzahlen sein, aber es ist davon auszugehen, ja.

domradio.de: Wie gehen Sie damit um? Die AfD vertritt Positionen, die schwer mit der christlichen Lehre vereinbar sind, auf der anderen Seite sollte im Gottesdienst ja jeder Mensch willkommen sein.

Giele: Wir müssen als erstes zur Kenntnis nehmen, dass es praktizierende, tief gläubige Christen gibt, die sich in der AfD engagieren oder der Partei ihre Stimme geben. Für mich ist es eine Herausforderung das zu verstehen: Christen, die ihre Christlichkeit mit den Positionen der AfD zusammenbringen können. Das ist schwer verständlich, aber ich möchte hinhören, wie es diesen Menschen gelingt. Deswegen ist es unverzichtbar, dass wir mit den Menschen ins Gespräch kommen und hinhören. Hinhören heißt nicht die Position zu teilen. Mit einem vorgefertigten Urteil in ein Gespräch zu gehen, wird aber den Gesprächspartner immer verprellen. Ich will nachvollziehen können, was für mich nicht nachvollziehbar ist, was ich aber als Wirklichkeit in Leipzig einfach erlebe.

domradio.de: Wie gehen Sie als Gemeinde mit der AfD als politischer Institution um? Im Stadtrat zum Beispiel.

Giele: Im Stadtrat haben wir keinen Kontakt, aber wir haben aktive AfD-Mitglieder immer wieder im Gottesdienst. Wir versuchen mit einer Vortragsreihe, die im Januar wieder ansteht, ins Gespräch zu kommen mit den Vertretern der AfD. Überschrift dieser Vortragsabende ist „sprachlos“, weil wir festgestellt haben, dass Kirche mit bestimmten Akteuren in der Gesellschaft überhaupt nicht mehr im Gespräch ist. Dazu gehört für uns auch das Spektrum der AfD. Deswegen laden wir jemanden ein um zu reden.

domradio.de: Das heißt Sie sind als Leipziger Stadtgemeinschaft, zur der auch die Kirche zählt, an dem Punkt, wo sie sagen: Die Situation ist wie sie ist, wir müssen jetzt lernen aufeinander zu zu gehen?

Giele: Wir müssen das neu lernen. Als Kirchen waren wir auch bei den LEGIDA-Gegenprotesten (Leipzig gegen die Islamisierung des Abendlandes, Anm. d. Red). Damals gab es auch schon Gesprächsforen. In der aufgeheizten Situation haben die allerdings nicht wirklich getragen oder funktioniert. Ich glaube, das hat sich in letzter Zeit ein wenig beruhigt, was die Emotionen betrifft. Die AfD hat sich etabliert, das heißt wir müssen die Kommunikation suchen. Da ist es eine gute Voraussetzung unaufgeregt miteinander zu reden.

domradio.de: Was ist Ihr Ziel bei diesen Gesprächen?

Giele: Eine Demokratie lebt vom Diskurs, auch vom Streit. Natürlich werden wir unsere christliche Position selbstbewusst und vehement verteidigen. Trotzdem glaube ich die erste Aufgabe ist es hinzuhören um Verstehen zu lernen. Verstehen heißt nicht Akzeptieren, sondern Nachvollziehen können. Gerade vor der Wut der Menschen stehen wir ziemlich ratlos. Diese Wut hat sich auch im Wahlergebnis ausgedrückt. Diese Wut, die sich anscheinend über Jahre und Jahrzehnte angesammelt hat, haben wir als Kirche nicht wachsen sehen. Das müssen wir jetzt nachholen, und nicht direkt urteilend und verurteilend ins Gespräch einsteigen. Wir müssen erst mal Hausaufgaben nachholen.

domradio.de: War der bisherige Umgang der Kirchen mit der AfD ein Fehler?

Giele: Es steht mir nicht zu darüber zu urteilen. Was wir erlebt haben, ist dass die Menschen auf der Suche sind. Das Wahlergebnis in seiner Dimension, mit seiner Wucht, hat uns unvorbereitet getroffen. Da haben wir als Kirche einfach keine eingeübten Reaktionsmechanismen. Wir sind im Umgang einfach auf der Suche nach dem richtigen Weg. Ich weiß auch nicht ob mein Ansatz wirklich zukunftsweisend und tragfähig ist. Deshalb sollten wir nicht bewerten was richtig oder falsch ist, sondern uns ermutigen: Versucht den richtigen Weg im Umgang zu finden. Dazu gehört auch der Fehlermut, dass man danebenliegen kann.

Das Gespräch führten Renardo Schlegelmilch und Steffen Zimmermann.

(DR)

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