G20: Klammert andere Länder aus.
G20: Klammert andere Länder aus.
Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel
Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel

07.07.2017

G20: Miseror kritisiert fehlende Beteiligung der Ärmsten 20+1 Glockenschläge in Norddeutschland

Das Bischöfliche Hilfswerk MISEREOR setzt sich kritisch mit dem G20-Gipfel in Hamburg auseinander. Hauptsächlich fehlt eine Beteiligung der Ärmsten, kritisiert Msgr. Pirmin Spiegel im Interview mit domradio.de.

domradio.de: Die wichtigsten Regierungschefs sind in Hamburg zusammengekommen, um gemeinsam zu überlegen, wie man die großen Krisen lösen kann. Was gibt es daran zu kritisieren?

Msgr. Pirmin Spiegel (Hauptgeschäftsführer Misereor): Zu kritisieren ist, dass einmal diese 20 Staaten, die da zusammen sind, keine völkerrechtliche Legimitation haben. Und wir sind in Sorge, dass die Vereinten Nationen damit geschwächt werden könnten, die eigentlich die Ebene dieser Verhandlungen sein müssten. Zum anderen ist da die Frage der Repräsentanz: Ein Thema werden die Potentiale des Kontinents Afrika sein, allerdings nimmt da ja nur Südafrika teil. Und zwei Gäste gehören noch dazu, Guinea als Vertreter der afrikanischen Union und der Senegal als Vertreter einer Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas. Das heißt also, wenn die Hauptbetroffenen, um die es gehen soll, nicht mit am Tisch sitzen, wie können da möglichst gute positive Ergebnisse erzielt werden?

domradio.de: Sie haben sich mit anderen gesellschaftlichen Gruppen schon im Vorhinein zu einem Alternativgipfel getroffen. Was kann man denn machen außer sich zu beschweren?

Spiegel: Der Alternativgipfel versucht zivilgesellschaftliche Organisationen, die sehr nah an den Armen und Verletzlichsten sind, deren Anliegen einzubringen. Der Alternativgipfel versucht eine andere Perspektive einzubringen, nicht nur die einer weltweit organisierten Handelspolitik, sondern die Perspektive der Menschenrechte, die Perspektive des Klimaschutzes, die Perspektive der Menschwürde und die Perspektive des Respekts vor dem Anderssein. Der Gipfel versucht diese Positionen einzubringen und hofft natürlich, dass viele dieser Ideen, die auf Erfahrungswerten von sehr vielen Menschen ruhen, Raum in den Verhandlungen der G20 bekommen.

domradio.de: Angenommen, es werden am Ende handelspolitische Maßnahmen für Afrika beschlossen, nun sitzen am Tisch der G20 ja nicht nur die typischen Geberländer. Wir denken an die Türkei, an China... Haben solche Länder überhaupt ein Interesse daran, anderen Menschen in Afrika zu helfen?

Spiegel: Das ist eine wichtige Frage. Ich erinnere mich an das zehnte Nachhaltigkeitsziel der Vereinten Nationen, das vor zwei Jahren beschlossen wurde. Da heißt es: Reduzierung der Ungleichheiten in den Ländern und zwischen den Ländern. Wir wissen, dass wir nur einen Planeten haben und wir fragen uns: Wie kann da nicht "America first" (zuerst Amerika) sondern "planet first and the poor" (zuerst der Planet und die Armen) stehen, wie kann das umgesetzt werden? Wir hoffen, dass durch die Präsenz der Zivilgesellschaft, durch die Präsenz der Kirchen doch ein Schub möglich ist.

Lassen Sie mich eine Sache sagen, die uns bei Misereor sehr viel Freude bereitet: Es werden am Samstag 21 Glockenschläge (20+1) vieler Kirchen in Norddeutschland zu hören sein: 20 bedeutet für jede Nation aus der G20 jeweils ein Schlag und dann ein weiterer Glockenschlag für die 170 Nationen, die nicht präsent sind. Diese Initiative von Kirche finde ich sehr schön, weil sie sagt, wir können die Herausforderungen, die die Welt uns stellt, nicht nur mit den 20 Staaten lösen, sondern wir müssen auch die 170 anderen Staaten im Blick haben. So könnten weltweite Lösungen gefunden werden, damit möglichst alle an einem Leben in Würde teilhaben können.

domradio.de: Wenn Sie am Sonntagabend die Nachrichten ansehen und von der Abschlusserklärung berichtet wird: Was müsste da gesagt werden, dass Sie mit dem Gipfel zufrieden wären?

Spiegel: Ein erfolgreicher Gipfel würde es werden, wenn man sich trotz aller Unterschiedlichkeit dazu entschließen könnte, eine gemeinsame Gestaltung der Globalisierung hinzukriegen, an die zukünftigen Generationen, an die begrenzten Ressourcen des Planeten zu denken und vor allem aus der Perspektive der Verletzlichsten und der Armen zu denken. Wenn diese Punkte Eingang fänden, dann würde ich am Sonntagabend gerne einen Pfälzer oder einen rheinländischen Wein trinken.

Das Gespräch führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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