Donald Trump scheitert mit Einreise-Dekret
Donald Trump - 100 Tage im Amt

29.04.2017

US-Publizist Weigel zieht Bilanz nach 100 Tagen Trump "Ein sehr desorganisiertes Weißes Haus"

Im Wahlkampf rief der US-Theologe, Politologe und Publizist George Weigel dazu auf, Donald Trump aus prinzipiellen Gründen nicht zum Präsidenten der USA zu wählen. Knapp 100 Tage nach dessen Amtsantritt zieht der konservative katholische Intellektuelle im Interview Bilanz - und sein Urteil fällt etwas milder aus.

KNA: Seit drei Monaten ist Trump Präsident, aber in Europa versteht man immer noch nicht wirklich, warum er die Wahl gewonnen hat.

 

George Weigel (US-Theologe): Er hat gewonnen, weil Hillary Clinton verloren hat. Und das liegt daran, dass sie nicht nach Ohio, Pennsylvania und Wisconsin gereist ist, um dort im Endspurt Wahlkampf zu machen. Diese Staaten hat Trump dann knapp gewonnen. Die USA sind mehr als ein Land, sie sind ein Kontinent. Und da draußen sind eine Menge Leute, die sich von der Politik und den Medien ignoriert fühlten. Und bei denen hat er, trotz aller Vulgarität, den richtigen Ton getroffen.

Ich habe, wie viele andere auch, die Stimmung in weiten Teilen des Landes nicht mitbekommen. Ich war wirklich überrascht über den Grad der Verärgerung vieler Menschen. Neben der ganzen Sache mit den Verlierern der Globalisierung ist eine Erklärung für Trumps Erfolg auch die, dass er es gewagt hat, den Medien zu widersprechen und sie zu attackieren. Viel mehr Menschen, als wir dachten, hassen die Medien. Das ist etwas, was die Medien selbst lange nicht bemerkt haben.

KNA: Ist er damit Teil eines weltweiten populistischen Trends?

Weigel: Natürlich gibt es zwischen Orban, Kaczynski, Le Pen und Trump Unterschiede. Aber sie alle haben den Zorn in der Bevölkerung gespürt, und keiner von ihnen hat Lösungen. Nehmen wir die Mauer nach Mexiko: Die wird auch in vier Jahren noch nicht gebaut sein, da wette ich meine Pension drauf! Aber Trump wird es wohl schaffen, diese Grenze sicherer zu machen. Die Gesundheitsreform hat er im ersten Anlauf nicht hingekriegt, aber vielleicht schafft er das noch.

KNA: Also beurteilen Sie ihn nicht nur negativ?

Weigel: Ein paar Dinge hat er geschafft. Er hat Neil Gorsuch im Obersten Gericht durchgebracht. Das war eine Leistung. Er ist in Bezug auf Russland aufgewacht, das war wichtig. Und er hat sich mit erstaunlich kompetenten Leuten in seinem Kabinett umgeben. Nochmal: Ich habe nicht für ihn gestimmt. Aber jetzt, wo er Präsident ist, ist es meine Pflicht als Staatsbürger und politischer Kommentator, das zu benennen, wo er sich meiner Meinung nach irrt, und auch das, was er richtig macht.

KNA: Von den Bischöfen hört man, dass es kaum offizielle Kontakte zur Regierung gibt...

Weigel: Das stimmt, weil viele Regierungsstellen noch immer nicht besetzt sind. Es ist ein sehr desorganisiertes Weißes Haus, das wir in diesen Monaten erleben. Aber es gibt informelle Einflüsse. Darauf, dass Gorsuch nominiert wurde, hat ein Mann erheblichen Einfluss gehabt, und das ist Leonard Leo von der Federalist Society, ein exzellenter Jurist und ein sehr ernsthafter Katholik. Er hat die Liste der Namen zusammengestellt. Und auch Paul Ryan, der Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, ist ein Katholik. Dass die Bischöfe wenig Zugang zu Trump haben, mag stimmen, aber solche Prozesse müssen nicht immer klerikal ablaufen. Der Einfluss der Bischöfe wird ohnehin überschätzt, denken Sie daran, wie wenig Einfluss sie auf jene katholischen Demokraten haben, die für die Abtreibung eintreten.

KNA: Wie wichtig ist für Trump der Vatikan? Es gibt Spekulationen über eine Allianz zwischen Trumps Chefberater Stephen Bannon und dem Franziskus-Kritiker Kardinal Raymond Leo Burke...

Weigel: Das halte ich für völligen Unsinn. Burke hat nicht die geringste Spur von politischem Verständnis in seinem Denken. Und der letzte US-Präsident, der begriff, wie wichtig der Vatikan ist, war George W. Bush.

KNA: Eine Frage noch an den Vatikan-Kenner Weigel: Wie beurteilen Sie den bisherigen Verlauf des Franziskus-Pontifikats?

Weigel: Ich habe Bergoglios Wahl vorausgesagt, nachdem ich 2012 ein langes Gespräch mit ihm hatte und sehr von ihm beeindruckt war. Aber

80 Prozent der Kardinäle, die ihn wählten, dachten nicht, dass er ein Liberaler ist. Speziell durch sein Schreiben "Amoris laetitia" ist eine ungute Situation entstanden. Die Auslegungen gehen sehr weit auseinander. Was in Polen eine Todsünde ist, wird 50 Kilometer weiter westlich als eine mögliche Gnadenquelle betrachtet, das kann nicht sein! Auf diese Weise zerbricht die Einheit der Kirche, obwohl ich nicht glaube, dass es zu einem echten Schisma kommen wird. Mir scheint, dass die katholische Kirche immer "anglikanischer" wird, und das macht mir Sorgen. Denn bei den Anglikanern sehen wir, wohin es führt, wenn man sich in wesentlichen Fragen des Glaubens nicht mehr einigen kann.

Das Gespräch führte Ludwig Ring-Eifel.

(KNA)

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