Jerusalem: Wenn der Konflikt zum Alltag wird

"Ganz normal leben"

Zehntausende Pilger aus aller Welt sind für das christliche Osterfest und das jüdische Pessach-Fest in Jerusalem - einem Ort, geprägt vom Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Eine Studentin berichtet vom Alltag. 

Ultraorthodoxe im Strahl eines Wasserwerfers der Polizei  / © Oded Balilty/AP/dpa (dpa)
Ultraorthodoxe im Strahl eines Wasserwerfers der Polizei / © Oded Balilty/AP/dpa ( dpa )

Das Auswärtige Amt rät nach Dunkelheit nicht die Unterkunft zu verlassen, große Menschenmengen und öffentliche Verkehrsmittel zu meiden. Schwierig wird das, wenn man hier seinen Alltag verbringt, wie Annika Zöll. Die Theologiestudentin lebt seit acht Monaten in Jerusalem: "Wenn man hier lebt, dann nimmt man doch den Bus, wenn man irgendwo hin will, und läuft nicht drei Stunden zu Fuß, weil das Auswärtige Amt es so empfiehlt. Die ersten Monate bin ich mit mulmigem Gefühl in den Bus eingestiegen. Wenn man durch das Damaskus-Tor läuft, denkt man auch: Hier passiert das immer, was man in der Presse liest. Man will aber trotzdem ganz normal hier leben. Das funktioniert auch."

Das Damaskus-Tor, als Zugang zur Altstadt Jerusalems ist einer der Hotspots für gewalttätige Übergriffe. Meistens sind die israelischen Soldaten das Ziel. Erst vor kurzem hat hier eine ältere, palästinensische Frau einen jungen Soldaten mit einer Schere attackiert und wurde darauf erschossen. Ihr Sohn wurde fälschlicherweise kurz zuvor als Terrorist umgebracht. Seit diesem Vorfall sind die Soldaten hinter Absperr-Gittern aufgestellt, was solche Übergriffe schwerer machen soll.

Beide Seiten nachvollziehbar 

Studentin Annika hatte vor ihrem Besuch ein klares Bild von Israel und Jerusalem: "Dass es hier sehr unsicher sei, man sich nicht frei bewegen kann, auch nicht als Ausländer. Dass man nachts nicht auf die Straße soll, dass man gewisse Stadtteile gar nicht erst betreten soll. Diese Vorstellung begleitet einen vielleicht die ersten zwei Monate. Das stellt sich dann aber irgendwann sehr schnell ein, weil man im Alltag ankommt und merkt: Hier leben Menschen, und die leben mit der Situation genau so wie ich auch. Dann lernt man mit der Situation umzugehen."

Ein Argument, dass in der Diskussion immer schnell zur Sprache kommt: Als Tourist und Europäer sei man überhaupt nicht Teil des Konfliktes, also auch nicht Zielscheibe für etwaige Anschläge. Die Einheimischen - sowohl Iraelis als auch Palästinenser - sind auf die Einnahmen des Tourismus angewiesen. Auch die Studentin ist da außen vor: "Ich als Deutsche, und als Christin, stehe auf keiner der beiden Seiten. Das wird auch von beiden so wahrgenommen. Wenn man hier lebt, dann kommt man nach Ostjerusalem, in den palästinensischen Stadtteil, und nimmt dort ganz intensiv die palästinensische Sicht der ganzen Sache wahr. Dann sieht man die israelischen Siedlerhäuser und versteht nicht, wie Menschen so etwas tun können. Ist man dann aber auf dem Ölberg und sieht arabische Kinder Steine schmeißen, dann ist man wieder auf der anderen Seite des Konfliktes."

Religion von Politik trennen

Es falle leicht sich mit einer der zwei Seiten zu identifizieren, gerade wenn man viel Kontakt hat. Davor müsse man sich als Auswärtiger bewahren, erklärt die Studentin. Wichtig sei es auch, Religion von Politik zu trennen. Der Konflikt ist einer von Besatzern und Besetzen, von Israelis und Palästinensern, nicht von Juden und Muslimen. Das ist eine andere Ebene.

Noch ein ganz anderer Konflikt sind die tätlichen Übergriffe auf Christen. Diese gehen meist von jungen, orthodoxen Juden aus. Gerade die Bewohner der Dormitio-Abtei haben sich damit auseinanderzusetzen. Die Deutsche Benediktiner-Abtei liegt auf dem Berg Zion, mit dem Grabe Davids ein heiliger Ort für die Juden. Einige extreme Juden wollen hier keine christliche Präsenz. Schmierereien an der Abtei kommen vor, vergangenes Jahr gab es auch einen Brandanschlag auf die Krypta, der glimpflich ausgegangen ist. Und auch der Brand im Kloster Tabgha am See Genezareth ist so zu erklären.

Mönche bespuckt 

Die Studentin Annika Zöll lebt hier im Gästehaus der Mönche, und kennt deren Probleme: "Wenn ich mit den Brüdern unterwegs bin, ist es schon häufig vorgekommen, dass sie angespuckt wurden. Das ist schon etwas, dass man in Deutschland so nicht erlebt und sehr befremdlich ist. Gerade wenn man mit diesen Menschen zusammen lebt, und irgendwo auch befreundet ist, löst das unglaubliche Wut aus - zumindest in mir. Natürlich kann man in dem Moment nichts tun, natürlich spucke ich nicht zurück. Aber man steht da schon mit der Faust in der Tasche und denkt sich: das kann doch nicht sein."

Nach acht Monaten im Land hat sich Annika an diesen Zustand gewöhnt, und auch an den momentan eher im Hintergrund schwelenden politischen Konflikt. Die letzten größeren Kämpfe gab es im Gaza-Krieg im Sommer 2014. Vor Raketenangriffen ist die Stadt Jerusalem relativ gut geschützt, trotzdem haben viele Anwohner Pläne für den Alarmfall gemacht und sichere Räume im Haus ausgeguckt. Der militärische Konflikt ist im Moment ruhig, obwohl man auch im Alltag immer noch daran erinnert wird:"Erschreckend bleibt die große Militärpräsenz."

Einmal Rucksack ausräumen, bitte 

Gewöhnen muss man sich daran im Museum oder Einkaufszentrum seinen Rucksack auszuräumen. Auch an die Soldaten in der Straßenbahn muss man sich gewöhnen. Wenn man zufällig das Gewehr in den Rücken gedrückt bekommt, oder wenn man bewaffnete Soldaten mit kleinen Kindern umgehen sieht. In Deutschland kennt man das nicht. Da gewöhnt man sich aber auch, leider vielleicht, dran.“

 


Normalität in Jerusalem: viele Soldaten  / © Oded Balilty/AP/dpa (dpa)
Normalität in Jerusalem: viele Soldaten / © Oded Balilty/AP/dpa ( dpa )

In Jerusalem: Theologie-Studentin Annika Zöll / © Renardo Schlegelmilch  (DR)
In Jerusalem: Theologie-Studentin Annika Zöll / © Renardo Schlegelmilch ( DR )
Quelle:
DR