Ein unterernährter Junge in einer Klinik in al-Hudaida
Ein unterernährter Junge in einer Klinik in al-Hudaida

10.04.2017

Hilfsorganisation Care: Krieg im Jemen bekommt zu wenig Aufmerksamkeit Spenden und politischer Druck fehlen

Die Hilfsorganisation Care kümmert sich um Opfer des Bürgerkrieges im Jemen. Die Haupstadt Sanaa sei kaum noch wiederzuerkennen, erzählt Nothilfekoordinator Marten Mylius im domradio.de-Interview. Er hofft auf mehr Spenden für das Land.

domradio.de: Sie waren bis vor zwei Wochen im Jemen. Was sind Ihre Eindrücke von der Situation vor Ort?

Marten Mylius (Nothilfekoordinator bei der Hilfsorganisation Care): Ich habe auch vor dem Krieg im Jemen gearbeitet und gelebet. Und mich hat jetzt besonders bestürzt, wie stark sich die Lag eim Land verschlechtert hat. Es gibt in der Hauptstadt Sanaa keine Elektrizität. Die Menschen können ihre Kühlschränke nicht mehr anschließen, die Lebensmittel können deshalb nicht mehr vernünftig aufbewahrt werden. Es sind viele Einkommen weggefallen. Die wirtschaftfliche Lage im Land ist so schlecht, dass viele Menschen von Hilfslieferungen abhängig geworden sind. In den Straßen liegt der Müll rum, weil es fast keine Müllentsorgung mehr gibt. Das Wasser kommt nicht mehr durch die Leitung. Sanaa war einmal eine wunderschöne Stadt und heute kann man sie fast nicht mehr wiedererkennen.

domradio.de: Es wurde immer wieder auch von einer Seuchengefahr gesprochen. Ist das noch ein Thema?

Mylius: Es gab in den letzten zwei Jahren diverse Cholera-Ausbrüche. Das hat man ein bisschen unter Kontrolle gebracht. Am allerdringendsten ist jetzt, die Nahrungsmittelversorgung zu sichern. Sieben Millionen Menschen sind von einer Hungersnot bedroht. Die Menschen haben hier kein Einkommen, um sich Lebensmittel zu kaufen. Momentan gibt es auf den Märkten noch Früchte, Gemüse, Mehl, Öl - allerdings können sich die Menschen das nicht mehr leisten. Es wurden zum Beispiel Beamte nicht mehr bezahlt in den letzten sechs Monaten - das betrifft über eine Million Familien. Über eine Million Haushalte bekommen keine staatlichen Transferleistungen mehr. Da ist die Situation für die einzelnen Familien wirklich dramatisch.

domradio.de: Wie groß ist denn die Gefahr im Jemen auch für Menschen wie Sie, die als Helfer dorthin kommen?

Mylius: Die Friedensgespräche sind gescheitert und momentan sind die militärischen Ziele wieder im Vordergrund. Da gibt es Kämpfe in diversen Teilen des Landes. Große Sorge bereiten uns die Kämpfe im Süden der Region Hudaida. Da sind im letzten Monat fast 50.000 Menschen vertrieben worden. Da ist es dann wirklich auch so, dass man nur unter großen Problemen Hilfslieferungen dorthin bekommt. Die Sicherheitslage ist so, dass auch unsere Mitarbeiter Probleme haben, dorthin zu kommen. Das hat sich in den letzten zwei Jahren sehr verschärft. Die Sicherheitslage war ja im Jemen nie einfach, aber mittlerweile muss man von Fall zu Fall entscheiden, ob man helfen kann, ob man an die Orte fahren kann. Das sind wirklich ganz schwierige Abwägungen, die wir da machen müssen.

domradio.de: Was kann man von Deutschland aus tun?

Mylius: Zum einen ist uns sehr daran gelegen, dass der Konflikt wesentlich mehr ins Bewusstsein der Menschen rückt. Es ist ja wirklich schrecklich, wie viele Millionen Menschen davon betroffen sind und wie wenig das in den Medien vorkommt. Das heißt natürlich auch für uns, dass die Spenden wesentlich geringer sind als zum Beispiel für Syrien. Die staatlichen Mittel, die bereitgestellt werden, sind wesentlich geringer. Und da hängt eben ein ganzer Rattenschwanz dran. Für uns geht es um Spenden, aber auch um politischen Druck auf die Kriegsparteien. Es ist natürlich ganz wichtig, dass dieser Konflikt nicht militärisch gelöst werden kann und die Parteien wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren.

Das Interview führte Christoph Paul Hartmann.

(dr)

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