Podemos-Gründer Pablo Iglesias im spanischen Parlament
Podemos-Gründer Pablo Iglesias im spanischen Parlament

24.03.2017

Spanien diskutiert über Fernsehgottesdienste Hohe Quoten aus Protest

​Die linke Partei Podemos will die katholischen Gottesdienste im spanischen Staatsfernsehen abschaffen. Sie sorgt damit in ganz Spanien für Diskussionen und Proteste - und auch für hohe Einschaltquoten für die kirchliche Sendung.

"Der Papst in Rom denkt schon an die Seligsprechung von Pablo Iglesias", sagte jüngst ein Gast mit ironischem Unterton in der Talkshow "Die sechste Nacht" im privaten spanischen Fernsehsender La Sexta. Denn ohne den Chef der linken Protestpartei hätten es die Fernsehgottesdienste auf dem zweiten Kanal von Televisión Española (TVE) nie auf Einschaltquoten von 19 Prozent gebracht. Niemand widersprach.

Die Programme von TVE werden vom Staat bezahlt. Podemos hat im Parlament beantragt, TVE solle die Fernsehgottesdienste einstellen. Seither diskutiert ganz Spanien über die katholischen Messen im Staatsfernsehen - und treibt die Einschaltquoten in die Höhe.

Verweis auf kircheneigenen Sender

Mit abfälligen Bemerkungen von Bischöfen im Fernsehen über gleichgeschlechtliche Ehen, Transsexuelle und Kondome begründete Pablo Iglesias den Antrag. Andere Podemos-Abgeordnete twitterten aus einer Predigt des Bischofs von Alcalá de Henares, Juan Antonio Roig, von 2012, der darin Homosexuellen mit der Hölle droht.

Die Initiative von Podemos ist eine Resolution, kein Verbotsantrag. Die Partei verweist darauf, dass die katholische Kirche bereits über den eigenen landesweiten Sender 13TV und den Radiosender Cadena Cope verfüge. "Sie können ihre Botschaften ja dort verbreiten", sagt Podemos-Chef Iglesias.

Hohe Einschaltquoten aus Protest

Dennoch hat die Partei einen Sturm der Entrüstung in den sozialen Netzwerken losgetreten: "Schaltet alle den Fernsehgottesdienst ein. Jetzt!", hieß es auf Twitter. Bislang nahmen die Spanier kaum Notiz von den Kirchensendungen. Doch zuletzt schalteten eine Million Menschen den Gottesdienst auf La 2 von TVE ein, dreimal mehr als üblich.

Auch Iglesias hätte einschalten sollen, er wisse offenbar nicht, was in einem Gottesdienst geschehe, meinte der Vorsitzende der spanischen Bischofskonferenz, Ricardo Blázquez. Die Gottesdienste seien wichtig für ältere Gläubige. In einer Blitzumfrage des Privatsenders La Sexta sprachen sich 60 Prozent für die Gottesdienste aus - und das, obwohl sich nur noch 23 Prozent der Spanier zu praktizierenden Katholiken erklären. Das sind ebenso viele wie selbsterklärte Atheisten.

Nur katholische Messen betroffen

Die Initiative von Podemos richtet sich ausdrücklich nur gegen die katholischen Messen, nicht gegen alle Religionssendungen. Auch Protestanten, Muslime und Juden haben bei TVE und Radio Nacional Sendezeit, in der sie keine religiösen Feiern übertragen, die sie aber weitgehend selbstständig gestalten können.

Juan José Tamayo, einer der bekanntesten spanischen Theologen und Kirchenkritiker, begrüßt den Antrag. Die TV-Übertragungen machten aus den Gottesdiensten einen Zirkus. "Die Intimität der religiösen Feier in Gemeinschaft, das Heilige, das Mysterium und die Transzendenz gehen völlig verloren", argumentiert er.

Aber die Debatte geht ihm nicht weit genug. Keine Religionsgemeinschaft sollte über Sendezeit frei verfügen, meint Tamayo: "Wenn die Religionen die religiöse Berichterstattung kontrollieren, konfessionalisieren sie das Medium, sie missionieren." Aufgabe eines öffentlichen Senders sei nicht, den Glauben zu verbreiten, sondern die sozialen, politischen und kulturellen Funktionen der Religionen zu analysieren.

"Unzulässige Einmischung des Parlaments"

Tatsächlich fehlt im kulturell immer noch katholisch geprägten Spanien weitgehend ein journalistischer Umgang mit religiösen Themen. Einer der wenigen Journalisten mit professioneller Distanz dazu ist Juan Bedoya von der Zeitung "El País". Er begrüßt zwar die Forderung, den Umgang mit Religionen zu professionalisieren. Vom Vorstoß von Podemos hält er trotzdem nichts: Es sei eine unzulässige Einmischung des Parlaments. Man könne keine Reform des Staatsfunks zu einem unabhängigen öffentlich-rechtlichen Sender fordern und ihm auf der anderen Seite vorschreiben, was er zu senden habe, sagte er.

"Irgendwann nimmt TVE die Messen sicher aus dem Programm", meint Bedoya. "Radio Nacional hat schon 1981 die täglichen Gebete zum Angelus um 12 Uhr von ganz alleine gestrichen. Auch da sind die Bischöfe auf die Barrikaden gegangen."

Hans-Günter Kellner
(epd)

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