Die damaligen Bürgerrechts-Aktivisten Jiri Krizan (l-r), Petr Pithart und Vaclav Havel diskutieren am 1989 in Prag, Tschechien.
Die damaligen Bürgerrechts-Aktivisten Jiri Krizan (l-r), Petr Pithart und Vaclav Havel diskutieren am 1989 in Prag, Tschechien.

06.01.2017

Vor 40 Jahren wurde in Prag die "Charta 77" veröffentlicht Im Beton-Sozialismus eine "Schule der Demokratie"

Eine "Handvoll Abtrünniger", "Ausgeflippter" und "Exhibitionisten", so schimpfte die Parteizeitung, verrate "alles, was unserem Volk heilig ist". Zu den Verrätern gehörten: der künftige Staatspräsident und ein Bischof.

Am 6. Januar 1977 wurden ein gewisser Schriftsteller Vaclav Havel und zwei seiner Mitstreiter auf der Fahrt zum Prager Parlament von der Polizei verfolgt und inhaftiert. Im Gepäck hatten sie ein Dokument, das Geschichte schreiben sollte: die sogenannte Charta 77. Eine bündige Erklärung, unterzeichnet von 242 Intellektuellen, Künstlern, einstigen Reformpolitikern und Christen, forderte die kommunistischen Machthaber der Tschechoslowakei auf, die Menschenrechte zu achten, wie sie es in der Schlussakte der "Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (KSZE) von Helsinki 1975 zugesagt hatten.

Die Polizeiaktion misslang: Das Dokument war längst auch führenden westlichen Medien zugespielt worden. Es wurde schon am folgenden Tag veröffentlicht und erlangte durch die Verhaftung der Protagonisten zusätzliche Medienwirksamkeit. Eine ins Groteske übersteigerte staatliche Hetzkampagne gegen die Unterzeichner sorgte für weitere Presse im Westen. Eine "Handvoll Abtrünniger", "Schiffbrüchiger", "Ausgeflippter" und "Exhibitionisten", so hieß es im Parteiorgan "Rude pravo", bespucke in einem vom Ausland gesteuerten Verrat "alles, was unserem Volk heilig ist".

Angst vor einem Nachahmungseffekt

Die Sprache derer, die nur neun Jahre zuvor den "Sozialismus mit menschlichen Antlitz" niedergewalzt hatten, spiegelt die Angst vor einem Nachahmungseffekt Zehntausender tschechoslowakischer Bürger wider. Denn die Berufung der Chartisten auf die Schlussakte von Helsinki überführte das in viele Richtungen interpretierbare KSZE-Dokument, das die Führer des Warschauer Pakts schon als Papiertiger abgelegt hatten, mit einem Schlag in politische Realität.

Teile der tschechoslowakischen Intelligenz, die zuvor durch Zensur, Berufsverbot und Verhaftung systematisch gedemütigt und mundtot gemacht worden waren, standen mit diesem Manifest als "Gemeinschaft der Erschütterten" auf. Zugleich distanzierten sich viele etablierte Intellektuelle und Künstler von der Charta - etwa der Sänger Karel Gott, der "die noch schönere Melodie" des Sozialismus sang.

Auf friedlichem Weg ins Wanken gebracht

Die "Charta 77" war nach eigener Definition eigentlich eine "Un-Organisation": eine heterogene, "unpolitische" Bewegung von Individuen, die auf der moralischen Auflehnung und Opposition jedes einzelnen beruhe. Dennoch wirkte sie unerhört politisch und trug maßgeblich dazu bei, den zementierten Kader-Kommunismus auf friedlichem Weg ins Wanken zu bringen.

572 Dokumente zu verschiedensten Themen brachte die Charta, deren Sprecher wegen wiederholter Verhaftungen immer wieder wechselten, bis 1989 heraus: zu Menschenrechten, Minderheiten, zu Umwelt, Kultur oder Geschichte. Der Prager Weihbischof und einstige Sprecher Vaclav Maly (66) nennt die Charta eine "Schule der Demokratie", in der Menschen mit sehr verschiedenen Ansichten es dennoch schafften, sich zu einigen.

Personifiziertes schlechtes Gewissen

In einer eingeschüchterten Gesellschaft blieb die Bewegung dennoch weitgehend isoliert: Nur 1.883 Menschen traten ihr bis zur "Samtenen Revolution" 1989 bei. Im Mai 1992 löste sie sich auf - ein nicht ganz ungetrübter Triumph. Denn hinter der Erfüllung ihrer historischen Mission, die der zum Staatspräsidenten aufgestiegene Mitbegründer Havel beschwor, waren auch deutliche Risse erkennbar. Der Aufstieg der "unpolitischen Politiker" ins Parlament und sogar in hohe Staatsämter hat viele Bürgerrechtler untereinander entzweit. Zugleich wirkten sie vielen Tschechen nun als personifiziertes schlechtes Gewissen für das eigene Versagen.

Für Zwist unter den Chartisten sorgte auch die Frage, ob eine juristische Abrechnung mit den Kommunisten dem Geist der Charta widersprechen - oder vielmehr gerade entsprechen - würde. Und ein weiterer Punkt, an dem viele der "samtenen Revolutionäre" bis heute zu knacken haben: Ist es rechtens, Gewalt anzuwenden, um die Menschenrechte quasi zu erzwingen? Denn als sie 1977 und 1989 antraten, für ihr Land die Menschenrechte zu erlangen, war keineswegs absehbar, dass sie sich einst als politische Entscheider im 21. Jahrhundert dieser weltweit brennenden Frage stellen müssten.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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