Französiche Flagge vor dem Eiffelturm
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Marine Le Pen, Präsidentin des Front National in Frankreich
Marine Le Pen, Präsidentin des Front National in Frankreich
Kardinal Philippe Barbarin
Kardinal Philippe Barbarin

02.01.2017

Warum der Front National jetzt auf Frankreichs Bischöfe losgeht "Sollen sich um volle Kirchen kümmern"

Scharfe Töne schlagen Front-National-Politiker dieser Tage gegenüber der französischen Kirche an - und auch der Papst bekommt schneidigen Gegenwind zu spüren. Gründe dafür sind auch in der eigenen Partei zu suchen.

"Sie sollen sich darum kümmern, ihre Kirchen zu füllen. Damit haben sie genug zu tun. Die öffentlichen Angelegenheiten sollten sie den politischen Parteien überlassen." So schnappte der Front-National-Vize Louis Aliot am Tag vor Weihnachten in Richtung der französischen Bischöfe. Deren große Mehrheit lästere "systematisch" über den Front National (FN) und sein Spitzenpersonal, klagte der Europaabgeordnete.

"Mehr um Soziallehre kümmern"

Aliots Attacke war die Fanfare für weitere Wortmeldungen prominenter Parteivertreter. Der EU-Parlamentarier Nicolas Bay verwahrte sich gegen "moralische Lektionen" der Geistlichkeit. Deren "Gutmenschentum" in Migrationsfragen sei allzu zeitgeistig und konformistisch. Besser wäre es, so Bay, wenn die katholische Kirche auf ihre traditionelle Soziallehre verweise, die sich "meilenweit vom heutigen Ultraliberalismus" unterscheide.

Und der FN-Abgeordnete Gilbert Collard aus dem provencalischen Departement Gard warf den "politischen Bischöfen" vor, sich von der Realität verabschiedet zu haben. "Um andere hier empfangen zu können, weisen sie uns [Franzosen, Anm. d. Red.] zurück!"

Unmittelbare Anlässe für solch konzertierte verbale Konfrontation gab es zuletzt gleich drei. Zunächst veröffentlichte die Französische Bischofskonferenz ein 60 Seiten langes Positionspapier zur gesellschaftlichen Lage. Darin forderten sie die Franzosen auf, in einer sich verändernden Welt "ihren Sinn für das Politische" wiederzuentdecken.

Scharfe Worte gegen den Papst

Dann lobte Papst Franziskus Mitte Dezember eine Initiative der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo zur Aufnahme von Flüchtlingen. Eine nicht willkommene Intervention - lancierte der FN doch gleichzeitig seine Kampagne "Meine Gemeinde ohne Migranten". Bruno Gollnisch vom rechten Parteiflügel ätzte, der Papst solle ihm erklären, ob es eine moralische Pflicht zur Öffnung der Grenzen gebe.

"Früher hießen die politischen Flüchtlinge, die echten, Frederic Chopin. Heute ist es halb Afrika auf der Suche nach einem besseren Leben." Und Robert Menard, einst Gründer der Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen und heute Bürgermeister von Beziers in der Region Okzitanien, spottete, er frage sich, ob der Papst nicht am Ende noch nach Mekka pilgern werde.

Bischofskonferenz bleibt stumm

Zuletzt rief Primas Philippe Barbarin seine Landsleute in einem Zeitungsinterview zu einer verantwortlichen Wahlentscheidung 2017 auf. Es reiche nicht, empört zu sein und Politiker für verkommen zu halten, so der Lyoner Kardinal. Es gebe ein Recht zu protestieren, aber es gelte auch, konstruktiv zum Aufbau des Landes beizutragen. Eine kaum verhohlene Ermutigung an die Wähler, der Versuchung des Populismus zu widerstehen.

Die Bischofskonferenz verzichtete bislang auf eine offizielle Replik auf die jüngsten Anwürfe des Front National. Jeder Politiker sei selbst für seine Äußerungen verantwortlich, hieß es lakonisch.

Die verbale Aktivität in Richtung Kirche scheint auch mit er Nominierung von Francois Fillon als Präsidentschaftskandidat neben der FN-Vorsitzenden Marine Le Pen zusammenzuhängen. Der Kandidat der Republikaner tritt wertkonservativ auf und scheint damit einerseits ein geborener Kandidat für religiös orientierte Wähler. Zudem zeigt der Kandidat klare Kante gegen einen "islamischen Totalitarismus".

Fillon eine Gefahr von Le Pen?

Eine echte Gefahr für Le Pen. Denn klar ist: Wer die 48-Jährige verhindern will, wird am ehesten republikanisch wählen. Allerdings: In seinem Wirtschaftsprogramm ist der elitäre Thatcherist Fillon sehr liberal. Le Pen nennt Fillon daher einen "Kandidaten der Rotarier und Golf-Clubs". Zu Weihnachten verwies sie dann überraschend auf die "christliche Tradition" des Landes. Ansonsten beschwört die Spitzenkandidatin das "gute alte Frankreich" und seine Souveränität, schimpft auf Einwanderer und die EU und hält sich aus religiösen und Wertethemen weitgehend heraus.

Dafür hat sie ihre Nichte Marion Marechal-Le Pen. Die 27-Jährige bedient einerseits die religiöse Flanke. Gut verheiratet, hübsche Mutter und praktizierende Christin, dient sie dem FN als katholische Stimmenfängerin. Zugleich versöhnt sie als Lieblingsenkelin die knallharten Anhänger des von ihrer Tante Marine geschassten Parteigründers Jean-Marie Le Pen (88).

Knirschen im religiösen Partei-Segment

Doch genau mit diesem eher religiösen Partei-Segment knirscht es derzeit ordentlich - und das dürfte ein parteiinterner Grund für die Verbalattacken auf Kirchenvertreter nach außen sein. Vorausgegangen war eine politische Kontroverse um gesetzliche Kostenrückerstattungen für künstliche Befruchtung.

Marion Marechal vertrat darin nachdrücklich eine Position, die auch Kirchenvertreter unterstützten. Dafür erhielt sie eine Ohrfeige von Marines Rechter Hand Florian Philippot. Der sagte in einem Interview: "Diese Person ist allein. Diese Person ist isoliert. Was zählt, ist die Position der Präsidentschaftskandidatin." Und die beschied knapp, das Thema gehöre nicht zu ihrem Wahlprogramm.

Mehrere Vertreter des katholischen FN-Lagers sprangen Marion bei, und die Gescholtene trat Mitte Dezember den Gegenangriff an. "Ich bin weder in der Minderheit, noch bin ich isoliert", sagte sie in einem Interview. Und von Philippot erwarte sie "ein Mindestmaß an Respekt".

Und auch von ihrer Tante Marine ließ sich Marion diesmal nicht abkanzeln. Angriffslustig erinnerte sie daran, dass diese als Spitzenkandidatin 2012 sehr wohl mit dem Thema geworben habe, "und zwar mit Eifer und Geschick". Nun vertrete sie offenbar eine Linie in Richtung "Komfort-Abtreibungen", und das ohne innerparteiliche Debatte. Es rumpelt an der nationalen Front, und der werteorientierte Flügel scheint in der Defensive.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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