USA diskutieren über "Anti-Scharia-Märsche"
Mann mit USA-Flagge
Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ
Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ

08.12.2016

Jesuitenpater Brüntrup einen Monat nach US-Wahl Medaille mit zwei Seiten

Seit einem Monat ist Donald Trump designierter neuer US-Präsident - in einem zunehmend gespaltenen Land. Dieser Zwiespalt trifft auch auf die Katholiken zu, wie Jesuitenpater und USA-Kenner Prof. Godehard Brüntrup im Interview konstatiert.

domradio.de: Am Morgen nach der US-Wahl hatte man das Gefühl, Amerika steckt ein wenig in der Schockstarre. Ist diese jetzt, einen Monat später, überwunden?

Prof. Godehard Brüntrup (Philosoph, Jesuitenpater und USA-Kenner): Es ist ja nur ungefähr die Hälfte, die in Schockstarre verfallen ist. Die andere Hälfte hat ihn ja gewählt. Ich glaube, dass die Schockstarre nicht ganz überwunden ist. Die Hälfte, die ihn nicht gewählt hat, ist aber vielleicht weniger im Schock als eher in einer ängstlichen Erwartung dessen, was nun passieren wird.

domradio.de: Noch in der Wahlnacht hat Trump gesagt, Amerika müsse die Spaltung überwinden. Er hat gesagt, er wolle Präsident aller Amerikaner werden. Hat er das schon ein bisschen geschafft? Sehen Sie auch Positives?

Brüntrup: In der neuen Ausgabe des "Time Magazin" heißt es: "Donald Trump, President of the divided states of america", also Präsident der gespaltenen Staaten von Amerika. Und das ist sicher wahr. Amerika ist tief gespalten. Allerdings sind Trumps Beliebtheitswerte inzwischen fast dramatisch gestiegen. Das liegt wohl einmal daran, dass viele sagen, Amerikaner denken positiv und geben ihm erst einmal eine Chance. Zum anderen liegt es daran, dass er im Vergleich zum Wahlkampf in den vergangenen vier Wochen sehr gemäßigt und versöhnlich aufgetreten ist.

domradio.de: Der Blick auf ganz andere Zahlen ist allerdings erschreckend, wenn man sich die Summe der Übergriffe und Gewalttaten anguckt. In New York zum Beispiel hat sich die Zahl von Angriffen auf Minderheiten in diesem einen Monat verdoppelt. Was sagt das über die Gesellschaft in den USA aus?

Brüntrup: Mit solchen Zahlen muss man vorsichtig sein. Es gibt Übergriffe auf Minderheiten, es gibt aber auch deutlich mehr Übergriffe von Minderheiten auf die weiße Mehrheit. Es wurden auch Menschen auf der Straße zusammengeschlagen, weil sie Trump gewählt haben. Es wurden auch Menschen Treppen hinuntergestoßen, weil sie wie Muslime aussahen. Insgesamt - und das geht schon seit zwei Jahren so, also vor der Trump-Zeit - ist eine Art neuer Rassenkonflikt entstanden.

domradio.de: Öffnen wir unseren Blick hin zur internationalen Politik. Am vergangenen Wochenende hat Trump beispielsweise mit der Präsidentin Taiwans telefoniert, was bisher kein US-Präsident vorher getan hat, um die Beziehung mit China zu schonen. Was wird Trump vor diesem Hintergrund für die Außenpolitik bedeuten?

Brüntrup: Das ist ein ganz klares Signal an China. Er wird sich wenig an diplomatische Gepflogenheiten halten, und er wird sehr deutliche Signale an Länder aussenden, von denen er meint, dass sie sich im Verhältnis zu den USA zu viele Vorteile herausnehmen. Das sind besonders NATO-Mitglieder, die gerne unter dem Sicherheits-Schutzschirm der USA sind, aber wenig dafür bezahlen. Oder es ist auch China, das sehr viel Geld mit den USA verdient, aber umgekehrt den Handel mit den USA erschwert und amerikanische Jobs nach China zieht. Amerika first - also Amerika zuerst - werden wir in der Außenpolitik zu spüren bekommen.

domradio.de: Die Katholiken in den USA haben sich überwiegend für Trump ausgesprochen. Was haben die jetzt von ihrem neuen Präsidenten zu erwarten?

Brüntrup: Das ist insgesamt überraschend gekommen, denn kurz vor der Wahl waren sie in den Umfragen noch mehrheitlich für Hilary Clinton. Da haben wohl viele in den Wahlkabinen andere Dinge gemacht als sie vorher in den Umfragen gesagt haben. Auch diese Medaille hat wiederum zwei Seiten. Einerseits werden sich katholische Krankenhäuser freuen, dass sie nicht mehr unter dem Druck stehen, Abtreibungen durchführen zu müssen, um öffentliche Gelder zu bekommen. Das war vorher ein langer Konflikt mit Obama. Andererseits leben nun viele Katholiken wie die Hispanics, die illegal aus Süd- und Mittelamerika eingewandert sind, mit der großen Furcht, dass Trump viele von ihnen wieder des Landes verweisen will. Das wird gerade die katholische Kirche zu spüren bekommen. Es gibt also auch hier ein gemischtes Bild: Positives mit Trump, aber auch Negatives.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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