Kirchenkritiker Eugen Drewermann
Kirchenkritiker Eugen Drewermann

05.10.2016

Vor 25 Jahren: Eugen Drewermann wird Lehrerlaubnis entzogen Westfälischer Kirchenrebell

"Ich bin allzu lange in dieser Kirche geblieben", lautete seine bittere Bilanz. 2005 hat Eugen Drewermann die katholische Kirche verlassen. Der Konflikt eskalierte, als ihm vor 25 Jahren die Lehrerlaubnis entzogen wurde.

Aus den Medien erfuhr Eugen Drewermann davon, dass ihm die Lehrbefugnis als katholischer Theologe entzogen werden sollte. Die Pressekonferenz, die Paderborns Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt (1926-2002) für den 8. Oktober 1991 angesetzt hatte, um kirchliche Maßnahmen gegen den Theologen, Psychotherapeuten und Bestsellerautor anzukündigen, weckte international große Aufmerksamkeit.

Vorwurf: Leugung der katholischen Lehre

Vor Journalisten begründete Degenhardt den Entzug der Lehrerlaubnis vor genau 25 Jahren damit, dass Drewermann wesentliche Aussagen der katholischen Lehre leugne. Drewermann selbst sah sich schon durch das Verfahren in seiner Kirchenkritik bestätigt: "Ich denke, es ist jedem klar, dass man, bevor man verurteilt, mit einem Angeklagten redet", erklärte er: "Genau das ist eben nicht passiert."

Drewermann, der sich in vielen seiner Werke um die Vermittlung zwischen Psychotherapie und christlichem Glauben bemüht, warf der Kirche vor, sie sei in dogmatischen Formeln erstarrt, verdecke die heilende Botschaft des Evangeliums und schreibe den Gläubigen eine lebensfremde Moral vor.

Kein Abwenden vom Glauben

Der Konflikt eskalierte weiter: Weihnachten 1991 bezweifelte Drewermann im "Spiegel" öffentlich, dass Jesus die Sakramente in der von der Kirche verkündeten Form eingesetzt habe. Er kritisierte das Verständnis des Kreuzestodes Christi und bezeichnete Jungfrauengeburt, Weihnachtsgeschichte und Himmelfahrt als Mythen.

Es folgte ein Predigtverbot; im März 1992 verzichtete der Theologe - im Vorgriff auf weitere kirchliche Maßnahmen - auf die Ausübung des Priesteramts. An seinem 65. Geburtstag, am 20. Juni 2005, trat er aus der Kirche aus - ein Schritt, den er als "Geschenk der Freiheit an mich selber" bezeichnete. Zugleich betonte er, das bedeute keinesfalls ein Abwenden vom Glauben.

Redefreiheit für den Kirchenrebell

Geboren in Bergkamen bei Dortmund, studierte Drewermann Philosophie und Theologie, später Psychoanalyse. Ab 1972 war er erst als Pfarrer der Paderborner Studentengemeinde und danach in der Sankt-Georgs-Kirche tätig. Seit 1979 hielt er Vorlesungen in Religionsgeschichte und Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät Paderborn.

Redefreiheit hat der als "Kirchenrebell" bezeichnete Westfale mit der monotonen Stimme und der Vorliebe für gestrickte Westen und Rollkragenpullover immer wieder für sich beansprucht. Für die einen wurde der aus einer Bergmannsfamilie stammende Drewermann zum Guru, für andere zum Ärgernis.

Zu den mehr als 80 Veröffentlichungen gehören ein mehrbändiges Werk über "Glauben in Freiheit", ein Roman über den als Ketzer verbrannten Giordano Bruno, dicke Wälzer über das Markus-, Johannes- und Lukas-Evangelium sowie populäre Märchen-Interpretationen. Andere Werke bewegen sich im Grenzgebiet von Naturwissenschaft und Theologie. 

Perspektivwechsel im Christentum

Öffentliche Wirksamkeit behielt er auch nach seinem schrittweisen Abschied aus der Kirche: "Der schreibt und redet, bis er tot umfällt", sagt einer, der ihn seit Jahren beobachtet. 2014 hat Drewermann das Buch "Wendepunkte, oder: Was eigentlich besagt das Christentum?" veröffentlicht - eine Summe seines Denkens und ein Plädoyer für einen Perspektivwechsel von einem institutionell-äußerlichen zu einem existenziell-innerlichen Christentum. 2015 erschienen ein Buch über den im 15. Jahrhundert verbrannten Kirchenrebell Jan Hus und ein Werk über "Grenzgänger, Rebellen, Frevler und Heroen in antiken Mythen".

Auch wenn es um die Ukraine, die Bundeswehr und die Friedensbewegung geht, findet der Paderborner nach wie vor sein mit ihm älter werdendes Publikum. Drewermann wendet sich gegen eine Militarisierung der Politik, setzt sich für Tierschutz ein und prangert die Umweltzerstörung an. Kritiker halten ihm vor, er psychologisiere die Politik und greife mittlerweile auf konservativ-reaktionäre Denktraditionen zurück. Für Befremden sorgte etwa, dass er im Dezember 2014 zusammen mit Altkommunisten, linken Abgeordneten, Gewerkschaftern sowie verschiedensten Verschwörungstheoretikern und "Reichsbürgern" gegen die Nato und deutsche Politiker demonstrierte - während Putin und die Annexion der Ukraine ungenannt blieben.

Christoph Arens

 

(KNA)

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