Christian Hermes
Christian Hermes

Christian Hermes ist seit 2011 Stadtdekan des Katholischen Stadtdekanats Stuttgart. Die rechtskonservative AfD hatte am Sonntag auf einem Bundesparteitag in Stuttgart erstmals ein Grundsatzprogramm verabschiedet. Darin heißt es, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Muslime könnten weiterhin ihrem Glauben in Gebetsstätten nachgehen.

02.05.2016

Stuttgarter Stadtdekan kritisiert AfD-Parteiprogramm "Das ist ein völlig alberner Diskurs"

"Die AfD bestimmt Gott sei Dank nicht, was zu Deutschland gehört", sagt Stuttgarts Stadtdekan Christian Hermes nach dem Parteitag der Rechtspopulisten in seiner Stadt. Im Interview spricht er über "dumme" Propaganda.

domradio.de: Dass Deutschland und Islam nicht zusammengehören, steht jetzt tatsächlich in dem Parteiprogramm der AfD. Überrascht Sie das?

Monsignore Christian Hermes (Stadtdekan in Stuttgart): Nein, das überrascht mich nicht. Das liegt ja ganz in der Linie, die die Partei bisher vertreten hat. Überhaupt gibt der Parteitag kein einheitliches Bild ab. Man weiß immer noch nicht, in welche Richtung das geht. Man hat den Eindruck, dass man sich auf kleinste gemeinsame Nenner geeinigt hat, um diesen chaotischen und weltanschaulich sehr durcheinanderwirbelnden Haufen zusammenzubringen. "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" - Das ist natürlich eine Aussage, die man machen kann. Aber das ist ein völlig alberner Diskurs. Die AfD bestimmt ja Gott sei Dank nicht, was zu Deutschland gehört. Es gibt überhaupt keine autoritäre Instanz, die bestimmt, was zu Deutschland gehört. Da hat man einfach grundsätzlich nicht verstanden, wie eine offene Gesellschaft funktioniert und zeigt natürlich auch, was für ein Staatsverständnis die AfD vertritt, nämlich ein autoritäres.

domradio.de: Für Sie ist die AfD nicht mit dem katholischen Glauben vereinbar. Aber es gab auch gemäßigtere Stimmen, die eine Ablehnung des "politischen Islam" angestrebt haben, nicht aber des ganzen Islam. Inwieweit wäre das für Sie eine Annäherung an christliche Grundsätze gewesen?

Hermes: Das wäre eine Annäherung gewesen. Es gab ja ein Parteimitglied, das dazu aufgefordert hat, doch mit den muslimischen Gemeinden ins Gespräch zu treten. Das ist genau mein Ansatz. Natürlich lehnen wir auch radikale militante fundamentalistische Gruppen ab. Aber wir müssen doch ins Gespräch eintreten! Wir haben fünf Millionen Muslime in diesem Land. Wir können doch nicht einfach so tun, als gäbe es sie nicht. Wir dürfen vor allem nicht den Fehler machen, den politischen, aggressiven und fundamentalistischen Islam als DEN Islam zu bezeichnen. Das war ja meine Aussage als ich gesagt habe, dass sich die AfD zum Zwilling der Islamisten macht. Alexander Gauland hat heute Morgen im Deutschlandfunk noch einmal seine Theorie vertreten, dass der Islam immer politisch sei. Er beruft sich dabei auf einen Text des iranischen Revolutionsführers Chomeini aus dem Jahr 1970 über den islamischen Staat. Man muss bei einem historisch gebildeten Menschen wie Gauland wirklich sagen, das ist ahistorisch und dumme Propaganda, nichts anderes.

domradio.de: Jetzt hat die AfD mit ihrem Programm einen klaren Anti-Islamkurs festgeschrieben. Bedeutet das im Umkehrschluss auch eine pro-christliche-Ausrichtung?

Hermes: Natürlich nicht. Die AfD soll sich bloß nicht als Verteidiger der christlichen Werte oder der Kirchen aufspielen, das ist sie nämlich nicht. Es kann nicht in unserem Interesse sein, zurückzukehren in eine angeblich einheitliche weltanschauliche christliche Gesellschaft. Ich frage mich sowieso, was denn da gemeint ist, wenn der Islam nicht zu Deutschland dazu gehören soll. Wissen Sie, wir hatten historisch auch schon mal Zeiten in Deutschland, als der hochverehrte Bismarck überzeugt davon war, dass die Katholiken nicht zu Deutschland gehören. Das ist ein völlig anderes Staatsverständnis des 19. Jahrhunderts, dem wir uns als christliche Kirchen deutlich entgegen stellen.

Die Christen, die jetzt als Flüchtlinge hierherkommen, haben oft über viele Jahre in guter brüderlicher Einheit auch mit Muslimen verschiedener Konfessionen gelebt. Und wir sehen in unserem Land, dass Christen und Muslime friedlich zusammenleben. Genau für ein solches Zusammenleben verschiedener Religionen in einer demokratischen, die Grundrechte schützenden Gesellschaft müssen wir eintreten.

domradio.de: Die AfD setzt sich zum einen aus ihren stark konservativen Mitgliedern, zum anderen aus ihren klar rechtspopulistischen Vertretern zusammen. Welche Seite hat sich beim Parteiprogramm letztendlich durchgesetzt?

Hermes: Das Hauptinteresse, und das ist vorerst gelungen, war jetzt, diese völlig disparaten Richtungen zusammenzubringen. Die AfD ist in einer schwierigen Situation, weil hat jetzt den Druck hat, beispielsweise hier im Landtag von Baden-Württemberg einfach mal zu zeigen, ob sie außer Demagogie und Ressentiments irgendetwas inhaltlich substanziell zu bieten hat, irgendetwas Konstruktives beizutragen hat, bei den realen Fragen, die dieses Land zu bearbeiten hat. Wenn die AfD dadurch moderater würde, werden ihr aber die ganzen Rechtsradikalen, die sie in ihren Reihen ja hat - die Verbindung von Pretzell (Anm. d. Red. Marcus Pretzell, AfD-Mitglied im Europäischen Parlament) zum Front National ist ja gerade am Wochenende eindeutig hergestellt worden - wieder von der Fahne gehen. Ich vermute aber eher, dass sich die AfD weiter radikalisiert. Bei diesem Grundansatz der Partei erwarte ich nicht, dass sie irgendetwas Konstruktives zur Lösung der politischen und gesellschaftlichen Probleme in unserem Land beizutragen hat.

Das Interview führte Tobias Fricke. 

(DR)

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