Türkei enteignet christliches Kloster

Ergebnis eines langen Prozesses

Die Enteignung eines Kloster hatte unter Christen in der Türkei für Aufregung gesorgt. Viele befürchten nun, dass die Regierung ihren Kurs gegen Christen verschärft. Das müssen sie aber nicht, so Theologe Güzelmansur im domradio.de-Interview.

Christen in der Türkei (KNA)
Christen in der Türkei / ( KNA )

Es wirkt ein wenig so, als würde Erdogan mit den Muskeln spielen wollen. Erst die Klage gegen den Satiriker Jan Böhmermann, dann wird einem ARD-Reporter die Einreise in die Türkei untersagt. Jetzt wurde ein christliches Kloster auf der Insel Chalki in der Nähe von Istanbul enteignet. Was sich nach einem bewussten Schlag gegen das Christentum anhört, ist in diesem Fall jedoch eine langwierige Entwicklung gewesen, erklärt Dr. Timo Güzelmansur, Geschäftsführer der Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle (Cibedo) in Frankfurt a.M.

Begonnen haben die massenhaften Enteignungen 1936, als die türkische Republik noch relativ jung war. Ein neues Gesetz sollte die Enteignungen rückgängig machen, was zum Teil auch so geschehen war. Dennoch gibt es noch viele Liegenschaften, bei denen die Nutzungsrechte nicht klar geregelt seien und der türkische Staat die Oberhand habe. So wie im aktuellen Fall: Seit 2007 lief das Verfahren um die Besitzrechte des Klosters auf der Insel Chalki. Vor ein paar Wochen fiel die Entscheidung: Das Kloster sollte in staatlichen Besitz übergehen.

Kein geregelter Rechtstatus

Von einem ausgeglichenem Verhältnis zwischen den christlichen und islamischen Religionen würde Güzelmansur aber trotzdem nicht sprechen. Er selbst ist in der Türkei geboren und weiß, mit welchen Schwierigkeiten die Bistümer, Gemeinden und Orden vor Ort zu kämpfen haben. Weil sie keinen geregelten Rechtsstatus hätten, können sie noch nicht einmal selbstständig Mitarbeiter einstellen. Auch in Rechtsfragen könnten sie sich nicht beteiligen, weil die Kirche als juristische Person nicht anerkannt werde, so der Theologe.

Hinzu komme der immer stärker werdende türkische Nationalismus, der vor allem durch die Politik und durch Erdogan beeinflusst werde und für eine angespannte Stimmung sorge. Alles was nicht der türkischen Kultur entspreche, werde als Feind angesehen. Zusätzlich gäbe es Verschwörungstheorien; Christen seien Spione der ausländischen Mächte. Das verunsichere nicht nur die christlich Bevölkerung, sondern auch alle anderen Minderheiten, erklärt Güzelmansur.

Erdogan ist sich seiner Macht bewusst

Dass Erdogan durch die Klage gegen Böhmermann, die Festsetzung eines ARD-Reporters und die Kloster-Enteignung seine Überlegenheit demonstrieren will, glaubt Güzelmansur nicht. Erdogan wisse, dass er in der stärkeren Position sei und nach seinen Regeln mit der EU und mit Kanzlerin Angela Merkel verhandeln könne. Diese Position nutze er aus.

Nach dem umstrittenen Abkommen mit der EU ist die Türkei ein wichtiger Partner in der Flüchtlingskrise. Unabhängig davon käme den Menschenrechten zwischen Bosporus und Anatolien eine entscheidende Bedeutung zu, auch vor dem Hintergrund des angestrebten EU-Beitritts. Hier aber müsse sich die EU genau positionieren und auf Ihre Grundrechte, wie Religions- und Meinungsfreiheit, vor allem aber auch auf Menschenrechte beharren und sie von der Türkei einfordern, erklärt der Geschäftsführer der Cibedo. Nicht nur, um den Menschen, die in der Türkei seit Jahren für Menschenrechte kämpfen, nicht vor den Kopf zu stoßen, sondern auch um sich selbst treu bleiben zu können.


Quelle:
DR , KNA