Prälat Jüsten und Volker Beck
Prälat Jüsten und Volker Beck

03.03.2016

Katholische Kirche würdigt Volker Becks Verdienste "Ein sehr verlässlicher Gesprächspartner"

Die Kirchen verlieren mit Volker Beck als religionspolitischen Sprecher der Grünen-Fraktion einen verlässlichen, wenn auch streitbaren Ansprechpartner. Das meint der Leiter des Katholischen Büros in Berlin, Prälat Jüsten, im domradio.de-Interview.

domradio.de: Wie haben Sie reagiert, als Sie hörten, dass Volker Beck seine Ämter niederlegt?

Prälat Karl Jüsten (Leiter des Katholischen Büros in Berlin): Ich war zunächst erschrocken. Ich habe Herrn Beck immer als einen sehr streitigen, aber auch sehr verlässlichen Gesprächspartner erlebt. Er bleibt ja auch im Deutschen Bundestag - von daher werde ich sicher auch weiterhin mit ihm zusammenarbeiten. Das war nicht immer einfach, denn Herr Beck ist ja auch ein sehr streitlustiger Mensch, und er hat ja auch den ein oder anderen Streit mit den beiden Kirchen - insbesondere auch mit der katholischen Kirche - ausgefochten. Aber immer konstruktiv. In vielen Themen haben wir auch sehr kooperativ zusammengearbeitet. Im Bereich der Palliativmedizin, der Hospizmedizin, wenn es um den assistierten Suizid oder überhaupt den Lebensschutz ging, da war Herr Beck immer auf unserer Seite - und wird es hoffentlich auch weiterhin sein.

domradio.de: Was waren die Streitthemen, wo kamen Sie nicht so überein?

Jüsten: Herr Beck ist der beste Lobbyist im Bundestag, er hat sich immer sehr stark eingesetzt für die Rechte Homosexueller, da hat die katholische Kirche eine andere Sichtweise drauf. Auch in Sachen eingetragener Lebenspartnerschaften, die Bewertung von Sexualität überhaupt – da warten wir uns nicht immer einig. Es ging auch um die Frage, wie die Religion in Deutschland verfasst und organisiert sein soll. Am Anfang haben wir da sehr gestritten, und am Ende sind wir mit  Herrn Beck sehr wohl auf einen sehr grünen Zweig gekommen. Dort, wo er nämlich das deutsche Staat-Kirchen-Verhältnis als eine Riesenchance ansieht, insbesondere in Bezug auf den Islam.

domradio.de: Bei den Streitthemen - wie ging Volker Beck da auf die Argumente der katholischen Kirche ein?

Jüsten: Herr Beck ist einer, der gerne diskutiert, argumentiert, und auch dialogisch ist. Er ist sehr hartnäckig und wechselt seine Meinungen nicht sehr schnell. Von einem guten Argument aber lässt er sich auch überzeugen. Und das sind doch Abgeordnete, wie wir sie schätzen.

domradio.de: Vor Beck war lange Zeit Christa Nickels die religionspolitische Sprecherin, auch mit ihr haben Sie gearbeitet und diskutiert - wo war der Unterschied?

Jüsten: Frau Nickels ist ja ein Gewächs der katholischen Jugendarbeit. Sie hat sehr stark die katholischen oder christlichen Themen überhaupt erst in die grüne Partei hereingebracht. Man kann sagen, ein Großteil der grünen Bewegung kommt aus der Kirche. Und dafür steht und stand Frau Nickels in ihrem ganzen politischen Leben. Sie hat ja mehr oder minder dieses Amt der religionspolitischen Sprecherin erst kreiert. Die Grünen waren die ersten, die solch ein Amt hatten, und sie hat es zu dem gemacht, was heute alle Fraktionen kennen.

domradio.de: Volker Beck legt nun sein Amt nieder als religionspolitischer Sprecher der Grünen - ist das für Sie ein Verlust?

Jüsten: Naja, er bleibt ja im Bundestag, aber in der Kirche sehen ihn natürlich viele auch sehr kritisch. Er hatte sehr kritische Auseinandersetzungen mit Kardinal Meisner, die haben sich ja auch vor Gericht getroffen, das ist dann Gott sei Dank beigelegt worden. Also er wird sicher nicht allen in der Kirche Gottes fehlen in dieser Funktion. Aber als streitbaren Kämpfer werde ich ihn dann wahrscheinlich auch vermissen.

domradio.de: Es wird jetzt viel Häme über Beck ausgekippt. Finden Sie das gerechtfertigt?

Jüsten: Also, das ist ja ein allgemeines Phänomen, das nicht nur Herrn Beck trifft. Das war so, als Herr Hartmann (2014 trat der SPD-Politiker Michael Hartmann von seinen Ämtern im Bundestag zurück, nachdem er eingeräumt hatte, Crystal Meth zur Leistungssteigerung genommen zu haben, A.d.R.) gestürzt war, das war so, als der Bundespräsident Wulff gestürzt war. Ich finde diese Art vom Häme, wie sie jetzt insbesondere über die sogenannten sozialen Netzwerke verbreitet wird, unanständig. Die Leute sollten mal überlegen: Wenn sie selber so in der Öffentlichkeit stehen und etwas falsch machen würden, ob sie wollen würden, dass über sie so hergefallen wird. Auch, wenn sie selber von der moralischen Warte her kommen. Diese Art der Häme, die da bei uns Einzug gehalten hat, finde ich schäbig.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

 

(DR)

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