Eine Kommission soll Missbrauch aufarbeiten
Eine Kommission soll Missbrauch aufarbeiten
Johannes-Wilhelm Rörig
Johannes-Wilhelm Rörig

26.01.2016

Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs eingerichtet Den Opfern zuhören

Sechs Jahre ist es her, dass die Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg bekanntwurden und eine Lawine ins Rollen kam. Weitere Fälle kamen ans Licht. An diesem Dienstag wurden die Mitglieder einer Aufarbeitungskommission berufen.

Die Zahlen sind nach wie vor alarmierend: Laut polizeilicher Kriminalstatistik liegt die Zahl der jährlich gemeldeten Fälle von Kindesmissbrauch nach wie vor bei rund 12.500. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht von 18 Millionen Kindern, die sexuelle Gewalt erleben, allein in Europa.

Sechs Jahre nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg und weiteren kirchlichen sowie anderen Institutionen gibt es nun eine Kommission, die sich die Aufarbeitung von sexueller Gewalt zum Ziel gesetzt hat. Dies war eine zentrale Forderung des Runden Tisches, der noch 2010 unter der Leitung von drei Bundesministerinnen einberufen worden war und an dem auch Betroffene saßen. Die jetzt berufenen sieben Mitglieder wollen noch im Januar ihre Arbeit aufnehmen.

Erziehungswissenschaftlerin übernimmt den Vorsitz

Immer wieder hat der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, in den vergangenen Jahren die politisch Zuständigen gemahnt, sich für ein solches Gremium einzusetzen. Doch deren "grünes Licht" ließ auf sich warten. Erst im vergangenen Jahr stimmte der Bundestags-Familienausschuss schließlich zu.

Die Kommission soll Ausmaß und Folgen von Kindesmissbrauch in Deutschland untersuchen und wird beim Missbrauchsbeauftragten angesiedelt, der die sieben Mitglieder auch beauftragt hat. Den Vorsitz übernimmt die renommierte Frankfurter Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen, die eine Forschungsprofessur Familienhilfe innehat und seit 2010 Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung ist.

Sie veröffentlichte etwa im vergangenen Jahr mit dem Aufsatz "Das Schweigen brechen" einen Beitrag zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch. Zugleich ist Andresen seit 2011 Vizepräsidentin des Deutschen Kinderschutzbundes, eines Verbandes, dem Kritiker im Zuge der Aufarbeitung bei den Grünen ebenfalls vorwarfen, in den 80er Jahren pädophile Strömungen unterstützt zu haben. Sie selbst hatte dort eine Offenlegung forciert.

Rörig: Systematik hinter Verbrechen aufklären

Auch Rörigs Vorgängerin, die frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD), ist in dem Gremium vertreten. Weiter engagieren sich dort die Honorarprofessorin an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin, Barbara Kavemann, der Sozialpsychologe Heiner Keupp, die ehemalige Präsidentin des Frankfurter Oberlandesgerichts, Brigitte Tilmann, sowie der Rostocker Bildungshistoriker Jens Brachmann und der Hamburger Sozialforscher Peer Briken.

Rörig verspricht sich viel von der Kommission: "Erst durch die konsequente Aufarbeitung der sexuellen Gewalt an Kindern werden wir die Systematik hinter diesen abscheulichen Verbrechen erkennen und mehr über die Täter, Verharmloser und freiwilligen und unfreiwilligen Unterstützer erfahren." Zwar bedauert er, dass eine gesetzliche Verankerung der Kommission politisch nicht durchsetzbar war. Dies hätte ihre künftige Arbeit beim Persönlichkeits- und Datenschutz und bei der Einsichtnahme in Akten erheblich erleichtert, meint Rörig. Jetzt sei es aber wichtig, dass die Kommission ihre Arbeit aufnehme. Er wünsche sich, dass die Kommission besondere Aufmerksamkeit auf die Anhörung von Betroffenen und damit auf die Anerkennung ihres Leids legt.

Eckiger Tisch begrüßt Einrichtung der Kommission

Auch der Eckige Tisch, eine Betroffenengruppe von ehemaligen Schülern aus Jesuitenschulen, begrüßte die Einrichtung des Gremiums. Ihr Sprecher Matthias Katsch arbeitete auch an der Konzeption mit. Er hoffe, dass das Ausmaß, die Verantwortlichkeiten und die strukturellen Ursachen von sexueller Gewalt in kirchlichen Einrichtungen dadurch aufgedeckt würden. Notwendig seien dazu aber auch weiterhin unabhängige Ermittlungen vor Ort.

Die Kommission will im Mai ihr Arbeitsprogramm für die kommenden drei Jahre vorstellen. Ein erster Zwischenbericht soll 2017 veröffentlicht werden, ein Abschlussbericht ist für März 2019 geplant. Für die Jahre 2016 bis 2018 steht ein Budget von je 1,4 Millionen Euro jährlich zur Verfügung.

Birgit Wilke
(KNA)

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