Bischof von Birmingham und Queen
Bischof von Birmingham und Queen

07.12.2015

Ein Expertenbericht sorgt im Königreich für Aufregung Neue Werte für pluralistische Gesellschaft?

Fast die Hälfte der Briten versteht sich einer Studie zufolge nicht mehr als religiös. Der Anteil der Christen hat demnach dramatisch abgenommen. Experten fordern nun eine staatliche "Neuregelung für Religion und Glauben".

"Weniger religiös, weniger christlich und vielfältiger als je zuvor" - so charakterisiert die "Kommission für Religion und Glaube im öffentlichen Leben" in ihrem Abschlussbericht die britische Gesellschaft. Über zwei Jahre hatte das Gremium unter Leitung der früheren Lordrichterin Baroness Elizabeth Butler-Sloss der britischen Bevölkerung die Gretchenfrage gestellt. Am Montag präsentierte die Kommission auf 144 Seiten ihre Ergebnisse und Empfehlungen.

Bericht: Rapider Anstieg der Nichtreligiösen

Der Untersuchungsbericht "Living with difference" (Mit Unterschieden leben) kommt zu dem Schluss, dass der Anteil anglikanischer Christen an der britischen Bevölkerung in den drei Jahrzehnten seit 1983 von 40 Prozent auf weniger als 20 Prozent gesunken ist. Aber auch andere Konfessionen sind betroffen: Nur noch zwei von fünf Briten bezeichnen sich laut der Studie als Christen. Die Zahl derer, die sich als nicht religiös verstehen, ist demnach rapide gestiegen - und umfasst mittlerweile fast die Hälfte der britischen Bevölkerung.

Christen seien in Großbritannien zur "Minderheit in der Bevölkerung" geworden, heißt es in dem Bericht. Der demografische Wandel führe zu mehr Glaubensvielfalt; der Anteil der Muslime, Hindus und Sikhs nehme rasch zu. Binnen zwei Generationen habe sich die Gesellschaft in Bezug auf Weltanschauung und Religion "bis zur Unkenntlichkeit" verändert.

Definition neuer Werte gefordert

Politiker müssten mit der Entwicklung Schritt halten, fordert nun das Gremium um Butler-Sloss. Es sei "dringend nötig", eine "Neuregelung für Religion und Glauben" in Großbritannien zu diskutieren. Ziel müsse es sein, die Werte einer pluralistischen Gesellschaft neu zu definieren.

Kritisiert wird in dem Expertenbericht die tiefgehende Verankerung der anglikanischen Kirche in der Politik. Tatsächlich existiert in England verfassungsrechtlich eine Staatskirche, deren weltliches Oberhaupt die englische Königin ist. Nicht-Anglikaner sind von der Thronfolge ausgeschlossen, und anglikanische Bischöfe sind Mitglieder im britischen Oberhaus und damit auch Gesetzgeber. Die Kommission aber will, dass die bislang 26 anglikanischen Bischöfe im Oberhaus einen Teil ihrer festen Plätze für Vertreter anderer Glaubensrichtungen räumen.

Ist Großbritannien also kein christliches Land mehr? Der Bischof von Buckingham, Alan Wilson, hält die Aufregung um den Bericht für "Paranoia". Vielmehr habe sich die Art des Glaubens verändert. Viele Briten institutionalisierten ihren Glauben nicht, gingen nicht unbedingt zum Gottesdienst. Aber das Christentum spiele in ihrem Alltag dennoch eine wichtige Rolle. Die Studie regt laut Wilson zum Nachdenken über Religion an. Man müsse "realistisch werden", sagte er der BBC. "Die Geschichte des Christentums ist lebendig und stetig im Fluss. So war es schon immer."

Anglikaner bezeichnen Report als verfehlt

Die anglikanische Kirche bezeichnete den Report hingegen als verfehlt. Er sei bestimmt von der "altmodischen Sicht", dass die Bedeutung herkömmlicher Religionen abnehme und dass die Nicht-Zugehörigkeit zu einer Glaubensrichtung mit Atheismus oder Säkularismus gleichzusetzen sei. Ein Großteil der Gesellschaft sei jedoch "entschieden gegen die Marginalisierung des Christentums".

Der Kommission, zu der auch der frühere Anglikaner-Primas Rowan Williams sowie weitere Bischöfe und Theologen unterschiedlicher Religionen gehörten, geht es nach eigenem Bekunden um gegenseitiges Verständnis. "Im Guten wie im Schlechten haben Religion und Glauben direkten Einfluss auf unseren Alltag", sagte Butler-Sloss. Die Herausforderung für Politik und Gesellschaft bestehe darin, eine Gemeinschaft zu schaffen, in der Unterschiede als bereichernd wahrgenommen würden. Dies sei gerade in der heutigen Zeit von herausragender Bedeutung.

Kristina Moorehead
(KNA)

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