Unterrichtsmaterial zum Schutz vor Kindesmissbrauch
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13.01.2015

Missbrauchsskandal in Kirche wird vor fünf Jahren öffentlich Mit dem Rücken zur Wand

Ein Brief des damaligen Leiters des Canisius-Kollegs der Jesuiten in Berlin bringt Ungeheuerliches ans Licht: Vor fünf Jahren wird der Missbrauchsskandal in der Kirche öffentlich.

Es war wohl eines der schwärzesten Jahre in der jüngeren Geschichte der katholischen Kirche in Deutschland. Vor fünf Jahren, Ende Januar 2010, kam der Missbrauchsskandal ins Rollen und stürzte Bischöfe, Priester und Laien in eine tiefe Vertrauenskrise. Der Skandal öffnete zugleich den Weg für eine neue innerkirchliche Dialogkultur und stieß eine Reformdebatte an.

Am Anfang stand ein Brief. Den schrieb Pater Klaus Mertes, damaliger Rektor des Berliner Jesuiten-Gymnasiums Canisius-Kolleg, an 600 Ehemalige. Die Botschaft: Patres des Ordens hätten in den 1970er und 80er Jahren Schüler sexuell missbraucht - und zwar systematisch und über Jahre. Der Brief, der am 28. Januar 2010 bekannt wurde, trat eine Lawine los: Der Skandal weitete sich auf andere Ordensschulen aus, er betraf auch evangelische Institutionen und weltliche Einrichtungen wie die Odenwaldschule, Sportvereine und auch die Grünen.

Viele Katholiken treten aus

"Wie konnte solcher Missbrauch möglich sein - in einer Kirche, die für so hohe moralische Werte steht, die beansprucht, Antworten auf die tiefsten Fragen des Menschseins geben zu können?", fragte der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode. Die Fallhöhe war tiefer als bei anderen Institutionen.

Eine Quittung: 2010 kehrten so viele Katholiken der Kirche den Rücken wie lange nicht, nämlich 181.193. Jesuitenpater Friedhelm Mennekes machte massive Auswirkungen auf die Seelsorge aus. "Früher habe ich mich nett mit den Menschen unterhalten, heute wird man sofort als potenzieller Verführer der Kinder gesehen", sagte er. Die Geistlichen stünden "mit dem Rücken zur Wand".

Hotline und ein Präventionsprojekt

Die Bischöfe reagierten mit einer Serie von Maßnahmen. Im März 2010 entschuldigten sie sich bei den Opfern. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann wurde zum Missbrauchsbeauftragten ernannt, eine Hotline wurde eingerichtet. Im Sommer erließen die Bischöfe die Leitlinien für den Umgang mit den Tätern, die 2013 verschärft wurden. Darüber hinaus verabschiedeten sie ein Präventionskonzept.

Außerdem präsentierte die Bischofskonferenz als erste Institution ein Modell zur materiellen Anerkennung des Unrechts. Demnach sollen Opfer bis zu 5.000 Euro erhalten. 1.400 Betroffene stellten bislang einen Antrag. In 90 Prozent der Fälle sei eine Zahlung empfohlen worden, heißt es. Dass Papst Benedikt XVI. bei seinem Deutschlandbesuch 2011 fünf Missbrauchsopfer traf, markierte einen weiteren Schritt der Aufarbeitung.

Forschunsprojekt gescheitert

Viel Wert legte die Bischofskonferenz auch auf die wissenschaftliche Aufarbeitung. Reibungslos verlief ein erstes Forschungsprojekt: Eine vom Direktor des Essener Instituts für Forensische Psychiatrie, Norbert Leygraf, durchgeführte Studie kam 2012 zu dem Schluss, dass Priester, die Minderjährige missbrauchen, in den seltensten Fällen pädophil seien. Die Taten würden zumeist vor dem Hintergrund einer persönlichen Krise begangen.

Als PR-Desaster erwies sich ein zweites, 2011 an den Hannoveraner Kriminologen Christian Pfeiffer vergebenes Forschungsprojekt: Es sollte durch Aktenstudien belastbare Zahlen zum Missbrauch erbringen, den Verlauf der Taten aus der Sicht der Opfer nachvollziehen, das Handeln der Täter analysieren und klären, wie sich die Kirche verhalten hat. Doch Anfang 2013 kündigten die Bischöfe die Zusammenarbeit auf. Das Vertrauensverhältnis zu Pfeiffer sei zerrüttet.

Vorsichtig optimistisch

Allerdings gab es auch kirchenintern erhebliche Widerstände, weil der Wissenschaftler Einblick in möglichst viele Personalakten der 27 Bistümer erhalten sollte. Der mediengewandte Pfeiffer ließ sich das nicht bieten: Er sprach von Zensur und Aktenvernichtung. Zugleich ließ er allerdings durchblicken, dass er sexuellen Missbrauch in der Kirche für nicht weiter verbreitet hält als anderswo. Im Frühjahr

2014 nahmen die Bischöfe dann einen zweiten Anlauf und vergaben das Forschungsprojekt an einen Verbund von sieben Wissenschaftlern um den forensischen Psychiater Harald Dreßing.

Fünf Jahre nach Aufdeckung des Skandals zieht Mertes jetzt eine vorsichtig optimistische Bilanz, warnt aber zugleich vor einem Schlussstrich. "Unmöglich ist Missbrauch leider nie", sagt er. "Ich bin aber sicher, dass Täter sich heute eher ungern auf unsere Schulen wagen würden."

 

Christoph Arens
(KNA)

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