Karfreitag
Karfreitag
Kreuzträger mit Maske und Perücke am Karfreitag in Rheda-Wiedenbrück
Kreuzträger mit Maske und Perücke am Karfreitag in Rheda-Wiedenbrück

18.04.2019

"Mendener Kreuztracht" mit prominenter Besetzung? Karfreitag zwischen Legende und Tradition

Das geht ins Kreuz: Einen Tag und zwei Nächte lang wird in Menden an den Leidensweg Jesu in einer Prozession gedacht. Und um die Kreuztracht ranken sich einige Legenden: Prominente Kreuzträger und Sand als Last für eigene Sünden.

DOMRADIO.DE: An Karfreitag wird an das Leiden und Sterben Jesu erinnert. Und dazu wird mancherorts eine Prozession abgehalten, die an Jesu Weg zur Kreuzigung erinnert. In Menden im Sauerland gibt es diese Tradition schon seit mehr als 300 Jahren. Auch in diesem Jahr werden zur Mendener Kreuztracht viele Menschen erwartet. Was ist denn das Besondere bei der Mendener Kreuztracht im Vergleich zu anderen Karfreitagsprozessionen?

André Quante-Blankenagel (Diakon im Pastoralverbund Menden): Es gibt im Erzbistum Paderborn und sicherlich auch im Erzbistum Köln die verschiedensten Kreuztrachten. Die Mendener Kreuztracht unterscheidet sich im Wesentlichen dadurch, dass sie nicht nur an einem besonderen Termin oder in einer besonderen Stunde geht, sondern, dass von 21 Uhr am Abend des Gründonnerstags bis 6 Uhr am Morgen des Karsamstags kontinuierlich, bis auf zwei Ausnahmen, zu jeder Stunde eine Prozession veranstaltet wird.

DOMRADIO.DE: Die Kreuztracht dauert dann ja sehr lange. Wie funktioniert das organisatorisch?

Quante-Blankenagel: Das beginnt damit, dass am ersten Fastensonntag in einer Andacht in der Kirche zunächst die Bewerberinnen und Bewerber anhand von Losen ermittelt werden. Das heißt, die Kreuzträgerinnen und Kreuzträger, ich sage das ganz bewusst, weil auch Frauen eingeladen sind, das Kreuz zu tragen und das auch schon seit vielen Jahren tun, werden anonym den einzelnen Stunden zugelost. Das heißt, man sieht zwar, wer sich um eine Stunde bewirbt, man weiß aber natürlich nicht zu welcher Stunde. Für viele Menschen ist diese Anonymität doch immer noch sehr wichtig. Keiner sieht, wer jetzt konkret das Kreuz bei der Prozession voran trägt.

DOMRADIO.DE: Die Mendener Kreuztracht hat eine lange Tradition. Wie wichtig ist die Prozession für den gelebten Glauben?

Quante-Blankenagel: Die Kreuztracht ist eine ganz spannende Mischung aus Tradition und Glauben. Die Kreuztracht gibt es ja jetzt seit über 300 Jahren, ist aus der damaligen Volksfrömmigkeit erwachsen und hat für viele Menschen, das zeigt sich gerade auch bei der ersten Prozession am Gründonnerstagabend bei der Jugend-Prozession, doch einen sehr hohen Stellenwert, weil doch Tausende von Menschen jedes Jahr mit der Prozession ziehen und dadurch das Kreuz als das Symbol ihres Glaubens auch deutlich machend herausstellen können.

DOMRADIO.DE: Neben der angesprochenen "Jugendkreuztracht" gibt es auch die "Große Kreuztracht". Was wird da anders sein als zu den anderen Stunden?

Quante-Blankenagel: Die Jugend-Kreuztracht bildet sozusagen den Auftakt der Reihe der Kreuztrachten am Abend des Gründonnerstags. Die ist ungefähr in den 1950er Jahren entstanden. Es hat sich da herausgebildet, dass junge Leute, junge Erwachsene versuchen, Formen zu finden und auszudrücken, was für sie Kreuz, Glaube, Auferstehung bedeutet und das auf ihre Weise versuchen, in die heutige Zeit zu übertragen. Die große Kreuztracht am Karfreitag folgt mehr einem traditionellen Aufbruch und ist ebenso gut angenommen bei den Gläubigen. Aber es gibt ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal: Die große Kreuztracht ist im weitesten Sinne traditionell und die Jugend-Kreuztracht bietet Möglichkeiten auch vielleicht für Menschen, die dem Glauben ein bisschen ferner stehen, da Anknüpfungspunkte zu finden, weil sie halt nicht so strengen Konventionen, wie man das jetzt vielleicht von einer liturgischen Prozession erwarten würde, folgt.

DOMRADIO.DE: Der Kreuzträger, der den Jesus bei der Prozession spielt, ist durch seine Verkleidung nicht erkennbar. Es gibt Gerüchte, dass schon Prominente, wie zum Beispiel Günter Jauch darunter gewesen sein sollen. Was ist an diesen Gerüchten dran?

Quante-Blankenagel: Ich werde natürlich jetzt nicht sagen, wer möglicherweise schon mal getragen hat. Wer prominent ist, das ist auch sehr unterschiedlich in der Wahrnehmung der Leute. Wenn wir davon ausgehen, dass die erste Kreuztracht, die die Tradition, die wir jetzt schon seit 334 Jahren fortführen, dadurch begründet wurde, dass der damalige Bürgermeister Schmittmann und sein Stadtschreiber und Richter Wulf erkanntermaßen das Kreuz getragen haben, dann liegt die Vermutung nahe, dass auch Menschen aus der heutigen Zeit, die eine gewisse Position bekleiden, sich unter Umständen darum bewerben, aus unterschiedlichen Motivationen das Kreuz zu tragen. Aber ob jetzt tatsächlich Prominente aus Funk und Fernsehen das getan haben, das vermag ich auch ehrlichen Herzens gar nicht zu sagen.

DOMRADIO.DE: Dann sprechen einige Menschen noch davon, dass das Kreuz mit Sand beschwert werde. Was hat das zu bedeuten?

Quante-Blankenagel: Das ist tatsächlich auch eine Annahme, die gibt es auch noch innerhalb der Stadt. Das hält sich bis heute. Je nachdem, was der Träger sich habe zuschulden kommen lassen, würde das Kreuz beschwert. Das ist einfach nur eine fromme Legende. Denn zum einen sind die Träger zumindest für die Menschen unerkannt. Und woher sollten die Verantwortlichen denn wissen, was der oder diejenige sich habe zuschulden kommen lassen. Insofern ist das eine fromme Legende, aber es entspricht nicht der Wahrheit.

Das Interview führte Martin Bornemeier.

(DR)

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