Holzkreuze am Karfreitag auf den Philippinen (Archivbild)
Holzkreuze am Karfreitag auf den Philippinen

26.03.2016

Blutiger Karfreitag auf den Philippinen Flagellanten und Kreuzigungen

Es ist ein Ritual, das die Kirche zwar kritisiert aber nicht unterbindet: Karfreitag haben sich auf den Philippinen wieder mehr als ein Dutzend Gläubige an Kreuze nageln lassen. Warum?

Seit über 50 Jahren dröhnen am Karfreitag Hammerschläge durch San Pedro Cutud. Auch in diesem Jahr werden wieder fromme Christenmenschen zu Maleldo, wie sie in dem philippinischen Dorf den Karfreitag nennen, ihren Glauben durch ein grausiges Ritual bekennen: sie lassen sich an Kreuze nageln. Mit richtigen Nägeln, die ihnen als Römer verkleidete Philippiner durch Hände und Füße treiben. Im vergangenen Jahr waren es 20 Männer, die sich kreuzigen ließen.

Schon am Gründonnerstag beginnt im benachbarten San Fernando Pampagna der Leidensweg der Jesus-Nachahmer. Flagellanten ziehen durch die Stadt, peitschen sich die Rücken blutig, werfen sich vor jeder Kirche in den Staub. Die Christen in den Gotteshäusern ignorieren ihre blutüberströmten Glaubensbrüder draußen. Vielen Kirchgängern scheinen die Flagellanten peinlich zu sein.

Blutüberströmten Glaubensbrüder

Ruben Enaje schleppt seit 30 Jahren als offizieller Jesus sein Kreuz auf den Golgatha-Hügel in San Pedro Cutud - in einer farbenprächtigen Prozession komplett mit Römern, Jüngern und Maria. "Ich habe einen Sturz aus dem dritten Stock überlebt. Danach habe ich Gott geschworen, mich kreuzigen zu lassen", erzählt der Schildermaler.

Die Kirche sieht die Kreuzigungen sehr verhalten. "Der Herr schätzt alle Formen der Opfer, aber manchmal ist das Opfer, das wir uns selbst auferlegen, nicht das, der was der Herr von uns erwartet", sagte Mal Joel Baylon, Bischof des Bistums Legazpi und Vorsitzender der Jugendkommission der Bischofskonferenz, über die Maleldo-Sitte.

Gleichzeitig aber lassen die Bischöfe das Kreuzigungsspektakel geschehen. Die immer noch vollen Kirchen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch in der katholischen Bastion Asiens die Gläubigen längst nicht mehr bedingungslos zu den Lehren ihrer Kirche Ja und Amen sagen. In dieser Situation werden die Bischöfe den Teufel tun, unliebsamen und blutigen Auswüchsen der Volksgläubigkeit den Garaus zu machen. Auch der Staat drückt alle Augen zu. Das Gesundheitsministerium in Manila veröffentlicht allerdings regelmäßig Tipps zur Reduzierung der Gesundheitsrisiken durch das rigorose Glaubensbekenntnis.

Kreuzigungen heute noch bittere Realtität

Kreuzigungen waren im Römischen Reich eine verbreitete Hinrichtungsart, die in Europa nach der Konstantinischen Wende aber verschwand. In einigen islamischen Ländern werden sie jedoch bis heute als Strafe praktiziert. In Saudi-Arabien beispielsweise werden oft Verurteilte, die bereits durch Hängen oder Enthauptung exekutiert wurden, an einem Kreuz einen Tag lang zur Schau gestellt. Für weltweites Entsetzen sorgen die Berichte über brutale Kreuzigungen durch den Islamischen Staat (IS). Christen werden dabei von den Terroristen ebenso ans Kreuz geschlagen wie Muslime, deren Vergehen darin besteht, im Ramadan nicht gefastet zu haben.

Der Philippiner Carlos Celdran, ein "kultureller Aktivist" und leidenschaftlicher Kritiker der Kirche, kommentiert die Kreuzigungen in San Pedro Cutud mit Sarkasmus: "Ich bin froh darüber, dass sie ihre Gewalt als Ausdruck ihres Glaubens nach innen richten. Das ist besser, als sich eine Bombe umzubinden oder einen Bus in die Luft zu sprengen und so die religiöse Überzeugung gewaltsam nach Außen zu demonstrieren."

Sensation eines religiösen Realismus

Für den Tourismus in San Pedro Cutud sind die Kreuzigungen ein Segen. Zu Tausenden reisen Passionstouristen in Bussen aus dem 70 Kilometer entfernten Manila zum Maleldo. Manche kommen, weil sie tiefgläubige Christen sind. Für andere steht die Sensation eines religiösen Realismus a la Mel Gibsons "The Passion of Christ" im Vordergrund.

Auf dem staubigen Platz am Dorfrand warten sie geduldig stundenlang in der heißen Sonne auf den Beginn des Spektakels. Bis endlich "Jesus" Ruben Enaje sein schwarzes Holzkreuz den eigens aufgeschütteten Golgatha-Erdhügel hinaufschleppt, herrscht unter der heißen Tropensonne Rummelplatzstimmung. Popmusik dudelt aus Lautsprechern, Händler verkaufen Eiscreme, Sonnenbrillen und Strohhüte, evangelikale Sekten bieten Erbauungslektüre feil. Ganz clevere Geschäftsleute verkaufen entlang der Kreuzwegstrecke das ultimative Souvenir: Flagellationspeitschen.

Michael Lenz
(KNA, dpa)

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