Guggemusik bei Basler Fasnacht
Guggemusik bei Basler Fasnacht

11.03.2019

Basler Fasnacht vereint gelebte Tradition mit wilder Anarchie Poesie des Morgenstreichs

Ein leuchtendes Lichtermeer der Laternen, der schrille Sound der Piccolo-Flöten und ohrenbetäubende Trommelschläge: Basel zelebriert eine außergewöhnliche Fasnachtstradition. Die Unesco hat das Basler Treiben 2017 als Weltkulturerbe geadelt.

Das orangene Fellkostüm sitzt, Affenmaske und Helm mit Lampenschirm auch. Thierry Moosbrugger, im normalen Leben katholischer Theologe und Ombudsmann der Stadt Basel, schnallt seine Marschtrommel um und reiht sich in die Formation seiner Fasnachtsclique ein. Dann schlägt die Stadtkirche vier Uhr früh - und alle Straßenlaternen der Innenstadt erlöschen.

"Morgenstreich - Vorwärts - Marsch!", heißt das Kommando. Über die ganze Basler Altstadt verteilt setzen sich 200 Fasnachtsgruppen trommelnd und pfeifend in Bewegung. Jetzt gibt es nur noch den bunten Schein der Fasnachtslaternen. Sie leuchten zu Tausenden über den Köpfen der Umzugsteilnehmer; handbemalte Lampions schwanken durch die Straßen und über die mittlere Rheinbrücke, jede Gruppe hat eine meterhohe Hauptlaterne.

Hier ist er, der magische Moment der Basler Fasnacht. Der nur möglich ist, weil 20.000 Baslerinnen und Basler ihre Tradition pflegen und zelebrieren. Mit enormer Energie. Gemeinsam. Jung und Alt, Banker und Hilfsarbeiter. Thierry hat seit Monaten auf diesen Moment gewartet.

Anders als in Köln oder Mainz gibt es hier jedoch keine strenge Organisation des Umzugs, keine festen Routen. Keine Absperrgitter oder Betonblöcke, keine Polizeihundertschaften. "Unsere Fasnacht braucht keine Ordnung", sagt Thierry. "Sie ist ein Gesamtkunstwerk. Wir leben unsere Tradition."

72-Stunden-Grundmelodie

Die Trommelwirbel fahren in den Magen, die Marschmusik der Piccoloflöten wird in den nächsten 72 Stunden - bis zum "Endstreich" - nie mehr ganz verstummen. Die Grundmelodie der größten Schweizer Fasnacht - sei es als durchdringender Marsch aus Dutzenden Flöten bei den großen Gruppen, sei es mitten in der Nacht, wenn ein verlorener Maskenträger in einer Münstergasse selbstvergessen einige Töne anstimmt.

"Wenn ich mit meiner Clique unterwegs bin und an Tausenden Zuschauern vorbeimarschiere, das ist ein kaum zu beschreibendes Hochgefühl, fast wie eine Meditation", sagt Thierry. Lange arbeitete er für das Bistum Basel, vor kurzem wurde der 52-Jährige zum Ombudsmann der Stadt gewählt. Auf der Internetseite www.katholisch-blbs.ch denkt er darüber nach, was Fasnacht und Religion verbindet. Seit seiner Jugend ist er in der Fasnachtsgruppe "Alti Stainlemer" dabei.

Einige Wochen vor dem Morgenstreich steht Thierrys Bruder Philippe - Jeans und Freizeithemd, stylische Ohrringe - vor einer verriegelten Panzertür im fünften Untergeschoss eines Basler Parkhauses. Er öffnet das graue Schott - Schweizer Wertarbeit am Eingang eines ehemaligen Luftschutzbunkers.

Was sich hinter der Stahltür auftut, hat allerdings seit Jahrzehnten nichts mehr mit Katastrophenschutz zu tun: In einer Sesselecke sitzen junge Männer mit Bierkrügen. Am Ende des langen Gangs steht eine Theke. Zigarettenqualm weht durch den Bunker. Rechts der niedrige Übungsraum für die Trommler. Alte handbemalte Lampions mit Masken und Fasnachtsfiguren hängen von der Decke, an den Wänden Schwarz-Weiß-Fotografien mit stolz dreinblickenden Fasnächtern der vergangenen Jahrzehnte. Willkommen im Cliquenkeller der "Stainlemer".

Soziales Netz

Jeden Freitag kommen sie hierher, um ihre Trommelwirbel und Flötenstücke zu üben - 30 verschiedene Melodien haben sie im Repertoire. Und schmieden Pläne für die kommende Kampagne. Das ist das eine. Doch die Fasnachtsclique ist auch soziales Netz, Ort für über Jahre gepflegte Freundschaften, für manchen wie eine Familie.

"Ich bin seit drei Jahrzehnten dabei. Jeden Freitag. Meine beiden Söhne seit sie acht sind", erzählt Remo. Er ist beim Morgenstreich im "Vortrab", muss also seiner Gruppe in den überfüllten Altstadtgassen den Weg bahnen. Und Zuschauer sind gut beraten, dem Vortrab nicht in die Quere zu kommen. Trotzdem staut und stockt das chaotische Laternen-Gewusel immer wieder. An engen Punkten kommen die verschiedenen Fasnachtsgruppen kaum aneinander vorbei. Jede Clique trommelt und pfeift unbeirrt weiter, versucht den anderen zu übertönen.

Es scheint fast so, als ob die Basler Cliquen nicht zuerst fürs Publikum, sondern vor allem für sich selbst losziehen. Folgerichtig sind die Zuschauer auch nicht verkleidet. Was in Köln an Rosenmontag undenkbar wäre, ist in der Basler Fasnacht stimmig.

Und die Fasnachtscliquen sind - auch dessen sind sich viele Basler bewusst - wichtiger Teil des "Teigs", wie sie selbst ihr soziales Netzwerk in der Stadt beschreiben. "Die Fasnacht bringt unsere Gesellschaft zusammen. Sie ist ein wichtiges Instrument der Integration für Menschen, die neu zu uns kommen", ist Felix Rudolf von Rohr überzeugt. Er ist die graue Eminenz der Basler Fasnacht.

Lange stand er dem prestigereichen Fasnachts-Komitee vor, das die drei tollen Tage organisiert.

Und von Rohr trieb die Initiative voran, die 2017 zur Anerkennung der Basler Fasnacht als immaterielles Welterbe führte. Vor allem aber ist er seit Jahrzehnten aktiver Fasnächter: "In diesem Jahr bin ich zum 62. Mal mit meiner Clique dabei. Aber zum ersten Mal gemeinsam mit meinem Enkel."

Ohne Exzesse

Beim Morgenstreich machen die "Stainlemer" nach eineinhalb Stunden Marsch am Rheinufer ihre erste Pause. Noch immer ist es dunkel.

Verschnaufen, kurz die Masken mit den Lampen vom Kopf, vier Träger lassen schnaufend die große Prachtlaterne ab. 5.30 Uhr. Zeit für ein erstes Bier oder einen "Kaffi fertig", den beliebten Kaffee mit Obstschnaps. Aber es geht gesittet zu. Exzesse, Schnapsleichen am Straßenrand, vollgepinkelte Hauseingänge? Nicht in Basel.

Viel Zeit zum Ausruhen lässt der "Tambourmajor", der Mann mit der größten Maske und langem silbernen Taktstock, aber nicht. Schon nach wenigen Minuten geht es weiter. Zurück ins Gewusel der Altstadt, in der die anderen Gruppen ihre verschlungenen Wegen ziehen. Von der 200-Mann-Clique bis zu den selbstironisch betitelten "Schissdräck-Zügli" ("Scheißdreck-Grüppchen"), den kleinen, spontanen Gruppen, in denen sich die zusammen finden, die lieber individuell als in den großen Gruppen losziehen.

Dann die Dämmerung. Langsam taucht die Silhouette des Münsters auf. Feuchte ist nach vier Stunden in die Kleider und Kostüme gezogen. Langsam klingt der Morgenstreich aus. Jetzt verlagert sich die Straßenfasnacht in die Kneipen und Cafes, zu Kaffee und Käseweihe, zu Bier und Mehlsuppe. Die Prachtlaternen parken vor den Vereinslokalen. Wer kann, legt sich für zwei Stunden aufs Ohr.

Handzettel und Mimosenzweige

Schon am Mittag startet der "Cortege", ein Umzug, der noch am ehesten mit einem klassischen Karnevalsumzug vergleichbar ist. Doch statt Kamelle verteilen die Cliquen Handzettel mit ausgefeilt gereimten Kommentaren zu Welt- und Stadtpolitik. Wer Probleme mit dem Baslerdeutsch hat, dem bleibt immerhin die Jagd nach den von den Umzugswagen geworfenen Orangen und Bananen. Frauen bekommen gelbe Mimosenzweige - und natürlich eine kräftige Ladung Konfetti.

Abends in den Kneipen haben die "Schnitzelbänke" ihren Auftritt - kleine Musikgruppen, die das lokale Geschehen des vergangenen Jahres aufs Korn nehmen. Und immer wieder marschieren die Cliquen nach Lust und Laune durch die Stadt. Auf den Plätzen der Altstadt treten die Guggen-Blechmusikbands auf. Die Prachtlaternen aller Cliquen werden vor dem Münster ausgestellt.

"Ich bin schon seit Jahren dabei, aber es entwickelt sich immer wieder etwas Neues, bei Begegnungen in den Straßen und Kneipen", sagt Thierry. Donnerstagnacht dann der "Endstreich", ein letztes Antrommeln und Flöten gegen die Rückkehr in den Alltag. Das Affenfell wandert in den Schrank. Im Kopf aber klingen Flöten und Trommel nach.

Das Warten auf das nächste Jahr hat begonnen.

Volker Hasenauer
(KNA)

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