Bischof Stefan Oster
Bischof Stefan Oster

03.10.2018

Jugendbischof Oster zu Jugend, Kirche, Missbrauch und Synode "Vor allem anderen: Jesus"

Was erwartet Jugendbischof Stefan Oster von der Jugendsynode, die an diesem Mittwoch im Vatikan startet? Im Interview erklärt er, warum er es wichtig findet, dass die Synode trotz oder gerade wegen der aktuellen Missbrauchskrise wie geplant stattfindet.

KNA: Wie passt die Jugendsynode in die aktuelle Krisensituation der Kirche?

Stefan Oster (Bischof von Passau und Jugendbischof der Deutschen Bischofskonferenz): Eigentlich eher gut. Die Betroffenen beim Thema Missbrauch sind oder waren ja Kinder und Jugendliche. Und wir diskutieren auf der Synode über existenzielle Fragen von Jugendlichen für ihr Leben. Ich hoffe, dass die Debatte dort auch ausführlich stattfinden kann - vielleicht sogar mit einer Art eigenem Studientag. Denn die Krise trägt ja einen starken Veränderungsimpuls für die Kirche in sich.

KNA: Einige Teilnehmer haben schon abgesagt, andere fordern eine Komplettabsage der Synode.

Oster: Das hielte ich für kontraproduktiv. Zum einen muss das Thema auf den Tisch. Zum anderen aber dürfen wir uns, auch wenn es dramatisch ist, nicht davon erdrücken lassen. Kirche hat trotz allem weiterhin zuerst die Botschaft des Lebens und der Freude. Selbst mitten im Leid leuchtet immer noch das Licht Jesu auf. Ich will da gar nichts schönreden, um Gottes Willen; aber wir müssen wieder in die Lage kommen, glaubwürdig und überzeugend die frohe Botschaft zu verkünden vom Leben, das Leid und Tod besiegt. Und ich bin überzeugt, dass auch für die von Missbrauch Betroffenen das Heil immer noch in der Kirche, weil bei Christus, zu finden ist - trotz der Sünden von Kirchenvertretern. Freilich: Für viele ist das notgedrungen oft ein langer Weg.

KNA: Das Thema Missbrauch hat die Katholiken insbesondere in Irland, den USA und jetzt in Deutschland stark beschäftigt. Wie sieht es in den anderen Ländern aus? Wollen die überhaupt darüber reden?

Oster: Wenn das Thema dort noch nicht angekommen ist, liegt die Betonung auf «noch». Wenn ich zum Beispiel mit Mitbrüdern von meinem Salesianerorden aus Indien spreche, sagen die auch: Sexuelle Gewalt in der ganzen Gesellschaft ist ein Riesenproblem. Und sie sehen die Gefahr einer Überhöhung des Priesterbilds; Mechanismen, die Missbrauch vielleicht sogar noch stärker begünstigen könnten als in unserem westlichen Kontext. Ich denke, da kommt noch einiges auf die Kirche zu, und ich hoffe, dass weltweit die Sensibilisierung wächst.

KNA: Mit all diesen Vorzeichen: Was erhoffen Sie sich insgesamt von der Synode?

Oster: Der Papst spricht immer von einer missionarischen Bekehrung der Kirche, die dabei auch radikal auf die Seite der Anderen, der Armen, der Schwachen, der Sünder tritt und von diesen her denkt, lebt, liebt. Und so müssen wir jetzt auch von den Jugendlichen her denken, auch von den Jugendlichen in Not. Ich hoffe, wir werden sensibler für ihre Nöte und Hoffnungen. Zum anderen spüren wir, dass es schwerer wird, jungen Menschen den Glauben zu verkünden und sie zu begleiten.

Wie schaffen wir es, auch angesichts unserer eigenen Fehler und Skandale, überzeugend zu vermitteln: Da gibt es etwas - besser jemanden -, der deinem Leben hilft. Ich hoffe auch auf gute Beispiele gelingender Glaubenskommunikation aus anderen Ländern. Und nicht zuletzt wäre es sehr schön, am Ende ein Synodendokument als Ergebnis zu haben, das uns konkret hilft in der täglichen Arbeit mit jungen Menschen. Unsere Katechese erschöpft sich ja oft auf Erstkommunion- und Firmvorbereitung. Und danach? Hier würde ich mich freuen, viele gute Impulse zu bekommen.

KNA: Die Mitwirkungsmöglichkeiten für Synoden sind verstärkt worden.

Aber reicht das Jugendlichen, um zu spüren, dass man sie und ihre Anliegen ernst nimmt?

Oster: Die Frage ist eigentlich, ob das überhaupt geht im Format Bischofssynode. Da ist zwar heute schon viel mehr möglich geworden an Mitsprache für Jugendliche - in der Vorbereitung und in der Synode selbst. Aber es ist natürlich noch weit entfernt von demokratischen Beteiligungsmöglichkeiten, wie wir sie in Politik und Gesellschaft gewöhnt sind. Dazu braucht es aber vermutlich zusätzlich andere Formate neben der Synode.

KNA: Aus Deutschland kommen Forderungen von den Jugendverbänden nach mehr Rechten für Frauen, nach der Anerkennung homosexueller Partnerschaften und ähnlichem mehr. Wird die Synode da etwas ändern?

Oster: Unser BDKJ-Vorsitzender Thomas Andonie nimmt ja selbst teil an der Synode und wird diese Themen dort sicher einbringen. Bei uns in den Verbänden wird das von einer großen Mehrheit gefordert. Aber wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass das in anderen Regionen ganz anders aussehen kann. Und ja, es ist wichtig, diese Themen zu hören und zu besprechen. Dass Frauen in der Kirche mehr Einfluss auch in Leitung bekommen sollen, ist für mich auch persönlich wichtig und evident - und zwar unabhängig von der Frage nach dem Zugang zum Weiheamt.

In der Sexualmoral müssen wir in jedem Fall sprachfähiger werden. Es gibt ja kaum noch einen Jugendlichen, der die katholische Sexualmoral für gut oder vernünftig hält, auch wenn er sie vielleicht nicht leben kann. Das heißt: Wir haben hier ein echtes Kommunikationsproblem.

Daher: Darüber sprechen werden wir sicher, aber «ändern» im Sinne einer Änderung der Lehre sehe ich nicht. Einander besser verstehen wäre schon richtig viel.

KNA: Klingt schwierig. Welche Rolle spielt Kirche denn überhaupt noch im Lebensalltag junger Menschen? Das Synodenthema impliziert ja, dass die Kirche jungen Menschen bei ihren Lebensentscheidungen helfen will.

Oster: Wir können heute nicht mehr zuerst mit Moral oder Dogma kommen. Zuerst geht es um Dienst, Liebe, Freundschaft, vor allem um die Begegnung mit Christus. Und wenn ich dann gefragt werde «warum lebst du so?», dann muss ich überzeugend von meinem Glauben berichten und davon, wie er befreit und hilft - und womöglich dann auch, warum das alles auch im Dogma oder in der Moral enthalten ist. Konkrete Menschen überzeugen, nicht zuerst Lehrsätze. Junge Menschen sehnen sich nach einer authentischen Kirche, und authentisch vermittelt sich immer durch Menschen. Sie müssen spüren: In dieser Frau, in diesem Mann der Kirche gibt es etwas, das freier und tiefer und erfüllter leben lässt. Und dann sagen sie vielleicht: Das will ich auch! Es wäre schön, wenn das immer häufiger gelingen könnte.

KNA: Wie bewerten Sie das doch sehr umfangreiche Arbeitsdokument für die Synode?

Oster: Ich bin erstaunt, dass es so differenziert ist und versucht, die Situation von ganz vielen Jugendlichen in aller Welt einzufangen.

Bis hin zu jungen Menschen am Rand, die etwa im Gefängnis sitzen, als Kinderprostituierte ausgebeutet werden, unter den Folgen des Klimawandels leiden und so weiter. Hier kommt vieles in den Blick, was wir gern verdrängen. Aber auch sperrige Themen wie eben die Sexualmoral kommen zur Sprache. Es geht wirklich ans Eingemachte, auch geistlich. Und es führt am Ende zu dem großen Thema "Heiligkeit" - und das ist viel mehr als nur ein "Humanismus der Nettigkeit".

KNA: Am Ende übergeben die Synodenväter dem Papst eine Synthese ihrer Beratungen. Welchen Satz würden Sie dort gerne hineinschreiben?

Oster (überlegt): Vier Worte: "Vor allem anderen: Jesus". Viel zu selten gelingt es heute, junge Menschen in eine Art unmittelbarer Berührung oder Begegnung mit dem Herrn zu führen. Aber das ist im Grunde das glühende Herz unseres Dienstes.

Das Interview führte Gottfried Bohl.

(KNA)

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