Haifa-Fans zeigen auf der Tribüne israelische Flaggen
Haifa-Fans zeigen auf der Tribüne israelische Flaggen

04.10.2021

Pfarrer erlebt antisemitische Beleidigungen im Olympiastadion "Das habe ich so zum ersten Mal erlebt"

Eigentlich war es ein geschichtsträchtiges Spiel zwischen Maccabi Haifa und dem 1. FC Union Berlin. Plötzlich kommt es zu antisemitischen Beschimpfungen und Übergriffen unter den Fans. Elmar Werner war beim Spiel und hat alles miterlebt.

DOMRADIO.DE: Es war das erste Pflichtspiel einer israelischen Fußball-Mannschaft im Olympia-Stadion in Berlin. Eine geschichtsträchtige Partie, denn 1936 war das Olympia-Stadion das erste Prestige-Stadion, dass Adolf Hitler erbauen ließ. Am Donnerstag standen die Spieler vom israelischen Verein Maccabi-Haifa im Europapokalspiel dem 1. FC Union Berlin gegenüber. Während des Spiels wurden Fans von Maccabi-Haifa antisemitisch beschimpft. Jetzt ermittelt der Staatsschutz. Was genau haben Sie im Stadion erlebt?

Elmar Werner (Evangelischer Pfarrer und Geschäftsführer der Agentur "Deutsch und Israelische Projekte"): Ich selber war mit einer israelischen Freundin da und die wollte dann in den Fanblock von Maccabi-Haifa und wir sind dann durch das Stadion gewandert. Ich hatte einen Schal von Ajax Amsterdam von der F-Side um, das ist der jüdische Fanblock und darauf war ein großer Davidstern. Wir selber haben uns dann vorher schon ein paar Sprüche anhören müssen.

Aber wir saßen dann in dem Block von Maccabi-Haifa und da war auch eine tolle Stimmung. Plötzlich kam mitten in der ersten Halbzeit eine ganze Truppe rein. Da habe ich mich schon gewundert, warum die mitten im Spiel in diesen Fanblock kommen. Das waren die Leute, die angegriffen worden sind. Die hat man dann in den Fanblock von Haifa umgeleitet und ich habe auch gesehen, dass da Bierbecher geflogen sind. Das war nicht so schön.

DOMRADIO.DE: Mittlerweile ermittelt der Staatsschutz. Gab es denn Reaktionen aus der Vereinsspitze von der Berliner Seite aus?

Werner: Also ich bin ja selber Union Mitglied. Die haben schon darauf reagiert und auch den Staatsschutz unterstützt. Es wurde auch eine Presseerklärung veröffentlicht, die ich gelesen habe, der Pressesprecher hat sich auch geäußert. Die haben es natürlich verurteilt und versuchen jetzt mitzuhelfen, dass die Leute gefasst werden.

Alle Tickets sind auf den jeweiligen Namen zugelassen worden, aber es ist die Frage, ob die Leute sich dann auf ihre Plätze gesetzt haben. Ins Olympia-Stadion passen 76.000 Besucher und es waren 23.000 da. Das heißt, dass nicht alle unbedingt auf ihren festgelegten Plätzen gesessen haben. Wir hoffen mal, dass diese Leute gefasst werden, weil das wirklich nicht schön war. Eine Beleidigung ist schon übel genug, aber die haben versucht, eine israelische Fahne anzuzünden, die aber einer Jugendlichen um den Hals gehangen hat.

DOMRADIO.DE: Gibt es denn schon Reaktionen der Verantwortlichen oder der Spieler von Maccabi-Haifa zu den Vorfällen?

Werner: Ja, ich habe mit dem Pressesprecher von Haifa gesprochen, die haben das natürlich erstmal nicht so mitgekriegt. Aber die haben dann natürlich auch gesagt, dass das unmöglich ist. Für sie war das sowieso schon ein besonderes Spiel. Sie hatten vorab eine Reportage gemacht, woran ich beteiligt war. Darin hat der Pressesprecher schon über die Bedeutung gesprochen.

Er hat auch großen Wert darauf gelegt, dass er nicht auf Englisch interviewt werden möchte, sondern auf Hebräisch. Das war für ihn ein Zeichen. Sie waren schon ziemlich entsetzt, dass dann solche Vorfälle auf der Tribüne stattgefunden haben.

DOMRADIO.DE: Fußball ist für Sie ja seit über 40 Jahren ein Mittel, um die deutsch-israelische Freundschaft in Gang zu bringen und zu festigen. Schon vor der Wende in Ostberlin haben Sie einen ökumenischen Fußballverein gegründet und nach dem Mauerfall haben Sie auch immer wieder Fußballspiele organisiert. Sind solche Fan-Ausschreitungen immer wieder traurige Begleiterscheinungen?

Werner: Also so massiv muss ich ehrlich sagen, habe ich es noch nicht erlebt. Ich habe das erste Mal 1996 Jerusalem als israelische Mannschaft nach Deutschland zu einem Trainingslager geholt. Da haben sie übrigens auch in Berlin gespielt gegen Hertha BSC, aber mit Absicht nicht im Olympia-Stadion.

Und Union hat auch schon mal in Tel Aviv gespielt, was ich damals organisiert habe. Da konnte ich Gott sei Dank nicht feststellen, dass da irgendetwas vorgefallen ist. Das war völlig in Ordnung, auch in anderen Städten. Dass es so massiv aufgetreten ist, muss ich sagen, habe ich persönlich das erste Mal erlebt.

DOMRADIO.DE: Sie sind ja selber Mitglied bei FC Union. Können oder wollen Sie da als Mittler jetzt noch in irgendeiner Weise eingreifen?

Werner: Ich habe ja mit dem Präsidenten schon vor geraumer Zeit gesprochen. Der ist auch sehr interessiert daran, dass ein Jugendaustausch stattfindet zwischen der israelischen Mannschaft und dem Nachwuchs-Center von Union. Das ist jetzt ein bisschen in den Hintergrund getreten durch Corona.

Ich denke, dass man das aber gerade jetzt durch diese Vorfälle nochmal aufleben lassen sollte, weil das ja ein Zeichen setzt. Außerdem ist es auch eine gute Sache, weil gerade im Jugendalter die Grundlagen gegen Antisemitismus und Rassismus gelegt werden müssen.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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