Christlich-jüdische Zusammenarbeit koordinieren
Symbolbild Christentum Judentum

14.02.2021

Rabbiner Ahrens über neue Plakat-Kampagne der beiden Kirchen "Es ist nicht alles gleich"

Im Januar haben die katholische und evangelische Kirche in Zusammenarbeit mit Vertretern des Judentums eine Plakat-Kampagne gestartet. Damit wollen sie sich gegen Antisemitismus wenden und für ein stärkeres Miteinander von Christen und Juden werben. 

Ein Jahr lang werden Plakate in der Öffentlichkeit angebracht, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei Feiertagen thematisieren und so über beide Religionen informieren wollen. Auf einer Internetseite finden sich weiterführende Texte sowie Unterrichtsmaterialien. Begleitet wird die Kampagne mit digitalen Expertengesprächen. Der Darmstädter orthodoxe Rabbiner Jehoschua Ahrens setzt sich bei der Kampagne mit pädagogischen Materialien auseinander. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) äußert er sich über das Ziel der Kampagne, mögliche Missverständnisse und den christlich-jüdischen Dialog.

KNA: Rabbiner Ahrens, die neue Kampagne heißt "#beziehungsweise: jüdisch und christlich - näher als du denkst". Wie verstehen Sie dieses Motto?

Jehoschua Ahrens (Orthodoxe Rabbiner): Wir stehen als Juden und Christen in einer Beziehung zueinander. Das heißt aber nicht, dass alles gleich wäre. Bei den Inhalten der Kampagne soll deutlich werden, wo Gemeinsamkeiten und wo Unterschiede sind.

KNA: Die Kampagne findet in dem Jahr statt, in dem 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert werden. An wen genau richtet sie sich?

Ahrens: Es ist eine christlich-ökumenische Aktion, mit der vor allem Kirchenmitglieder angesprochen werden. Sie wendet sich vor allem an die Kirchenbasis, was ich sehr gut finde. Die Plakate sollen auch in Schaukästen von Gemeinden ausgehängt werden. Die Kampagne soll einen Anstoß geben, sich im Festjahr mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wichtig ist es dann, dass die Landeskirchen und Bistümer dafür sorgen, dass Ansprechpartner und weitere Materialien zur Vertiefung des Themas bereitstehen. Wir sind dabei, dies zu erarbeiten.

KNA: Was kann eine solche Kampagne denn konkret zum Verständnis füreinander, für ein besseres Miteinander beitragen?

Ahrens: Das wichtigste ist, eine Wahrnehmung des Themas zu erreichen. Die meisten Menschen wissen wenig über jüdisches Leben oder kennen gar keine Juden. Judentum ist nicht nur eine Frage der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart.

KNA: Oft wird von jüdischer Seite bemängelt, dass jüdisches Leben in der Öffentlichkeit zu wenig thematisiert wird.

Ahrens: Wir dürfen nicht vergessen: Das Gedenken an die Schoah und die Erinnerungskultur sind sehr wichtig. Auch gibt es sehr reale Gefahren durch Antisemitismus. Aber genauso wichtig wäre es, dass wir jüdischen Alltag heute zeigen. Juden sollten nicht ausschließlich auf das Opferdasein reduziert werden. Heute gibt es in Deutschland ein lebendiges und facettenreiches jüdisches Leben. Wir werden sehen, ob es in diesem Festjahr gelingen wird, den Fokus darauf zu lenken. Lange war der christlich-jüdische Dialog auf Versöhnungsarbeit ausgerichtet, was in Deutschland verständlich ist. Heute gibt es hierzulande aber ein jüdisches Leben, wie wir es nach der Schoah lange nicht hatten. Das ist in der Wahrnehmung natürlich auch eine Generationenfrage.

KNA: Die Plakat-Kampagne ist stark auf jüdische und christliche Feste und Feiertage ausgerichtet. Jüdisches Leben ist ja noch mehr...

Ahrens: Die Feiertage und der Lebenszyklus begleiten die Menschen. Es ist wie im Christentum: Auch säkulare Christen können sehr wohl etwas mit Weihnachten anfangen, das Fest ist ihnen wichtig. Die Kampagne ist eine Brücke, es handelt sich um Themen, mit denen die Menschen etwas verbinden. Nehmen Sie zum Beispiel Sukkot, das Laubhüttenfest. Im Festjahr ist geplant, dass überall in Deutschland Ende September Laubhütten aufgebaut und Nichtjuden zu dem Fest eingeladen werden. Das ist vielleicht nicht ganz unproblematisch, denn es ist ja ein jüdisches Fest. Trotzdem halte ich es grundsätzlich für eine sehr gute Idee, sich zu öffnen und auch Nichtjuden in diesem Rahmen am jüdischen Lebens teilhaben zu lassen.

KNA: Begegnungen gelten als gutes Mittel, um Vorurteile abzubauen.

Ahrens: Genau, Bildung und Begegnungen. Dabei können wir zeigen, dass jüdische Traditionen zwar anders aussehen als christliche, dass Juden aber auch ganz normale Menschen sind. Es soll dem vorbeugen, was oft passiert, nämlich, dass das Fremde und Unbekannte als Bedrohung wahrgenommen wird. Im direkten Kontakt können Hemmschwellen abgebaut werden. In allen Begegnungen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Religionen sieht man, dass die Unterschiede, gerade auch die Feste, interessant und bereichernd sein können. Mit einer solchen Kampagne können wir natürlich nicht alle Menschen erreichen und schon gar nicht die, bei denen sich Antisemitismus festgesetzt hat. Aber wir können Interessierte damit ansprechen, für die das Judentum und der interreligiöse Dialog noch immer Nischenthemen sind.

KNA: Wie blicken Sie auf die Plakate?

Ahrens: Man kann einige Plakate kritisch sehen, die aber übrigens nicht in allen Regionen Deutschlands identisch sind. Für mich sind sie in erster Linie ein Aufhänger, dem im Idealfall eine tiefergehende Beschäftigung mit dem Thema folgt, beispielsweise durch Materialien und weiterführende Texte auf der Internetseite der Kampagne.

KNA: Was genau sehen Sie kritisch?

Ahrens: Es darf keine Gleichmacherei entstehen. Wenn auf einem Plakat der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur, der Versöhnungstag, dem Tage der Buße vorausgehen, Buße und Abendmahl im christlichen Kontext gegenübergestellt wird, oder auf einem anderen Plakat Brit Mila, also die Beschneidung von Jungen, der Taufe, dann geht das theologisch nicht so zusammen. Gleichwohl sind die Plakate erstmal Blickfänger, um sich weiter damit zu beschäftigen. Und Widerspruch kann ja Aufmerksamkeit erregen. Wir waren als Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland nicht von Anfang an eingebunden. Wir hätten manches anders gemacht, aber wir tragen das Konzept grundsätzlich mit.

KNA: Haben Sie schon erste Reaktionen auf die Kampagne erhalten?

Ahrens: Dafür ist es wohl noch zu früh. Eine aussagekräftige Bilanz kann man erst wirklich nach einem Jahr ziehen.

KNA: Wo steht aus Ihrer Sicht der christlich-jüdische Dialog?

Ahrens: Ich denke, da ist noch viel zu tun. Momentan gibt es einen Generationen- und Strukturwechsel, und es wird sich zeigen, wie es weitergeht. Ich bin da sehr optimistisch: Es gibt eine Vielfalt, und jüdisches Leben wird mit seinen Inhalten besser wahrgenommen. Mittlerweile tragen Juden mehr zum Dialog bei, so dass nicht ausschließlich Christen über das Judentum sprechen. Es ist viel im Fluss, auch die Themen ändern sich, und wir wissen noch nicht, wohin die Reise geht. Insgesamt wäre es wünschenswert, wenn die Gesamtgesellschaft und die Politik erkennen würden, dass die Religionen bei der Stärkung einer demokratischen, pluralen und toleranten Gesellschaft sehr viel beitragen können. Das würde auch gegen Antisemitismus, Rassismus und Populismus helfen.

Leticia Witte
(KNA)

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