Polizistin steht vor einer Synagoge
Polizistin steht vor einer Synagoge

09.10.2020

Debatte über Sicherheit von Synagogen "Da ist viel passiert"

Was tun, damit Synagogen nach dem Anschlag von Halle vor einem Jahr besser geschützt sind? Experten sagen, ein Umdenken habe eingesetzt. Nach dem Angriff in Hamburg vor ein paar Tagen flammt die Debatte neu auf.

Betende Juden in Todesangst, zwei Tote, mehrere Verletzte und gesellschaftspolitische Nachwirkungen bis heute: Vor einem Jahr griff ein bewaffneter Mann am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur die Synagoge in Halle an. Gegen den geständigen Tatverdächtigen läuft derzeit in Magdeburg der Prozess, ihm werden antisemitische und rassistische Motive zur Last gelegt.

Der Anschlag gilt, auch im Ausland, als ein extremes Beispiel für Antisemitismus in Deutschland. Neben all dem menschlichen Leid: Die Tat zog eine breite Diskussion über eine nicht ausreichende Polizeipräsenz im konkreten Fall in Halle und die Sicherheit von Juden und Synagogen allgemein nach sich - die jetzt wieder neu aufflammt, nach dem Angriff auf einen Juden vor der Synagoge in Hamburg am Laubhüttenfest. Der Täter verletzte den Mann schwer am Kopf.

22 Millionen Euro von der Bundesregierung

Nach Halle hatte die Debatte durchaus konkrete Folgen: So stellte die Bundesregierung zusätzlich 22 Millionen Euro bereit. Damit sollen Sicherheitsmaßnahmen auf ein «bundeseinheitliches Niveau» angehoben werden. Dass Juden hierzulande sicher leben könnten, sei "deutsche Staatsräson", sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, erklärte, dass die Ausgaben für die nötige Sicherheit für die jüdischen Gemeinden häufig eine "erhebliche finanzielle Belastung" seien.

Am Dienstag schlossen das Land Sachsen-Anhalt und die Jüdische Gemeinschaft unter anderem eine Vereinbarung zu baulich-technischen Sicherungsmaßnahmen und zum Wachpersonal. Es sieht für 2020 rund 890.000 Euro und für 2021 rund 1,5 Millionen Euro vor.

Nach den Attacken von Halle und Hamburg hatten viele Juden und auch Nichtjuden ihrer Empörung freien Lauf gelassen: "Keine Sonntagsreden mehr", so die Forderung. Gemeint war, dass es nicht ausreiche, Betroffenheit zu zeigen - und am Ende verändert sich doch nichts.

Viel passiert

Aus Sicht des Generalsekretärs der Konferenz der Europäischen Rabbiner, Gady Gronich, kam es anders: "Da ist viel passiert, das waren keine Sonntagsreden." Er dankte der Bundesregierung für den Millionenzuschuss - ob der am Ende reicht, werde sich herausstellen. Fest stehe: "Das kann ein gutes Modell für Europa werden." Denn andere europäische Staaten hätten wegen Halle nicht umgedacht und den Schutz jüdischer Objekte nicht neu überprüft. Doch das könne sich als trügerisch erweisen, so Gronich angesichts weltweit zunehmender Gewalttaten gegen Juden.

In Deutschland müssen Gronich zufolge Gemeinden mitunter bis zu 50 Prozent ihres Etats für Sicherheit ausgeben - das Geld fehlt dann etwa für Bildungsprojekte. Wenn es gar nicht anders geht, komme finanzielle Hilfe auch von der Jewish Agency in Israel oder vom Jüdischen Weltkongress. Das hohe Maß an Sicherheit "gehört leider zur Normalität", bedauert Gronich. Und werde dringender: Er verweist auf Hetze im Internet und auf Schulhöfen, verschärft durch aktuelle Verschwörungsmythen. "Der Weg vom Hass zur Tat ist sehr kurz, wie erst jetzt der Angriff auf einen jüdischen Studenten in Hamburg gezeigt hat."

Interreligiöser Dialog als Präventionsmaßnahme

Gronich betont, dass nicht nur Polizisten und Technik jüdisches Leben schützten. Dazu gehöre auch schlicht Normalität, so dass Juden nicht mehr als fremd betrachtet würden. "Dazu braucht es Religionsfreiheit" - die sich im Respekt vor rituellen Schlachtungen von Tieren oder der Beschneidung von Jungen ausdrücke. Nötig sei aber auch eine größere Selbstverständlichkeit, dass jüdisches Leben zum Alltag gehöre.

Gronich hofft, dass nicht zuletzt die Corona-Pandemie die Bedeutung von Respekt und Zusammenhalt vor Augen führt: "Gemeinsam sind wir stärker. Und wir sind alle ganz normale Menschen, die auch mehrheitlich dieselben Bedürfnisse haben." Er empfiehlt, dies bereits Schulkindern zu vermitteln. Und setzt auf interreligiösen Dialog - zum Beispiel im nächsten Jahr, in dem 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert wird.

Die Gemeinde in Halle hat technisch aufgerüstet: "Es wurde sehr viel gemacht, und wir haben hier dauerhaft Polizeipräsenz", sagt Rabbiner Elischa Portnoy. Polizisten seien vor dem Gebäude stationiert. Zudem seien Videokameras an der Mauer der Synagoge angebracht worden, deren Bilder zur Polizei gesendet würden. Mit den Beamten gebe es mittlerweile eine "sehr gute Kommunikation".

Und da ist nicht zuletzt die neue Tür - die in der Zwischenzeit die weltberühmte Holztür ersetzt hat, die dem Angreifer standhielt und über 50 Menschen in der Synagoge das Leben rettete.

Leticia Witte
(KNA)

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