Aiman Mazyek, Zentralrat der Muslime: Keine Religion hat Vorrang
Symbolbild Weltreligionen: Kreuz, Kippa und Koran
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden
Abraham-Josef Lehrer
Abraham Lehrer von der Kölner Synagogen-Gemeinde

29.05.2019

Zentralrats-Präsident Schuster wirbt für jüdisch-islamischen Dialog Begegnung auf Augenhöhe

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, wirbt für ein gutes Miteinander zwischen Juden und Muslimen. Mit dem Einzug der AfD in Landtage und in den Bundestag habe sich die politische Lage verändert.

Der Austausch zwischen Juden und Muslimen ist nach Ansicht des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, wichtiger denn je. "Denn mit dem Einzug der AfD in unsere Landesparlamente und in den Bundestag hat sich die politische Lage verändert", schreibt er in der "Süddeutschen Zeitung" (Mittwoch). Damit habe eine Partei "enorm an Einfluss gewonnen, die Islamfeindlichkeit in allen Facetten verbreitet."

Jüdisch-muslimische Begegnung auf Augenhöhe

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte unter dem Titel "Prävention durch Dialog: Jüdisch-muslimisches Gespräch neu gedacht" ein neues Projekt gestartet. "Radikalisierung und Antisemitismus in Teilen der muslimischen Gemeinschaft bereiten uns Sorge und sind ein Problem für die Demokratie insgesamt. Mit der direkten jüdisch-muslimischen Begegnung auf Augenhöhe möchten wir Vorbehalte abbauen und damit frühzeitig einer Radikalisierung vorbeugen", hatte Schuster Mitte Mai zum Auftakt erklärt. Das Projekt wird von der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, gefördert.

Zum Thema Antisemitismus unter Muslimen erklärte Schuster in der "Süddeutschen Zeitung": "Wir wollen mit unseren intergenerationell angelegten Dialogformaten dazu beitragen, Antisemitismus im Keim zu ersticken. Daher sprechen wir von Prävention." Man wolle keine "bereits Radikalisierten deradikalisieren - vielmehr wollen wir einer antisemitischen Radikalisierung vorbeugen. Eine solche Prävention in Verbindung mit einem fairen Dialog zu praktizieren, ist der innovative Ansatz des Projekts. Wer darin einen Generalverdacht gegen Muslime sieht, hat den Kern unseres Projekts nicht verstanden", so Schuster.

Schuster begrüßt solidarisches Kippa-Tragen

Der Präsident des Zentralrats der Juden unterstützt den Solidaritätsaufruf des deutschen Antisemitismus-Beauftragten Felix Klein zum Tragen der Kippa. "Ich denke, er möchte damit als Symbolkraft die Solidarität der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft zum Ausdruck bringen. Ich glaube, das ist ein Zeichen, das gut ist", sagte Schuster am Mittwoch im Bayerischen Rundfunk. Vielleicht werde die Aktion am Samstag manchem die Augen öffnen, so der Zentralratspräsident.

Wenn es Gruppierungen gebe, die den gesellschaftlichen Konsens in Deutschland hinterfragten, "nämlich Religionsfreiheit für alle", müsse man klar dagegen argumentieren, erklärte Schuster. Entscheidend seien aber auch Schule und Elternhaus. "Kein Mensch, kein Kind, kein Jugendlicher wird als rechtsextrem oder als Antisemit geborgen. Es muss irgendwo im Laufe des frühen Lebens zu einer Prägung kommen." Daher brauche es eine bessere Aus- und Fortbildung von Lehrern, damit sie sich "adäquat artikulieren und adäquat handeln können", wenn sie mit dem Thema konfrontiert würden, forderte der Zentralratspräsident.

Der Nahostkonflikt werde auch auf den Schulhöfen Deutschlands ausgetragen, fügte Schuster hinzu: "Die schwierigen Vorzeichen, unter denen der jüdisch-muslimische Dialog steht, lassen sich in ein paar Namen übersetzen, die da lauten Hamas, Hisbollah oder IS." Es sei dieser politische Hintergrund, der auch den Zentralrat der Juden veranlasst habe, "in größerem Stil in den jüdisch-muslimischen Dialog einzutreten".

Lehrer: Judentum ist nicht nur Erinnerungskultur

Bei einer Podiumsdiskussion am Dienstagabend in Köln äußerte sich der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, in Deutschland zu einem verstärkten Dialog zwischen Juden und Christen. Lehrer wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für das kulturelle Leben des Judentums jenseits des Holocaust-Gedenkens. "Wir wollen ein offenes Bild des Judentums präsentieren", sagte er. Dieses Miteinander sei zu großen Teilen geprägt durch das Gedenken an den Holocaust sowie durch Debatten über die Kämpfe im Nahen Osten. Dabei definiere sich das Judentum durch mehr und habe sich insbesondere seit der Zuwanderung aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien in den 1990er Jahren positiv entwickelt.

Lehrer erklärte, viele kulturelle Veranstaltungen der jüdischen Gemeinden seien öffentlich zugänglich, auch wenn man auf die Sicherheitsmaßnahmen rund um jüdische Gebäude derzeit nicht verzichten könne. Es gelte zu verdeutlichen, was Religionen ausmache und wie sie die Gesellschaft vorangebracht hätten. Das Werben "für Toleranz und Respekt" sei von großer Bedeutung. Der Vorstandsvorsitzende der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Jürgen Wilhelm, fügte hinzu: "Wenn wir den Mund aufmachen, hat Antisemitismus eine viel kleinere Chance."

Lehrer und der Kölner Weihbischof Rolf Steinhäuser betonten die Wichtigkeit des interreligiösen Austauschs. "Wir müssen heute froh sein, wenn die jüdische Gemeinde mit uns sprechen will und uns als jüngere Brüder akzeptiert", sagte Steinhäuser. Er verwies zudem auf Spuren jüdischen Lebens im Kölner Dom. Erste Anzeichen jüdischen und christlichen Lebens habe es ungefähr zeitgleich im frühen dritten Jahrhundert in Köln gegeben, als beide Religionen noch Minderheiten waren.

Zahl der antisemitistischen Straftaten gestiegen

Die Zahl der antisemitischen Straftaten ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Nach der Mitte Mai vorgestellten Statistik politisch motivierter Kriminalität gab es 2018 1.799 judenfeindliche Straftaten, 69 davon waren Gewalttaten. Insgesamt war das ein Plus von fast 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr (1.504).

(KNA, epd)

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